Japan-Beben

Panik in den Straßen - "Es ist wie im Horrorfilm"

Der Tsunami überraschte Japan und die Welt - Reporter der Berliner Morgenpost berichten darüber, wie die Menschen die Katastrophe erlebten.

Tokio, 14.45 Uhr Ortszeit: Ein starkes Erdbeben erschüttert den Nordosten Japans. Boote werden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. In der Hauptstadt kommen zahlreiche Hochhäuser ins Wanken. Das Epizentrum liegt 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio, nach Angaben der US-Erdbebenwarte in einer Tiefe von 24,4 Kilometern. Die Region war erst am Mittwoch von einem Beben der Stärke 7,3 getroffen worden. Das Beben war allerdings glimpflich verlaufen. Für die japanische Pazifikküste sei eine Tsunami-Warnung ausgegeben worden, berichtet der Sender NHK. Sofort werden Erinnerungen an das verheerende Seebeben im Jahr 2004 wach. Damals waren mehr als 200 000 Menschen getötet worden. Tokios Bewohner laufen in Panik auf die Straße. Als die Erde bebt, machen die Deutschlehrerin Miyuki Kaneko und ihre Kollegen von der Japanisch-Deutschen Gesellschaft in Tokio noch Witze: "Gleich geht es los!", sagen sie. Doch dann geht es wirklich los. Miyuki Kaneko, die in der Deutsch-Japanischen Gesellschaft unterrichtet, ist 49. Sie hat schon viele Erdbeben erlebt. "Noch nie war es so stark und so anhaltend." Angst macht sich breit.

15.30 Uhr: Das Beben wird mit der Stärke 8,9 angegeben. Das Kabinett kommt zu einer Krisensitzung zusammen. Für vier Millionen Haushalte ist die Stromversorgung zusammengebrochen. In Iwate wurden Dutzende von Autos von den Wassermassen weggerissen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldet. Auch die U-Bahn von Tokio und der Schnellzugverkehr werden eingestellt.

Onahama in der Präfektur Fukushima, 16 Uhr: Das japanische Fernsehen sendet düstere Bilder: Komplette Häuser, Autos und Container werden von den Wassermassen weggeschwemmt. Ein großes Schiff wird von der schieren Kraft der Welle direkt in die Kaimauer gerammt. Gebäude sind vollständig von Wasser umgeben, Menschen in den oberen Stockwerken gefangen. Sie rufen von den Fenstern aus verzweifelt um Hilfe. Bereits zu diesem Zeitpunkt befürchten Experten Hunderte Tote, die Zahl der Vermissten lässt sich noch gar nicht abschätzen. Alle wissen: Es wird schlimm werden.

Tokio, 16 Uhr: Atomkraftwerke an der Pazifikküste in den Präfekturen Miyagi und Fukushima schalten sich bei dem Erdbeben automatisch ab, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo. Aus der Ölraffinerie in Chiba nördlich Tokios wird ein Feuer gemeldet.

Berlin, 8.20 Uhr Ortszeit: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sichert Japan Unterstützung zu.

Washington, 2.30 Uhr Ortszeit: Das US-Tsunami-Warnzentrum dehnt die Warnung auf praktisch alle Küstengebiete am Pazifik aus, auch Indonesien gibt eine Tsunami-Warnung für seine östlichen Küstengebiete aus. Die Wellen erreichen beim Eintreffen gegen 18 Uhr aber nur eine Höhe von zehn Zentimetern. Die Welle, die die Küste Japans traf, war zehn Meter hoch.

Tokio, 16.55 Uhr: Nach Angaben des Radiosenders NHK sind mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Doch dann steigt die Zahl im Minutentakt. Dazu überschlagen sich die Gerüchte: Kinder seien ins offene Meer gespült worden, Dutzende Menschen in Gebäuden verschüttet. Das ganze Land wartet schockiert auf Nachrichten von der Küste, während immer wieder Nachbeben für neue Panik sorgen und die Rettungsarbeiten erschweren. Ministerpräsident Naoto Kan spricht von einem "großen Schaden". Die Behörden rufen die Menschen an der Küste auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in die oberen Stockwerke der Häuser zu begeben.

