Explosion

Nuklearer Notstand in Japan: Das Protokoll einer Katastrophe

Die Ereignisse in Japan erschüttern die Welt. Nach Beben und Tsunami steht den Menschen vielleicht eine noch größere Katastrophe bevor. Im Atomreaktor Fukushima 1 kam es zu einer Explosion, womöglich gab es eine Kernschmelze. Philip Cassier hat die dramatische Entwicklung mit Material der Nachrichtenagenturen protokolliert.

Freitag, 16 Uhr Ortszeit: 75 Minuten nach dem Beben gibt Regierungschef Naoto Kan eine Erklärung ab: Bei keiner der Atomanlagen des Landes sei ein Austritt von atomarem Material festgestellt worden. Kan ruft die Bewohner auf, ruhig zu bleiben und sich in den Medien über die Lage zu informieren.

17.30 Uhr: Die Nachrichtenagentur Kyodo meldet, in den Atomkraftwerken in der Präfektur Fukushima an der schwer getroffenen Küste im Nordosten sei der Alarm "abnormaler Zustand" gegeben worden.

18.30 Uhr: Kyodo verbreitet die Nachricht, am Atomkraftwerk Onagawa im Nordosten Japans sei ein Feuer ausgebrochen. Der Brandherd befinde sich in einem Turbinengebäude des Kraftwerks. Das Kernkraftwerk gehört dem Unternehmen Tohoku Electric Power. Das Atomkraftwerk besteht aus drei Reaktoren, die von 1984 bis 2002 an der Ostküste von Honshu gebaut wurden. Es handelt sich um Siedewasserreaktoren. In Onagawa kam es in der Vergangenheit mehrmals zu Störfällen. 2002 wurden bei Wartungsarbeiten zwei Arbeiter leicht verstrahlt. Widersprüchliche Nachrichten liegen über das Kernkraftwerk Daiichi in Fukushima vor. Es ist auch als Fukushima 1 bekannt und gehört dem Energieunternehmen Tokyo Electric Power (Tepco). Die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press meldet zunächst, dort seien die Kühlsysteme ausgefallen, Radioaktivität sei aber nicht ausgetreten. Später heißt es von Jiji unter Berufung auf die Regionalbehörden, die Kühlsysteme seien intakt. Anderen Medienberichten zufolge hat die Regierung beschlossen, den atomaren Notstand auszurufen. Dieser tritt ein, wenn der Austritt von Radioaktivität sich bestätigt oder ein Kühlsystem eines Kernkraftwerks ausfällt.

19 Uhr: Es wird bestätigt, dass am Kraftwerk Daiichi in Fukushima ein Kühlsystem ausgefallen ist. Die Regierung erklärt, es gebe jedoch kein Leck, sodass zunächst keine Gefahr von dem Kernkraftwerk ausgehe. Es werde daran gearbeitet, die Kühlfunktion wieder voll zu gewährleisten. In Fukushima gibt es sechs Siedewasser-Reaktorblöcke. Der betroffene Block Fukushima 1 ist der älteste, er ging 1971 ans Netz. Der Bau des Reaktorblocks begann nach Angaben der World Nuclear Association bereits am 31. Juli 1967, die Leitung der Arbeiten lag beim US-Konzern General Electric. Der Reaktor hat eine Bruttokapazität von 460 Megawatt. Die Umweltorganisation Greenpeace warnt vor dem Risiko einer radioaktiven Verstrahlung. Auch nach der Abschaltung von Reaktoren bestehe aufgrund der nicht steuerbaren Nachwärme eine hohe Gefahr, sagt der Kernphysiker Heinz Smital.

21.15 Uhr: 2000 Anwohner des Atomkraftwerks Fukushima 1, die im Kreis von zwei Kilometern um die Anlage wohnen, werden aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. In einem Gebiet bis zu zehn Kilometern Entfernung sollen die Bewohner in ihren Häusern bleiben. Regierungssprecher Yukio Edano erklärt, die Ausrufung des Notstandes sei eine Vorsichtsmaßnahme. Die Anlage sei nicht in unmittelbarer Gefahr. Der Fernsehsender Nippon TV berichtet dagegen, in der Anlage sei das Kühlwasser auf einen beunruhigend niedrigen Stand gesunken. Der Betreiber der Anlage in der Stadt Onagawa teilt mit, der Reaktor selbst sei nicht in Gefahr. Laut Regierungsangaben hatten sich nach dem Beben elf Atomkraftwerke automatisch abgeschaltet.

