Studie

Deutsch-Türken fühlen sich unerwünscht

Die allermeisten türkischstämmigen Menschen in Deutschland haben ein positives Bild ihres neuen Landes und sie teilen die Werte des Grundgesetzes. 83 Prozent glauben, man könne guter Muslim und guter Deutscher sein. Fast 80 Prozent sagen, es sei richtig, dass ihre Familie nach Deutschland gekommen sei.

Nicht die gleichen Bildungschancen

Aber ihre Einstellungen zu familiären Fragen unterscheiden sich deutlich von denen der deutschen Bevölkerung und gleichen eher denen der Türken in der Türkei. Gleichzeitig erwartet die Minderheit mehr Respekt der Mehrheitsgesellschaft für ihre Kultur. 45 Prozent fühlen sich in Deutschland unerwünscht. 54 Prozent glauben, sie hätten nicht die gleichen Bildungschancen wie die Deutschen.

Das geht aus einer Untersuchung der zusammengehörenden Meinungsforschungsinstitute Info aus Berlin und Liljeberg in Antalya (Türkei) hervor. Erstmals wurden in einer repräsentativen Umfrage die Haltungen der Deutschtürken mit denen von Deutschen und Türken verglichen.

Die Daten offenbaren die Identitätsprobleme vieler der 2,7 Millionen Deutschtürken, von denen jeder Dritte in Deutschland geboren ist und weitere 31 Prozent seit mindestens 30 Jahren hier leben: 62 Prozent sagen, sie fühlen sich in Deutschland als Türken und in der Türkei als Deutsche. 42 Prozent planen eine Rückkehr in die Türkei, wenn auch sehr vage. Die Jüngeren träumen noch ein wenig häufiger von der Rückkehr in die Heimat als ihre Eltern und Großeltern. Nur jeder fünfte Deutschtürke betrachtet Deutschland als Heimat, 38 Prozent geben beide Länder als Heimat an. Dabei meint jeder Dritte, besser Deutsch als Türkisch zu sprechen, bei den Jungen unter 29 sind sogar zwei von drei dieser Ansicht. Fast allen (85 Prozent) ist klar, dass nur die deutsche Sprache in Deutschland zum Erfolg führt.

Die Ergebnisse der Befragung zeichnen ein Bild, das für ethnische Minderheiten auch in anderen Ländern typisch ist. Die Integration in den Arbeitsmarkt, die Konsumwelt und die Alltagskultur ist weiter, als es Kritiker beklagen. 51 Prozent sind berufstätig, deutlich häufiger als Deutsche jedoch in an- oder ungelernten Tätigkeiten.

Die Einkommen der deutschtürkischen Haushalte sind nur etwas niedriger als die der Deutschen, jedoch lebt mit durchschnittlich 3,5 Personen auch eine Person mehr im Haushalt. Wie bei allen Bürgern Deutschlands bezeichnet auch unter den Zugewanderten die Hälfte ihre finanzielle Lage als gut. Die Deutschtürken nutzen deutsche Fernsehsender und Tageszeitungen etwas mehr als türkische.

Schlechteres Bildungsniveau

Unter den Einwanderern halten sich deutlich weniger als im Herkunftsland für religiös und praktizieren ihre Religion auch. So trägt nur jede dritte deutschtürkische Frau ein Kopftuch, in der Türkei sind es zwei von drei. Die formalen Bildungsabschlüsse, von denen jedoch die Mehrheit in der Türkei erworben wurde, unterscheiden sich nicht wesentlich von den deutschen Befragten. Das Bildungsniveau liegt deutlich über dem der Türkei.

Auf vielen Feldern findet also eine Annäherung statt. Wenn es jedoch um Rollenverständnis, Sex oder Familie geht, offenbaren sich dramatische Unterschiede zu in Deutschland vorherrschenden Einstellungen. Die Toleranz gegenüber Homosexuellen, Drogengebrauch oder Schwangerschaftsabbruch ist unter Deutschtürken deutlich geringer als unter Deutschen, aber größer als in der Türkei.

Jeder Dritte befragte Deutschtürke sagt, Erziehung sei Frauensache. Das sind dreimal so viele wie unter den Deutschen, aber deutlich weniger als in der Türkei. Dass Jungfräulichkeit Voraussetzung für eine Eheschließung sei, meinen sechs Prozent der Deutschen, aber fast 40 Prozent der Deutschtürken und 60 Prozent der Türken. Mehr als die Hälfte der Zuwanderer ist überzeugt, die Frau sollte keinen vorehelichen Sex haben. Für Männer sehen das nur knapp 40 Prozent so. 30 Prozent glauben, die Ehre der Familie sei notfalls auch mit Gewalt zu schützen. In der Türkei teilt jeder Zweite diese Meinung, bei den Deutschen jeder Sechste. Insgesamt zeigen sich die Älteren in moralischen Fragen nachgiebiger als die Jüngeren, bei denen laut Studienautor Holger Liljeberg eine Hinwendung zu traditionellen kulturellen Werten zu beobachten sei.

"Die Deutschtürken befinden sich, was ihre Werte angeht, etwa auf dem Niveau der Deutschen in den 60er-Jahren", kommentierte die frühere Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John. Die Unterschiede zwischen Türken in Deutschland und in der Türkei belege, dass das Vorurteil "einmal Türke, immer Türke" falsch sei, sagte John: "Wir sehen eine Entwicklung hin zu einer Wertewelt, die hier üblich ist."