AKW Fukushima

Mit dem Meerwasser kommen neue Probleme

"Da liegt ein Delfin im Reisfeld", rief Masayuki Sato ins Telefon. Sato war gerade mit seinem Rad in der Nähe von Sendai unterwegs, er fuhr an zerstörten Häusern und überschwemmten Feldern vorbei, als er plötzlich etwas entdeckte. Etwas, das sehr lebendig und wie ein Delfin aussah.

Er rief sofort den Tierarzt an - seit dem 11. März hatte sich Ryo Taira um Hunde und Katzen gekümmert, die ihren Halter verloren haben.

Taira war sofort zur Stelle. Was Sato wirklich gefunden hatte, war ein kleiner Schweinswal, den der Tsunami vor zwei Wochen zwei Kilometer ins Land gespült hatte. Der Tierarzt schickte ein paar Helfer ins Feld, die aus einer herumliegenden Matratze und Autoteilen eine Krankentrage bauten. Doch sie schafften es nicht, das Tier mit einem Netz einzufangen. Dann watete Taira selbst durch das Feld und barg den Wal in seinen Armen. Die Helfer packten ihn in nasse Decken und fuhren ihn schnell zur Küste, um ihn wieder ins Meer zu entlassen.

Auch ein Tsunami-Opfer

"Als ich ihn sah", sagte der Finder, "da wusste ich sofort, dass ich etwas unternehmen muss. Schließlich ist der kleine Wal ja auch ein Tsunami-Opfer."

Meerwasser war die Rettung. Als die Pumpen ausfielen und die Brennstäbe in Fukushima nicht mehr gekühlt werden konnten, war es das Einzige, was die Kernschmelze bislang verhindern konnte. Jetzt hat der ehemalige Reaktorsicherheitschef des US-Konzerns General Electric, Richard Lahey, vor neuen Risiken gewarnt. Durch das Meerwasser hätten sich in den Reaktoren große Mengen Salz angesammelt, das die Brennstäbe verkrusten und die Wasserkühlung blockieren könne, sagte er der "New York Times". General Electric hat das Design der Reaktoren in Fukushima entwickelt. Lahey schätzt, dass sich im Block 1 etwa 26 Tonnen Salz angesammelt haben, in den größeren Blöcken 2 und 3 sogar jeweils 45 Tonnen. Antonio Hurtado, Direktor des Instituts für Energietechnik der TU Dresden, sieht in der Kruste keine große Beeinträchtigung für die Kühlung. Viel mehr Sorgen mache ihm der Zustand der Pumpen und Ventile, weil Meerwasser "sehr aggressiv" wirke.

Es ist kein leichter Job, auf alles eine Antwort haben zu müssen. Für Yukio Edano ist es Alltag geworden. Seit dem 11. März muss der Regierungssprecher Fragen beantworten, Prognosen abliefern und Stellung zu immer neuen Hiobsbotschaften nehmen. Die neueste handelt von drei Männern, die bei ihrer Arbeit im Werk eine gefährlich hohe Strahlendosis abbekommen haben - sie waren 170 bis 180 Millisievert ausgesetzt. Zwei von ihnen wurden mit Verletzungen an den Beinen in eine Spezialklinik gebracht. Die Männer wollten Kabel reparieren, um das Kühlsystem des Reaktors wieder zum Laufen zu bringen.

Eine andere dringliche Frage ist die nach der Entschädigung. Die japanische Regierung erwägt, die Bauern in der Gegend um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima zu entschädigen. "Natürlich denken wir jetzt darüber nach", sagte Edano. Das betreffe Bauern und Erzeuger in den Präfekturen, für die der Lieferstopp für bestimmtes Gemüse gelte. Das Gesundheitsministerium hatte eine Liste mit Gemüsearten veröffentlicht, bei denen eine teilweise drastisch erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde. Darunter sind Spinat, Broccoli, Kohl und das Blattgemüse Komatsuna. Die Regierung überlegt nun zum Beispiel, landwirtschaftliche Produkte aus der Gegend um das Kernkraftwerk aufzukaufen. Damit die Bauern zumindest für die wertlose Ernte entschädigt werden.

Erst die Aufregung ums Trinkwasser, und dann kommt auch noch von oben seltsame Flüssigkeit. Am Donnerstag war in Tokio auf einmal der Regen gelb, und die Einwohner waren in großer Sorge. Ein gelblicher Film legte sich auf Dächer und Straßen. Mehr als 200 Menschen riefen bei der japanischen Wetterbehörde an. Die konnte Entwarnung gegeben: Die gelbe Farbe kommt von Pollen in der Luft. Das habe mit der Strahlung nichts zu tun.