Sicherheit

Droht in Japan jetzt eine nukleare Katastrophe?

Das Erdbeben erschütterte eine Supermacht der Atomenergie. Denn die Atomkraftwerke haben zwar so reagiert, wie sie sollten - mit einer automatischen Schnellabschaltung. Trotzdem traten in zwei Anlagen Probleme auf, die die Regierung veranlassten, den nuklearen Notstand auszurufen.

Dieser tritt dann ein, wenn der Austritt von Radioaktivität sich bestätigt oder das Kühlsystem eines Kraftwerks ausfällt.

Weil die Dichte von Nuklearanlagen auf der japanischen Inselgruppe deutlich höher ist als etwa in Deutschland (55 Atomreaktoren versorgen die etwa 128 Millionen Japaner, in Deutschland laufen derzeit gerade einmal 17 Reaktoren), kann ein schwerer Unfall infolge eines Bebens zur Tragödie in der Tragödie führen. Bei Redaktionsschluss war so eine Entwicklung nicht auszuschließen. So geriet das Atomkraftwerk Onagawa in Brand, nachdem es zusammen mit drei angrenzenden Anlagen heruntergefahren wurde, am Reaktor Fukushima 1 fiel ein Kühlsystem aus. Den Ingenieuren war es nicht mehr möglich, den Reaktorkern zu kühlen. Der Wasserspiegel, so verlautete in der Nacht aus Japan, sinke immer weiter.

Auch bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 hatte sich eine Kernschmelze ereignet, nachdem durch ein waghalsiges Experiment das Kühlsystem ausgeschaltet worden war und dann nicht mehr hochgefahren werden konnte. Doch am Freitagnachmittag hatten die japanischen Behörden zuletzt gemeldet, bei keinem der beiden am meisten gefährdeten Kraftwerke sei Radioaktivität ausgetreten. Das Atomkraftwerk von Fukushima gehört zu den ältesten in Japan in Betrieb befindlichen Anlagen. Es stammt aus dem Jahr 1971, dem Jahr, in dem das Land die Nutzung der Nuklearenergie begann. Es befindet sich nur etwa 200 Kilometer von der Hauptstadt Tokio und den fast 35 Millionen Menschen entfernt, die dort und in den Vororten leben. In einer Zone von drei Kilometern um den Reaktor wurden alle Bewohner evakuiert. Es soll sich um mehrere tausend Menschen handeln. Allen Bürgern im Umkreis von zehn Kilometern wurde von den Behörden empfohlen, ihr Haus nicht zu verlassen. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte jedoch, dabei handele es sich ausschließlich um prophylaktische Maßnahmen.

Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien bemühte sich um weitere Einzelheiten zu den Vorfällen. Nach Angaben des japanischen Industrieministeriums in Tokio schalteten sich insgesamt elf Reaktoren in der Anlage von Onagawa in der Präfektur Miyagi automatisch ab. Dort war ein Brand in einem Turbinengebäude ausgebrochen, wie der Betreiber, die Tohoku-Elektrizitätsgesellschaft, mitteilte. Doch auch in anderen Anlagen kam es zu Problemen: Vom Atomkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa trat Wasser in die japanische See aus, das aus Lagerbecken für Brennstäbe stammte.

Der stellvertretende Industrieminister Motohisa Ikeda bestieg noch am Freitagnachmittag einen Notfallhubschrauber, um sich aus der Luft einen Eindruck von der Lage am Reaktor Fukushima 1 zu verschaffen. Die Situation dort schien mit Abstand die gefährlichste zu sein.

Auch die nuklearkritische Organisation Internationale Ärzte zur Verhinderung eines Atomkrieges wies mit größter Dringlichkeit auf die Situation in Fukushima hin. Dort bestehe die akute Gefahr einer Kernschmelze, hieß es in einer von der deutschen Sektion der Organisation verbreiteten Erklärung: "Es ist völlig unklar, ob in diesem Fall Notfallmaßnahmen funktionieren würden." Das Notkühlsystem lief nach japanischen Informationen nur noch im Batteriebetrieb.