Taliban

Karsai will Ende der Nato-Einsätze in Afghanistan

"Wir sind sehr tolerante Menschen", erklärte Hamid Karsai, "aber jetzt ist unsere Toleranz am Ende." Der sonst so besonnene Präsident schien gestern bei einem Besuch in der ostafghanischen Provinz Kunar emotional wie selten zuvor zu sein. Doch seine Forderung kam dennoch überraschend: "Ich bitte die Nato und die USA mit Ehre und Demut und nicht mit Arroganz darum, ihre Einsätze in unserem Land zu beenden."

Die Worte waren Wasser auf die Mühlen seiner Zuhörer: Er sprach vor Stammesältesten und den Angehörigen von Zivilisten, die kürzlich durch die Nato-geführten Isaf-Truppen getötet wurden. Im ganzen Land kochen die Emotionen in den vergangenen Wochen immer weiter hoch, denn die Zahl der Unbeteiligten, die im Kreuzfeuer sterben, steigt ständig. Laut einem Bericht der UN und der afghanischen Menschenrechtskommission am Mittwoch in Kabul sind im vergangenen Jahr insgesamt 2777 Zivilisten bei Angriffen durch Aufständische, Regierungstruppen oder der Nato ums Leben gekommen - um 15 Prozent mehr als 2009. Allein in Kunar starben in den vergangenen Wochen 73 Zivilisten, darunter rund 40 Kinder, im "friendly fire".

Hunderte demonstrieren in Kabul

In der letzten Woche haben in der Hauptstadt Kabul Hunderte gegen die "Morde" an Zivilisten demonstriert. Die öffentliche Empörung ist interessanterweise weit größer, wenn die Unbeteiligten durch die Hände ausländischer Soldaten sterben, als wenn sie bei Angriffen der Taliban zwischen die Fronten geraten. Der Präsident gerät dabei zunehmend unter Druck, denn je mehr seine westlichen Verbündeten bei seinem Volk zum Buhmann werden, desto schwächer wird seine eigene Position.

Und so hat er bereits seit einigen Wochen immer wieder öffentlich gefordert, Stellungen der radikalislamischen Taliban im Ausland, vor allem in Pakistan, statt afghanischer Ortschaften anzugreifen. Und er verlangte internationale Garantien, dass die "Morde" gestoppt würden.

Nun ist Hamid Karsai sogar persönlich betroffen: In der vergangenen Woche wurden nicht nur neun Kinder in Kunar "irrtümlich" von Nato-Truppen getötet, als sie Feuerholz sammelten, sondern auch ein Mitglied seiner eigenen Familie. Ein entfernter Cousin seines Vaters, Hadschi Yar Mohammad Khan, war am vergangenen Donnerstag "versehentlich" getötet worden, als ausländische Truppen nachts eine Operation in der Nähe seines Hauses in der Provinz Kandahar durchführten. Karsai stand ihm nicht nahe, aber "man stamme aus demselben Dorf und habe sich gekannt". Der Präsident, so sein Sprecher, sei "extrem traurig. Genauso traurig, wie er über jeden Vorfall ist, der das Leben eines unschuldigen afghanischen Zivilisten kostet." Offizielle Entschuldigungen von Nato-Oberbefehlshaber David Petraeus und US-Verteidigungsminister Robert Gates hat Hamid Karsai wütend zurückgewiesen. Worte allein seien "nicht mehr ausreichend".

Noch 140 000 ausländische Soldaten

Jetzt hat der Präsident nachgelegt: Die Nato soll gehen. Laut ursprünglichem Plan würden die ausländischen Truppen im kommenden Juli damit beginnen, die Kontrolle an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben. Ab 2014 sollen diese im ganzen Land die Verantwortung übernehmen, erst dann sollen die internationalen Schutztruppen abziehen. Noch sind rund 140 000 ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert.

"Es ist meine Pflicht als Präsident, mein Volk zu schützen", hatte Karsai jüngst dem Vertreter des UN-Generalssekretärs, Ivan Simonovic, erklärt. "Das andauernde Töten von Zivilisten wird weder von der afghanischen Regierung noch vom afghanischen Volk mehr geduldet."

In Kunar besuchte der Präsident auch die Angehörigen der Opfer eines anderen Vorfalls, der von der Isaf heruntergespielt worden war. Die ausländischen Truppen hatten bei diesem neun verletzte Zivilisten zugegeben, während afghanische Beamte jedoch von 65 Toten sprechen. Hamid Karsai weinte, als er ein kleines Mädchen in den Armen hielt, das bei dem Angriff ein Bein verloren hatte

Der afghanische Präsident sitzt zwischen den Stühlen. Seine Position ist schwach, und seit Jahren wird er von weiten Teilen der Bevölkerung als "Marionette Washingtons" verhöhnt. Nun hat er sich offenbar entschieden. Seine Botschaft ins In- und Ausland ist eindeutig: Er steht zu seinen Landsleuten - auch, wenn er dabei das Verhältnis zu seinen Gönnern und Beschützern im Westen aufs Spiel setzen muss.