Gesundheit

Auch die Charité ist auf den nuklearen Notfall vorbereitet

Im Zuge der atomaren Katastrophe in Japan steigt auch die Verunsicherung der Berliner. "Es gibt ein massives Informationsbedürfnis", sagt Anja Schulte-Lutz, Sprecherin des Karlshorster Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Die Zahl der telefonischen Anfragen habe sich verachtfacht, es gebe 30 Mal so viele Clicks auf die Website wie sonst.

Neben Anfragen zu Jodprophylaxe oder Geigerzählern melden sich jetzt auch zunehmend Asien-Reisende, die verunsichert sind, ob sie noch nach Thailand, China oder Indonesien fliegen können. Auch viele Hersteller erkundigen sich nach möglichen Belastungen im Warenverkehr. Das BfS will den Ansturm steuern. "Alle Neuigkeiten und Antworten auf die wichtigsten Fragen aktualisieren wir schnellstmöglich auf der Website", sagt Schulte-Lutz.

Auf die diffuse Angst in der Bevölkerung hat auch die Charité reagiert und am Freitag ein Expertenteam aufgestellt, in dem unter anderem Nuklearmediziner, Strahlenschutzbevollmächtigte und Katastrophenschutzbeauftragte involviert sind. Sie erteilen Auskunft bei medizinischen Anfragen und messtechnischer Untersuchung von Japan-Reisenden. Neben der allgemeinen Beratung des BfS steht die Charité aber nur im Akutfall bereit.

Günter Niggemann ist einer der wichtigsten Ansprechpartner für Japan-Rückkehrer, denn er leitet die einzige Berliner Inkorporationsmessstelle am Campus Benjamin Franklin. Mehrere Menschen hat er bereits auf radioaktive Strahlung untersucht. Dazu benutzt er einen Ganzkörperzähler, der Alpha-, Beta- oder Gammastrahlung misst. "Bei Betroffenen ist die Ermittlung der Gammaaktivität wichtig", sagt Niggemann. Gefährlich wird es, wenn Substanzen über die Atemluft oder die Nahrung in den Körper gelangt seien. Im Fachjargon nennt sich das Inkorporation. Die Substanzen können im Organismus zerfallen, das Gewebe schwer schädigen und unter Umständen Krebs auslösen. Im Fall der Japan-Rückkehrer gibt Niggemann Entwarnung. "Alle Personen, die wir getestet haben, weisen keine Strahlung auf", sagt er. Weitere Personen mit aktuellen Beschwerden können sich an Rettungsstellen des Uniklinikums wenden. Erst bei Verdacht auf Inkorporation wird eine Messung durchgeführt. "Das kostet 160 Euro, und es ist nicht in allen Fällen klar, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt", sagt Niggemann. Solche Untersuchungen müssten erst beantragt werden. Er mahnt aber vor Hysterie, die sei in Deutschland übertrieben. "Die Katastrophe ist viel zu weit weg, hier wird man nichts davon merken", sagt Physiker Günter Niggemann.

Im Charité-Team sitzt auch Christian Kleber, stellvertretender Katastrophenschutzbeauftragter des Uniklinikums. Er geht davon aus, dass selbst bei Menschen, die aus Japan nach Berlin kommen, eine Kontamination oder Inkorporation ausgeschlossen werden kann. "Sie werden schon dort von den Sicherheitsbehörden getestet und kommen im Zweifel gar nicht in den Flieger", sagt Christian Kleber.

Dennoch sei man in Berlin auf den unwahrscheinlichen Fall eines nuklearen Unfalls sehr gut vorbereitet. Laut Kleber ist Berlin diesbezüglich die sicherste Stadt Deutschlands. Seit vielen Jahren kooperiert die Charité mit dem Berliner Senat, der Feuerwehr, verschiedenen Sondereinsatzkommandos. Es wurden Krisenstäbe und Spezialistenteams gebildet, detaillierte Alarmpläne erstellt.

Drei Dekontaminationszelte stünden für Berlin bereit, zudem gibt es am Virchowklinikum eine Isolierstation. "Wir trainieren regelmäßig den Umgang mit ABC-Schutzanzügen", sagt Kleber. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt, bei dem "kontaminierte Patienten" behandelt werden und so ein Ernstfall erprobt wird. "Mehr Vorkehrungen als in Berlin findet man sonst nirgends in Deutschland", sagt Kleber.

Alle getesteten Personen wiesen keine Strahlung auf

Günter Niggemann, Nuklearmediziner der Charité