Kernschmelze

Wie es zu den größten Unfällen in Reaktoren kam

In der Vergangenheit ist es einige Male zu Kernschmelzen gekommen: 1969 in der Schweiz, 1977 in der Tschechoslowakei, 1980 in Frankreich. Bekannter sind die Vorfälle von Harrisburg in den USA (1979) und Tschernobyl in der Ukraine (1986), beide Sinnbilder der Nuklearkatastrophe. Gestern stand noch nicht fest, ob es in Japan zu einer Kernschmelze gekommen ist.

Allerdings liegen auch zwischen dem Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island (TMI) bei Harrisburg und dem in Tschernobyl Welten, vor allem was die Auswirkungen angeht. In Harrisburg gab es laut offizieller Darstellung keine Toten. Tschernobyl ist bisher der einzige Störfall, den die "Ines"-Liste, die internationale Bewertungsskala für nukleare Unfälle, in ihrer höchsten, in der siebten Stufe ("Katastrophale Unfälle") aufführt. Harrisburg als zweitheftigster Fall wird mit dem Schweregrad 5 taxiert ("Ernster Unfall").

Was die Folgen des gewiss ernsten Vorfalls von Harrisburg dennoch begrenzte, war eine technische Ausstattung, die den TMI - im Gegensatz zum Reaktor von Tschernobyl - auszeichnete und über die heute die meisten Kernreaktoren verfügen, auch diejenigen von Fukushima: das "Containment", ein Sicherheitsbehälter aus Stahl und oft auch Beton, der den Reaktordruckbehälter umschließt und im Fall von Störfällen bis hin zur Kernschmelze den Austritt von radioaktiv verstrahlter Luft oder kontaminiertem Wasser in die Umgebung verhindern soll.

Ein Containment ist so ausgelegt, dass es höchsten Druckverhältnissen standhält, bis in die Größenordnung, die zu erwarten wäre, wenn das Kühlwasser im Reaktorinneren verdampft. Für den Fall, dass der Druck auch dieses Maß übersteigt, sind Ventile eingebaut, über die der Dampf abgelassen wird. Fehlendes Containment war 1986 allerdings längst nicht die einzige Nachlässigkeit, die in Tschernobyl zum GAU in dem drei Jahre alten Kernkraftwerk führte. Am Anfang der Katastrophe stand die Entscheidung für einen Versuch, den der stellvertretende Chefingenieur Anatoli Djaltow zu verantworten hatte: Probeweise sollte am 25. April 1986 der Reaktor abgeschaltet und der gesamte Betrieb obendrein vom äußeren Stromnetz abgeklemmt werden: die Simulation eines kompletten Stromausfalls, bei weiterer Versorgung ausschließlich mit eigenen Stromquellen.

Eine heikle Angelegenheit, da auch ein abgeschalteter Reaktor weiterhin Strom für die Kühlung braucht, wenn es nicht zur Kernschmelze kommen soll. Die automatischen Sicherheitssysteme im Reaktor hatte Djaltow ausschalten lassen, weil er den Versuch womöglich gleich mehrfach durchexerzieren wollte, was aber die Systeme verhindert hätten. Alles nach der Devise: Mal sehen, was passiert. So konnten die Systeme auch nicht reagieren.