Konflikt um Nachfolge

Lafontaine lässt sich nichts anmerken

regor Gysi, der Fraktionschef der Linken im Bundestag, hat es in diesen Tagen auch nicht leicht. Dass sein früherer Sitznachbar und Kompagnon im Bundestag an Krebs erkrankt ist, beschert ihm immerhin zusätzliche Arbeit.

"Mich belastet schon, dass das jetzt alles auf meinen Schultern alleine hängt", sagte Gysi gestern, "aber ich halte das schon ganz gut durch."

Ohnehin richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit gestern ins Saarland. Denn dort, im Saarbrücker Landtag, hatte Lafontaine mittags seinen großen Auftritt. Erst tags zuvor hatte der Linke-Parteichef über seine Krankheit informiert. Offenbar handelt es sich um Prostatakrebs. Heute wird der 66-Jährige in der Saar-Uniklinik in Homburg operiert.

Doch zur ersten Regierungserklärung der Jamaikakoalition im Saarland gab sich Lafontaine noch einmal kämpferisch. Ministerpräsident Peter Müller (CDU) hatte zuvor angekündigt, ein "wirtschaftlich starkes, ökologisch vorbildliches und sozial gerechtes Saarland" schaffen zu wollen. Lafontaine kritisierte die neue Regierung scharf.

"Wir hören da liebliche Erklärungen, aber keine Vorschläge", sagte er vor dem Landtag. Das Bündnis gebe keine Antworten auf die enormen Finanzprobleme des Landes. Vor und während seiner Rede wirkte Lafontaine gefasst, Sorgen wegen der bevorstehenden Operation waren ihm nicht anzumerken. Seine Krankheit erwähnte er mit keinem Wort. Zu seinen stärksten Auftritten zählte die Rede dennoch nicht. Mal verhaspelte er sich, dann verlor er kurzfristig den Faden, wirkte angestrengt.

In seiner Partei gärt es derweil. Während die Südwest-Linke erklärte, Lafontaine sei derzeit "unverzichtbar" für die Partei, waren aus Thüringen andere Töne zu hören. Die Linke müsse sich gezielt auf die Zeit nach Oskar Lafontaine vorbereiten, unabhängig von der Erkrankung des Parteichefs, befand der Erfurter Fraktionschef Bodo Ramelow. "Es muss sowieso ohne Lafontaine gehen. Das hat nichts mit seiner Krebsoperation zu tun", sagte er der "Leipziger Volkszeitung". "Bei einem Lebensalter von 66 Richtung 67 bei Lafontaine muss man sich als Partei auf den Wechsel vorbereiten", sagte Ramelow. Sachlich war diese Aussage richtig, doch der Zeitpunkt der Äußerung ließ erahnen, wie tief das Zerwürfnis zwischen Ramelow und der Parteiführung sein muss.

Sein Versuch, um fast jeden Preis in Thüringen eine Regierungsbeteiligung zu erzielen, war parteiintern heftig umstritten. Auch mit seinen neuen Äußerungen dürfte sich Ramelow nicht unbedingt Freunde gemacht haben. Vize-Parteichef Klaus Ernst warnte seine Partei vor einer Personaldebatte: "Das wäre schädlich für die Linke und außerdem moralisch verwerflich."

An Lafontaines autoritärem Führungsstil haben sich viele in der Linken gestoßen. Und manch einer sehnt schon länger seinen Rückzug herbei. Doch bei allen Querelen käme ein längerfristiges Ausscheiden Lafontaines aus der Politik für die Partei zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Bis 2011 muss sie ein Programm erarbeiten. Wie schwierig diese Aufgabe ist, hat der Streit über die Regierungsbeteiligung der Linken in Brandenburg gezeigt.

Dennoch kursieren hinter vorgehaltener Hand bereits erste Namen, wer eine mögliche Vakanz an der Parteispitze füllen könnte. Linke-Geschäftsführer Dietmar Bartsch wird genannt, die Vize-Parteivorsitzende Katja Kipping oder auch Bodo Ramelow, der sich in Thüringen ohne Regierungsauftrag nun eher unterbeschäftigt fühlen dürfte.

"Es muss sowieso ohne Lafontaine gehen"

Bodo Ramelow, Fraktionschef der Linken in Thüringen