Moskau, 11 Uhr Ortszeit: Der russische Katastrophenschutz reagiert: Im äußersten Osten des Landes werden mehr als 10 000 Menschen wegen eines drohenden Tsunamis in Sicherheit gebracht. Auf der Inselgruppe der Südkurilen sowie auf der Insel Sachalin werden mehrere Siedlungen in Ufernähe evakuiert.

Tokio, 17.15 Uhr: Die Regierung in Tokio geht davon aus, dass es möglicherweise das bislang schlimmste Erdbeben in der Geschichte Japans sei, sagt der Chefsekretär des Kabinetts, Yukio Edano. Nach Angaben von Reedern sind alle Häfen in Japan geschlossen worden.

17.30 Uhr: In den Atomkraftwerken in der Präfektur Fukushima wird der Alarm "abnormaler Zustand" gegeben, so die Nachrichtenagentur Kyodo. Zuvor hatte der Ministerpräsident in Tokio gesagt, es gebe bislang keine Probleme mit den Atomreaktoren.

18 Uhr: Der Radiosender NHK meldet, dass es mindestens 21 Tote gegeben habe. Die Agentur Jiji meldet, dass im AKW Tepco Fukushima Daiichi das Kühlsystem ausgefallen ist. Japans Ministerpräsident Kan schafft eine Sondereinheit zum Schutz von Anwohnern im atomaren Notfall, wie der Sender NHK berichtet.

Sendai, 18.30 Uhr: Das Einkaufszentrum Trustcity Plaza in Sendai schreibt auf seiner Homepage: "Wer sich draußen nicht sicher fühlt, soll bei uns Zuflucht suchen. Wir stellen Decken und Wasser zur Verfügung." Menschen aus Sendai sagen Verwandten, sie würden die nächste Nacht im Auto verbringen - zu groß ist die Angst vor Nachbeben.

Onagawa, 18.45 Uhr: Am Atomkraftwerk in der Stadt im Nordosten des Landes bricht ein Feuer aus, das in den kommenden Stunden gelöscht werden kann. Widersprüchliche Meldungen gibt es über das AKW Daiichi des Energieunternehmens Tokyo Electric Power. Die Agentur Jiji meldet, dort seien die Kühlsysteme ausgefallen, Radioaktivität sei aber nicht ausgetreten. Später meldet Jiji unter Berufung auf die Regionalbehörden in Fukushima, die Kühlsysteme seien intakt. Die US-Erdbebenwarte zählt mindestens 23 größere Nachbeben. Das schwerste Nachbeben erreichte 40 Minuten nach dem ersten Erdstoß einen Wert von 7,1.

Köln, 11.30 Uhr: Die Ausschläge des Erdbebens sind auch in Deutschland deutlich zu messen. "In den letzten 100 Jahren gab es nur etwa ein halbes Dutzend Erdbeben dieser Stärke", sagt der Leiter der Erdbebenstation der Kölner Uni in Bensberg, Klaus-Günter Hinzen. "Dementsprechend stark sind die Ausschläge."

Berlin, 11.45 Uhr: Nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sind nach bisherigen Erkenntnissen keine Deutschen unmittelbar betroffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellt deutsche Unterstützung in Aussicht. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt versucht, Kontakt zu Deutschen in Japan aufzunehmen. "Da Teile des Telefonnetzes in der Krisenregion zusammengebrochen sind, nutzen wir derzeit alle uns zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel", sagt eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Für Angehörige von Deutschen, die sich zurzeit in Japan aufhalten, hat der Krisenstab eine Hotline eingerichtet (030/5000 3000). Bis zum Nachmittag seien rund 700 Anrufe besorgter Bürger eingegangen, so die Sprecherin weiter. Insgesamt leben in Japan rund 5000 Deutsche. Taipeh, 19 Uhr Ortszeit: In Taiwan lassen die Behörden wegen des befürchteten Tsunamis vorsichtshalber tief liegende Küstenbereiche evakuieren. Später wird Entwarnung gegeben.

Tokio, 20 Uhr: Nach dem Versagen des Kühlsystems im Fukushima Daiichi rufen die Behörden den Notstand aus. Es seien jedoch keine radioaktiven Lecks in oder in der Nähe von Atomkraftwerken festgestellt worden, erklärt Regierungschef Naoto Kan.

