Wahlen in Baden-Württemberg

Die Grünen feiern ihre schwäbische Revolution

Ohrenbetäubender Jubel und Freudentänze auf der zentralen Wahlparty der Grünen in Stuttgart, als die ersten Hochrechnungen bekannt gegeben werden: Die Ökopartei hat deutlich an Stimmen gewonnen. Dabei sagt ein Parteifreund, der den Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann lange kennt, sichtlich euphorisch, aber auch fast wie unter Schock, "das alles" habe "der Kretsch" doch gar nicht gewollt. Den politischen Wechsel natürlich schon. Aber gleich den Einzug in die Regierungsvilla Reitzenstein?

"Wir freuen uns, wir feiern, und morgen gehen wir dann gleich wieder an die Arbeit." Daran ändert auch nichts, dass Kretschmann in seinem Wahlkreis Nürtingen dem CDU-Konkurrenten unterlag und sein Direktmandat verfehlte. Man wolle den Weg in die Bürgergesellschaft gehen und das Land in eine grüne Richtung umgestalten.

Voraussichtlich werden sie das sogar mit dem Juniorpartner SPD tun. Dabei hatte Kretschmann, ein grüner Ökologe der ersten Stunde, durchaus schon in den 80er-Jahren im Auge mitzuregieren, aber eher an der Seite der CDU. In seiner Partei war das damals, als die Union noch fast als postfaschistisch galt, eine ungeheure Provokation. Kretschmann kämpfte dennoch weiter dafür, aus Überzeugung, dass sich zwei Kräfte da auf eine gute Weise verbinden könnten. Jetzt ist alles ganz anders gekommen, jetzt hat er die Regierungsmacht höchstpersönlich in greifbarer Nähe. Für ihn muss sich der sensationelle Karriereschub tatsächlich anfühlen wie ein Ritterschlag, bei dem ihm aus Versehen das Schwert heftig an den Kopf geknallt wird. Eine große Ehre, aber auch ein wenig schmerzhaft. Doch wie ein pflichtgetreuer Rittersmann hat Kretschmann vorab gelobt, das Amt "anzunehmen und kraftvoll auszufüllen", sollte es denn vom Souverän in seine Hände gelegt werden.

Kretschmann, konservativer Öko

Die Chance, ins höchste Amt aufzusteigen, war für ihn weder vorhersehbar noch planbar. Nichts und niemand hätte den Fraktionschef der Grünen im Stuttgarter Landtag darauf vorbereiten können, dass er mit 62 Jahren plötzlich Landesvater werden könnte. Noch im Februar 2010, als Stefan Mappus zum Ministerpräsidenten vereidigt wurde, hätten Buchmacher eher Wetten darauf angenommen, dass eines Tages Jürgen Klinsmann in die Villa Reitzenstein einzieht oder Jogi Löw.

Kretschmann selbst, der seit 30 Jahren mit kurzen Unterbrechungen wie festgenagelt auf der harten Oppositionsbank saß, muss das ähnlich empfunden haben. Noch im September, nach den ersten Abrissaktionen am Stuttgarter Bahnhof, sagte er, es sei "etwas verrückt, wenn man als Ministerpräsident gehandelt wird". Damals, nach dem ersten Umfragehöhenflug der Grünen, wollte er sich noch nicht zum Spitzenkandidaten küren lassen. Der Griff nach dem höchsten Amt wäre ihm anmaßend erschienen. Wenn sich dann die Werte im Frühjahr aber auf hohem Niveau stabilisiert hätten, "kommt man darum nicht mehr herum". Kretschmann klang ein wenig, als hoffe er, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe.

Schon zuvor hatte sich der begeisterte Wanderer und Botaniker einmal einen alttestamentarischen Moses genannt, der seine Partei zwar durch die Wüste der Opposition ins Gelobte Land der Regierung führe, dieses selbst aber nicht mehr erreiche.

Doch dann kamen Stuttgart 21 und schließlich Fukushima. Und vor allem kam als Gegner, der herauszufordern war, ein Mann wie Mappus. Zu dessen testosterongeladener Bauch- und Macht-Politik stellte Kretschmann ohne sich zu verrenken den perfekten Gegenentwurf dar. Da half der seit 57 Jahren regierenden Union im Südwesten alles Beschwören von Wohlstand und Wirtschaftskraft nicht mehr, auf die sich die CDU stets verlassen hat: Mappus hatte ein Glaubwürdigkeitsproblem bei seinen Wählern. Und Winfried Kretschmann, der Ehrliche, der Moderate, hatte plötzlich die perfekten Karten in der Hand.

Im Wahlkampf kamen viele Gäste zu Wahlkampfveranstaltungen, die noch nie grün gewählt hatten, und die sich das nach eigenem Bekunden auch nie hatten vorstellen können. Jetzt wollten sie sich "den einfach mal anschauen". Und entschieden, ob dieser Mann mit dem eisgrauen Bürstenschnitt und der Studienratsaura ihr künftiger Ministerpräsident sein könnte.

Winfried Kretschmann ist kein Populist, kein Volkstribun, der in solchen Momenten die große Vision auflegt oder auch nur den passenden Witz parat hat. Seine Reden gelten eher als dröge, er spricht von "grünen Produktlinien", und wie man im Land die "finanzielle Nachhaltigkeit" garantieren könne. Doch wenn man sich hinterher umhörte, waren viele doch angetan. Kretschmann sei "sehr sympathisch" und vor allem: glaubwürdig. Der Wertkonservative, der in seiner wilden Partei schon so oft ausgebuht und sogar fast davongejagt worden wäre, ist plötzlich der richtige Mann zur richtigen Zeit am rechten Ort. So etwas wie ein schwäbischer Revolutionär.

Winfried Kretschmann ist ein Prototyp des "bürgerlichen Baden-Württemberg-Grünen", praktizierender Katholik, einst Oberstudienrat für Ethik, Mitglied im Schützenverein. Er sei nicht geschaffen für permanente Winkelzüge, sondern seriös und intellektuell. Es wird ihm kaum gefallen haben, dass die Gegner von Stuttgart 21 den Sieg am Sonntagabend auf ihre Weise feierten: Noch am Wahlabend stießen mehrere Dutzend Gegner des Bahnhofsprojekts Bauzäune eines abgesperrten Geländes am Nordflügel des Hauptbahnhofs um. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an und begann, das Gelände wieder abzuriegeln.

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