21.30 Uhr: Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zufolge ist das Feuer im Atomkraftwerk Onagawa gelöscht. Dies habe die japanische Atomsicherheitsbehörde mitgeteilt. Laut den japanischen Behörden ist nach dem Erdbeben keine ausgetretene Radioaktivität gemessen worden.

23.15 Uhr: Medien berichten, dass das Notkühlsystem des Atomkraftwerks Fukushima nur noch im Batteriebetrieb läuft. Die Batterien lieferten nur noch Energie für wenige Stunden, erklärt die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln unter Verweis auf japanische Angaben. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze", sagte GRS-Sprecher Sven Dokter.

23.20 Uhr: Nach Informationen von Greenpeace habe die Regierung Transformatoren zu dem betroffenen Kernkraftwerk geschickt, um eine Notkühlung zu installieren. Die Lage am Atommeiler in Fukushima ist unklar. Die Agenturen melden bis zu 6000 Evakuierte, in manchen Berichten ist von Panik die Rede, in anderen von einer geordneten Aktion. Die 17 deutschen Atomkraftwerke sind nach Ansicht der Bundesregierung auf hiesige Erdbeben vorbereitet. "Die Anlagen werden bei Überschreiten bestimmter sicherheitsrelevanter Grenzwerte automatisch abgeschaltet", heißt es beim Umweltministerium.

Sonnabend, 0.30 Uhr: Die Situation im Atomkraftwerk Fukushima 1 werde sich bald wieder normalisieren, berichten japanische Medien. Nachdem in dem Reaktor im Norden von Tokio das Kühlwasser auf einen beunruhigend niedrigen Stand abgesunken war, sei ein Lastwagen mit dem notwendigen Gerät eingetroffen, um das Problem zu beheben, schreibt die Agentur Jiji. Obwohl keine Radioaktivität ausgetreten sei, hätten sich Spezialisten der Armee in speziellen Schutzanzügen vor Ort begeben, um die Lage zu überprüfen.

2.15 Uhr: Im Atomkraftwerk steigt laut der Agentur Kyodo die Radioaktivität in einem Turbinengebäude des Reaktors Nummer 1. Nach Angaben des Fernsehsenders NHK ist zudem auch der Druck in einem der Reaktoren gestiegen. Es werde überlegt, "ein wenig" Luft rauszulassen, um den Druck zu senken. Die Anwohner in der Umgebung seien jedoch in Sicherheit gebracht worden. Laut dem Betreiber werde, wenn überhaupt, nur "wenig" Luft abgelassen, was einem Experten zufolge ein "üblicher Vorgang" sei. Die japanische Atombehörde bestätigt erstmals die Probleme bei der Kühlung des Reaktors. Auch die Wiederaufarbeitungsanlage Rokkasho wird mit Notstrom gekühlt.

2.45 Uhr: US-Außenministerin Hillary Clinton erklärt, die US-Luftwaffe habe aufbereitetes Kühlwasser zu der gefährdeten Anlage in Japan transportiert. Japan hänge erheblich von der Atomkraft ab, und das Land habe einen hohen technischen Standard, sagt Clinton.

3.15 Uhr: Der Druck im Reaktor ist auf das Anderthalbfache des normalen Wertes gestiegen. Die Atomsicherheitsbehörde teilt mit, langsam könne radioaktiver Dampf abgelassen werden, um den Druck wieder abzusenken.

5 Uhr: Regierungssprecher Yukio Edano sagt bei einer Pressekonferenz, die im Fernsehen ausgestrahlt wird, die freigesetzte Menge an Radioaktivität sei "sehr gering". Weil bereits Evakuierungen angeordnet seien und der Wind Richtung Meer wehe, "können wir Sicherheit garantieren". Noch sei aus der 40 Jahre alten Anlage keine Radioaktivität ausgetreten.