Tokio, 20.15 Uhr: Auf den Straßen drängen sich die Menschen und stauen sich die Autos. U-Bahnen standen stundenlang still und haben jetzt teilweise den Betrieb wieder aufgenommen. Alle paar Minuten erschüttern Nachbeben die Stadt. Millionen Menschen sollen ohne Strom sein und müssen entweder in Tempeln oder Schulen und Universitäten Zuflucht suchen. Manche laufen stundenlang nach Hause oder übernachten in ihren Büros. Tausende Einwohner haben ihre Wohnungen verlassen und wollen die Nacht in den Notunterkünften verbringen. Immer wieder sieht man Menschen mit Helmen auf dem Kopf und orangefarbenen Notfalltaschen in den Händen. In den 24 Stunden geöffneten Convenience Stores und den Supermärkten sind die Regale leer geräumt, manche Läden haben geschlossen, damit sich die Angestellten in Sicherheit bringen können. Über der Stadt kreisen Helikopter. "Es ist wie im Horrorfilm", sagt Maya Mochikzuki, die mit ihrer zweijährigen Tochter und ihrem Mann im südlichen Stadtbezirk Minato lebt. Die 31-Jährige war gerade aus der U-Bahn gestiegen, als das Erdbeben Japan erschütterte. "Die Leute haben alle angefangen zu rennen", sagt sie. "Jeder wollte nur so schnell wie möglich nach oben." Draußen angekommen, bebte die Erde immer noch, Menschen rannten aus den Gebäuden auf die Straße und blickten in den Himmel.

Die Menschen in Japan sind regelmäßige Erdbeben gewohnt, aber: "Als das Wackeln auch nach kurzer Zeit nicht nachgelassen hat, ist uns klar geworden: Diesmal ist es ernst", sagt Maya Mochizuki. Gerade ist sie aus der Notfallunterkunft in der örtlichen Grundschule zurückgekommen, wo viele Tokioter sich versammelt haben. Decken und Wasser wurden verteilt. Dort wartete sie auf ihren Mann, der sich aus dem Büro zu Fuß auf den Nachhauseweg gemacht hatte. So lange die Nachbeben nicht stärker werden, will Maya Mochizuki in ihrer Wohnung bleiben. Sie wird heute so angezogen ins Bett gehen, dass sie jederzeit wieder aufstehen und das Haus verlassen kann.

Soma, 20.20 Uhr: Der Japanische Wetterdienst teilt mit, dass in der Stadt Soma im Nordosten ein Tsunami mit einer Wellenhöhe von mehr als 7,3 Metern gemessen wurde. Zuvor hatte eine Flutwelle von etwa zehn Metern die Küste rund um Sendai getroffen. Das japanische Innenministerium erklärt nach Angaben des Senders NHK, in Städten und Präfekturen seien mindestens 97 Brände gemeldet worden.

Tokio, 21.17 Uhr: Nach dem Tsunami wird in der japanischen Küstenregion Miyagi ein Zug vermisst. Rund 6000 Menschen, die in der Nähe der Atomanlage Daiichi leben, werden aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Im Umkreis von drei Kilometern soll alles evakuiert werden. Wegen des Bebens hatten sich nach Angaben der Regierung in Tokio elf japanische Atomkraftwerke automatisch abgeschaltet. Das Transportministerium meldet, mehr als 700 Flüge von Japan aus seien gestrichen worden.

Sendai, 22.10 Uhr: Inder Küstenstadt entdeckt die Polizei mehr als 200 Leichen.

Tokio, 23.15 Uhr: Die Nachrichtenagenturen melden, dass die Kühlung des Atomkraftwerks in Fukushima nur noch im Batteriebetrieb läuft. Die Mitarbeiter bemühten sich, die Notstromversorgung des Werks wiederherzustellen, um Wasser in die Reaktoren pumpen zu können und ein Trockenfahren zu verhindern, so die Betreiberfirma Tepco. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze", sagt Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln.

Berlin, 19 Uhr: Das Bundesinnenministerium teilt mit, dass das Technische Hilfswerk (THW) am Samstag ein rund 40-köpfiges Team der Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (SEEBA) nach Japan entsenden werde.

Nacht zum Samstag: Die Zahl der Toten steigt über 1000. Der Norden Japans wird von einem weiteren schweren Erdbeben (Stärke 6,6) erschüttert. Sein Zentrum lag 170 Kilometer nördlich von Tokio in zehn Kilometern Tiefe.

*Samstagmorgen: Mehr als 50 zum Teil heftige Nachbeben wurden gezählt.