Wirtschaft

Börsen im Sog des Tsunami - Auswirkungen auf die Wirtschaft

Die Ausschläge des schweren Erdbebens in Japan waren am Freitagmorgen nicht nur von Seismografen zu verzeichnen. Auch die Aktienkurse bekamen die Erschütterungen zu spüren. Schon in den ersten Handelsminuten rutschte der deutsche Aktienindex Dax um 1,2 Prozent ab und damit unter die Schwelle von 7000 Punkten.

Dabei sind die Handelsbeziehungen zwischen der viertgrößten Wirtschaftsmacht Deutschland und der drittgrößten Wirtschaftsmacht Japan gar nicht so stark ausgeprägt. In der Rangliste der wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik lag Japan 2010 an 14. Stelle, wie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Demnach tauschten beide Staaten Güter im Wert von 35,2 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Anteil von rund zwei Prozent am gesamten deutschen Außenhandel. Zum Vergleich: Der deutsch-französische Handel erreichte 2010 ein Volumen von 152,4 Milliarden Euro. Japan ist eines der wenigen Länder, in das Deutschland weniger exportiert, als es von dort importiert.

Dass das Beben einen weltweiten konjunkturellen Dämpfer auslösen könnte, davon gehen Analysten derzeit nicht aus. "Der direkte Einfluss auf die Weltkonjunktur über den Handel ist gering, da Japans Wirtschaft relativ geschlossen ist", so sagt Wolf von Rotberg, Asien-Experte der Deutsche Bank Research. An den Devisenmärkten sorgte das Beben im Verlauf des Freitags nur für kurze Verwerfungen. "Die Erfahrung aus der Vergangenheit mit ähnlichen Naturkatastrophen zeigt, dass es nur zu einem kurzfristigen Einbruch kommt", sagte auch Wolfgang Leim, Japan-Experte der Commerzbank. "Durch den dann folgenden Wiederaufbau dürfte es zu einer umso kräftigeren Erholung kommen."

Schnelle Erholung möglich

Leim verwies hier auch auf die Erfahrungen der Japaner aus der Vergangenheit. Bisher hätten die Beben für die Wirtschaftsentwicklung keine nachhaltigen negativen Folgen gehabt. Ein Beispiel hierfür sei das Erdbeben von Kobe aus dem Jahr 1995. Der Schaden lag damals nach Schätzungen 1995 bei rund 110 Milliarden Euro, die Industrieproduktion brach zunächst um 2,5 Prozent ein, sie machte die Einbußen in den beiden Folgemonaten dann mehr als wett. Aber auch Australien und Neuseeland hätten sich relativ rasch von Naturkatastrophen erholt. "Über das Ausmaß der Kosten lassen sich so früh aber noch keine Aussagen machen", so Leim.

Dass sich die Kurse so schnell erholten, werten Währungsexperten als Zeichen dafür, dass die Märkte die volkswirtschaftlichen Schäden nicht allzu negativ sehen.

Beziffern lassen sich die Schäden derzeit noch nicht. Auch Parallelen zu früheren Katastrophen sind schwierig. "Mit dem Tsunami 2004 kann man dieses Beben schwer vergleichen, weil Japan eine ganz andere Infrastruktur aufweist als Thailand oder Sri Lanka", sagt Hanns Günter Hilpert, Asien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Er sieht eher Parallelen zu dem Erdbeben in Kobe 1995. Damals lagen die versicherten Schäden wesentlich niedriger bei etwa drei Milliarden Euro.

Betroffen sind von Naturkatastrophen vor allem Rückversicherer, da sie den Erstversicherern die großen Risiken ab einer bestimmten Größenordnung abnehmen. Da in der Regel Naturkatastrophen nicht überall auf der Welt gleichzeitig passieren, können sie die Risiken in ihrem internationalen Geschäft ausbalancieren. Ihre Schäden sind immer dann besonders groß, wenn die Katastrophen in Regionen passieren, die stark bevölkert und weit entwickelt sind. Im Gegensatz zu Schwellenländern sind dort die Versicherungswerte höher.

Auswirkungen unklar

Stark treffen dürfte das Erdbeben den größten Rückversicherer der Welt, die Munich Re. Zwar konnten die Sprecher am Freitag noch nicht einschätzen, welche Belastungen auf das Unternehmen zukommen, doch klar ist bereits jetzt, dass die Munich Re die Folgen deutlich spüren wird. "Wir haben unser Budget für Naturkatastrophen bereits ausgeschöpft", hatte Munich-Re-Vorstand Nikolaus von Bomhard noch am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz in München gesagt. Allein das Erdbeben im neuseeländischen Christchurch im Februar dieses Jahres habe sein Haus nach vorläufigen Schätzungen 725 Millionen Euro gekostet. Weitere Kosten müssten nun durch Gewinne in anderen Bereichen abgefedert werden.

Auch die Hannover Rück, der drittgrößte Rückversicherer weltweit, ist von dem Japan-Beben betroffen. Im Gegensatz zur Munich Re jedoch ist das Großschadensbudget noch nicht ausgeschöpft. Für das Jahr haben die Hannoveraner 530 Millionen Euro veranschlagt, davon sind durch die Flut in Brisbane und das Neuseelandbeben 190 bis 250 Millionen Euro bereits verbraucht. "Wir sind auch im japanischen Markt vertreten, aber wie stark die Auswirkungen sind, ist derzeit völlig unabsehbar", sagt Sprecherin Silvia Dudda der Berliner Morgenpost.

Dass die Aktienkurse der Versicherer deutlich sanken, verwundert daher nicht. Die Titel der Rückversicherer verbilligten sich um rund fünf Prozent. Dennoch sehen Analysten die Rückversicherer keineswegs als unattraktive Investition. "Kurzfristig ist das Beben natürlich kein Kaufargument", sagt Konrad Becker, Analyst bei der Privatbank Merck Finck. "Aber wer langfristig denkt, sollte kaufen, wenn die Erdbeben grollen." Denn wenn Naturkatastrophen passieren, können die Versicherer für das kommende Jahr höhere Prämien durchsetzen.

Andere deutsche Konzerne dürften von dem Beben nur in geringem Ausmaß betroffen sein. Die Allianz ist ebenfalls in der Region tätig, kann aber nach Angaben eines Sprechers die Schadenssumme noch nicht abschätzen. Rund zehn Prozent seiner Beitragsprämien kommen aus der Region Asien-Pazifik. Der Automobilzulieferer Bosch meldete Schäden an einigen der 36 Standorte. Continental konnte noch nicht sagen, ob es Schäden an den fünf Standorten gibt. Auch BASF, mit über 30 Standorten in Japan vertreten, gab am Freitag bekannt, bislang keine größeren Schäden registriert zu haben.