6.30 Uhr: Die Nachrichtenagentur Kyodo berichtet, im Kernkraftwerk Fukushima 1 sei ein Grad an Radioaktivität gemessen worden, der tausend Mal über dem Normalwert liegt. Eine Sicherheitskommission habe dies im Kontrollraum 1 des Kraftwerks gemessen. Die Regierung reagiert, ruft für das Kraftwerk den Notstand aus. Die Evakuierungen werden nach dem Anstieg der Radioaktivität ausgeweitet. Ein Mitarbeiter der Atomsicherheitsbehörde erklärt, derzeit werde der Reaktor mit einem zweiten System gekühlt, das aber nicht so effektiv sei wie die eigentliche Anlage.

8.30 Uhr: Auch für das Atomkraftwerk Fukushima 2 wird der atomare Notfall ausgerufen. Das Kühlsystem in den drei Reaktoren des Kernkraftwerks sei ausgefallen, berichtet die Agentur Kyodo. Auch hier werden Menschen evakuiert. Premier Kan fliegt per Helikopter in das Katastrophengebiet, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

9.45 Uhr: In einem Umkreis von zehn Kilometern um Fukushima 1 werden rund 45 000 Bewohner aufgefordert, die Gegend zu verlassen. Die Regierung tritt wegen der schweren Störfälle zu einer Krisensitzung zusammen.

11 Uhr: Die Vorfälle rufen japanische Atomkraftgegner auf den Plan: Yasue Ashihara, ein Vertreter der Bürgerbewegung in Matsue, wo sich das Atomkraftwerk Shimane von Chugoku Electric Power Co., Inc. befindet, sagt: "Es ist schlimmste Lage. Dies ist das Ergebnis dessen, dass sowohl die Betreiber als auch das Land die Augen verschlossen und einfach weitermachten, obwohl wir ständig auf die Gefahr eines Problems wie diesem hinwiesen."

13.45 Uhr: Eilmeldung der Agentur Jiji: "Im japanischen Atomreaktor Fukushima Daiichi Nummer 1 ist die Gefahr der Kernschmelze hoch." Die Atombehörde schließt eine Kernschmelze nicht mehr aus. Die Agentur Kyodo fügt unter Berufung auf die Atomsicherheitskommission hinzu, es sei radioaktives Cäsium ausgetreten.

14.45 Uhr: Die Atomaufsichtsbehörde gibt zu, es könnte in Fukushima 1 bereits zu einer Kernschmelze gekommen sein. Ryohei Shiomi, ein Vertreter der Atomaufsichtsbehörde, erklärt, Behörden stellten derzeit entsprechende Untersuchungen an. Selbst wenn es zu einer Kernschmelze gekommen sei, gehe für Menschen außerhalb eines Radius von zehn Kilometern allerdings keine Gefahr aus, sagt Shiomi.

16.50 Uhr: Der Fernsehsender NHK meldet, in Fukushima 1 habe es eine Explosion gegeben. Darauf deuteten erst Geräusche hin, danach sei weißer Rauch aufgestiegen. Die Ursache sei noch unbekannt. Laut dem Betreiber Tepco gibt es vier Verletzte, meldete die Agentur Jiji. Die Atomenergiebehörde dementiert umgehend und muss dies später zurücknehmen: Der Sender zeigt Bilder mit dem Rauch und Trümmerteilen, die durch die Luft gewirbelt werden, und meldet, die Außenhülle des Reaktors sei abgesprengt worden.

19.15 Uhr: Die Behörde für Atomsicherheit hält schwere Schäden an der Hülle des Atomreaktors Fukushima 1 für unwahrscheinlich. Die Regierung bestätigt, dass der Evakuierungsradius auf 20 Kilometer ausgeweitet wurde.

20.30 Uhr: Regierungssprecher Yukio Edano gibt zu, dass bei der Explosion in Fukushima 1 das Reaktorgebäude zerstört worden ist. Menschen im Umkreis von 20 Kilometern sollten sich schnell in Sicherheit bringen. Es ist von einer "sehr ernsten Situation" die Rede. In Berlin rät das Auswärtige Amt von nicht erforderlichen Reisen in den Großraum Tokio und den Nordosten Japans ab. Die Region um das beschädigte Kernkraftwerk Fukushima aber solle großräumig gemieden werden. "Deutschen wird dringend empfohlen, den Anweisungen der japanischen Behörden Folge zu leisten", heißt es in den aktualisierten Reisehinweisen weiter.

