Interview mit Claus Weselsky

"Lokführer brauchen kein Weichei"

Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, bleibt hart: Ohne neues Angebot von den Arbeitgebern wird ab Mittwoch wieder gestreikt. Weselsky war nicht immer so kämpferisch. Mit der Morgenpost spricht er über seine Zeit als Lokführer in der DDR und die neue Streiktaktik.

Berliner Morgenpost: Herr Weselsky, wollen Sie wissen, was man so über Sie sagt, wenn man Zug fährt?

Claus Weselsky: Mir ist schon klar, dass der Frust bei Bahnkunden manchmal groß ist, gerade wenn sie die Folgen eines Streiks unmittelbar zu spüren bekommen. Aber ich bekomme die Stimmung mit, ich stelle mich an Streiktagen den Diskussionen und gehe an die großen Bahnhöfe.

Berliner Morgenpost: Sie tragen elegantes Tuch, sind CDU-Mitglied und siezen viele Ihrer Mitarbeiter. Wie passt das zu einem Gewerkschaftschef?

Claus Weselsky: Ich bin nicht nur GDL-Vorsitzender, sondern auch Arbeitgeber. Das ein oder andere Problem lässt sich nicht gemütlich beim Gespräch mit einem Whisky klären. Auch eine Gewerkschaft muss professionell geführt werden. Ich habe die Kollegen schon gesiezt, als ich noch Betriebsrat war, auch die Sekretärin in unserem Büro.

Berliner Morgenpost: Auch wenn Sie anders daherkommen, führen Sie sich auf wie der Fundi unter den Gewerkschaftsbossen. Warum eigentlich?

Claus Weselsky: Wir haben mehr als sechs Monate verhandelt, und es hat bislang zu keinem für uns akzeptablen Ergebnis geführt. Irgendwann ist man an einen Punkt, an dem Verhandlungen nicht weiterführen.

Berliner Morgenpost: Steht uns wieder ein monatelanger Konflikt bevor wie 2007?

Claus Weselsky: Ich gehe davon aus, dass der Tarifkonflikt diesmal nicht so lange dauern wird. Wir fahren eine andere Strategie. Die Streiks sollen schneller hintereinander getaktet werden ...

Berliner Morgenpost: ... schneller getaktet?

Claus Weselsky: Die einzelnen Streikaktionen kommen schneller hintereinander. Wir werden - falls nötig - im Güter- und Personenverkehr öfter hintereinander streiken. Und wir werden länger streiken als 2007. Das erhöht den Druck. Aber es wird keine unbefristeten Streiks geben.

Berliner Morgenpost: Was ist das für ein Gefühl, Macht zu haben?

Claus Weselsky: Es ist beeindruckend. Und ich empfinde ein Stück weit Genugtuung, dass wir in der Lage sind, in dieser Auseinandersetzung den Arbeitgebern Grenzen zu setzen. Das sind die nämlich nicht gewohnt.

Berliner Morgenpost: Sind Sie machtbewusst?

Claus Weselsky: Ich habe einen gewissen Ehrgeiz, und sicher, ich bin auch machtbewusst. Ich bin in der DDR groß geworden, bei der Reichsbahn war das so, dass die Lokführer immer die Letzten waren, die, die von den Hunden gebissen wurden. So soll und so wird es nicht mehr sein.

Berliner Morgenpost: Sie gelten als Scharfmacher. Was treibt Sie?

Claus Weselsky: Mich treibt an, dass ich 1990 in der neuen Gesellschaft einen Platz gefunden habe, der mir wichtig ist. Jetzt habe ich eine Aufgabe, die mir Spaß macht, aber ich sehe mit einer Sorge, dass wir im Gewerkschaftslager insgesamt gerade noch einen Organisationsgrad von 20 Prozent in Deutschland haben. Das macht die Gewerkschaften als Korrektiv in der sozialen Marktwirtschaft schwächer, und das darf nicht sein. Die GDL stemmt sich gegen diese Entwicklung und spielt dabei eine führende Rolle in der Gewerkschaftsbewegung.

Berliner Morgenpost: Wurzelt Ihr, sagen wir mal beschönigend, konsequentes Vorgehen in Ihrer Vergangenheit? Waren Sie als Lokführer in der DDR und beim FDGB ähnlich kämpferisch?

Claus Weselsky: Überhaupt nicht, vor 1990 war ich weder politisch noch gewerkschaftlich organisiert. Im FDGB hatte ich auch kein Amt. Ich war aber auch kein Widerstandskämpfer und habe die Systemfrage in der DDR nicht gestellt.

Berliner Morgenpost: Soll dieser Tarifvertrag Ihre "Steinkühler-Pause" werden, Ihr Denkmal?

Claus Weselsky: Ich gebe zu, alle Alphatiere sind irgendwie auch Egomanen. Aber ich brauche kein Denkmal. Was gebraucht wird, sind angemessene Gehälter für die Lokführer, Schutz gegen Dumpinglöhne und Regelungen, die Lokführern den Arbeitsplatz bei Betreiberwechseln erhalten.

Berliner Morgenpost: Sie sehen sich selbst als Alphatier?

Claus Weselsky: Sonst wäre ich doch nicht an dieser Stelle. Lokführer brauchen kein Weichei an der Spitze.