20.45 Uhr: Der Betreiber von Fukushima 1 ist laut der Agentur Reuters in der Vergangenheit durch diverse Affären aufgefallen. So mussten 2002 der damalige Tepco-Chef und vier weitere Manager ihren Hut nehmen, weil Japans größter Energieerzeuger unter Verdacht geriet, Wartungsdokumente gefälscht zu haben. Die Spitzenkräfte übernahmen mit dem Rücktritt die Verantwortung für die Affäre. Fünf Reaktoren, darunter auch der Unglücksmeiler, mussten vorübergehend vom Netz genommen werden. 2006 wurde dem Konzern vorgeworfen, Daten über die Kühlwassertemperatur in den Jahren 1985 und 1988 gefälscht zu haben. Regierungssprecher Yukio Edano erklärt, es habe eine Explosion in der Anlage gegeben, nicht aber in der Reaktorhülle. Dabei sei Radioaktivität freigesetzt worden, deren Menge aber zurückgegangen sei und auf niedrigem Niveau liege.

21 Uhr: Japans Premierminister Naoto Kan tritt erneut vor die Presse, die Konferenz wird in voller Länge im Fernsehen übertragen. Der Regierungschef zeigt sich besorgt über die Lage, von einer Kernschmelze im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima 1 spricht er dagegen nicht. Die Explosion vom Nachmittag werde zu keinem größeren radioaktiven Leck führen, sagt anschließend sein Regierungssprecher Yukio Edano den versammelten Journalisten. Auch die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks versichert, dass es keinen Schaden am Reaktorgehäuse aus Stahl gegeben habe.

22 Uhr: Offenbar ist die Explosion im Kraftwerk nicht von dem Atomreaktor selbst, sondern von einem Pumpsystem zur Kühlung der Brennstäbe ausgelöst worden. Das berichtete der US-Fernsehsender CNN unter Berufung auf Regierungssprecher Yukio Edano auf seiner Internetseite. Demnach sei während des Kühlprozesses Wasserdampf entstanden, der die Explosion letztlich auslöste.

22.15 Uhr: Der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zufolge geben die japanischen Behörden Jod an die Anwohner nahe dem Kernkraftwerk Fukushima 1 aus. Die Tabletten sollen verhindern, dass sich radioaktives Jod, das über die Luft eingeatmet wird, in der Schilddrüse anlagert. Die IAEA erneuerte ihr Hilfsangebot an die japanische Regierung. Nach Angaben einer Datenbank des Forschungszentrums Nuclear Training Centre (ICJT) in Slowenien stand der Problemreaktor kurz davor, abgeschaltet zu werden. Die Datenbank nennt als "erwartetes Datum der Stilllegung" nach 40 Betriebsjahren den März 2011.

23.30 Uhr: Laut der Agentur Kyodo sind drei Anwohner des Kraftwerks Fukushima 1 verstrahlt worden. Es handle sich um Menschen aus der evakuierten Zone im Umkreis der Anlage. Nach Angaben der Regierung ist dagegen keine Mit erhöhte Strahlung im Umfeld des Reaktorgebäudes nachweisbar. Regierungssprecher Yukio Edano sagte außerdem, der nach dem Ausfall des Kühlsystems zuletzt stark angestiegene Druck im Reaktor nehme zudem wieder ab. Dagegen berichtet der japanische Fernsehsender NHK auf seiner Internetseite, in der Nähe des Blocks 1 von Fukushima seien am Samstag 1015 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden. In Deutschland berichtet die ARD, es habe eine Kernschmelze gegeben.

Sonntag, 0.59 Uhr: Das Auswärtige Amt in Berlin geht Hinweisen nach, wonach sich möglicherweise ein deutscher Kernenergietechniker im Katastrophengebiet rund um den explodierten Reaktor von Fukushima aufhalten könnte. Man stehe mit dessen Angehörigen in engem Kontakt, sagte eine Sprecherin. Zuvor hatte sich eine Frau gemeldet, deren Mann für den französischen Atomkonzern Areva in Fukushima gearbeitet haben soll.

6.42 Uhr: In Fukushima treten neue Problem auf. Wie die Atomsicherheitsbehörde mitteilt, fällt an einem anderen Reaktor der Anlage Fukushima Daiichi das Notkühlsystem aus. Daher sei es nun dringend nötig, einen Weg zu finden, wie der Reaktor 3 mit Wasser versorgt wird, sagt ein Behördenvertreter.