RAF-Prozess

"Widerstand ist nicht verhandelbar"

Sie wirken aus der Zeit gefallen: Vor dem Gebäude des Oberlandesgerichts Stuttgarts haben ein paar junge Leute ein Banner ausgerollt. "Revolutionärer Widerstand ist nicht verhandelbar - keine Zusammenarbeit mit Justiz und Staatsapparat" steht da schwarz auf rot.

Es ist nicht der einzige groteske Moment an diesem Prozesstag im Verfahren gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wegen des Mordes an Generalsbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern. Dabei ist es auch der Tag einer dramatischen Begegnung. Denn als Zeuge ist Günter Sonnenberg geladen, jener ehemalige RAF-Terrorist, der mit großer Wahrscheinlichkeit das Tatmotorrad gelenkt hat, von dem aus Buback und seine beiden Begleiter am Vormittag des 7. April 1977 in Karlsruhe erschossen wurden. Das glaubt nicht nur die Bundesanwaltschaft, sondern auch Michael Buback, Sohn des Opfers, der mit seiner Frau im Gerichtssaal sitzt.

Schweigen wollte Sonnenberg vor Gericht. Das hatte er schon vorher mitteilen lassen. Und so ist es zunächst sein bemerkenswertes Äußeres, das den ersten Eindruck prägt. Sonnenberg scheint direkt dem Baader-Meinhof-Spielfilm von Uli Edel entsprungen, der vor drei Jahren in den Kinos zu sehen war: Er wirkt wie ein Darsteller aus einem nachträglich inszenierten Geschichtsmythos.

Sonnenberg trägt eine getönte Sonnenbrille im Siebzigerjahrestil und einen Parka, dessen Kapuze er über sein langes Haar gezogen hat. Der frühere RAF-Terrorist Rolf Heißler, der auch vorgeladen ist, sieht mit Hemd und Mantel eher bürgerlich aus. Die Kapuze zieht Sonnenberg erst nach mehrmaliger Aufforderung durch den Richter ab, die Sonnenbrille lässt er auf. Es sei seine "Schutzbrille", sagt sein Anwalt - und meint damit die Folgen der schweren Kopfverletzung, die Sonnenberg bei seiner Verhaftung erlitt.

Dieser umarmt zunächst mit großer Geste die Angeklagte Verena Becker, mit der er gemeinsam im Mai 1977 verhaftet wurde und mit der er damals versuchte, sich in Bonny-und-Clyde-Manier den Weg frei zu schießen. Michael Buback, der nach ihm den Raum betritt, wird hingegen von Sonnenberg keines Blickes gewürdigt.

"Warum stellen Sie solche Fragen?"

Der Chemieprofessor aus Göttingen, meist um einen nüchternen Ton bemüht, starrt von seinem Platz aus minutenlang fassungslos auf Sonnenberg. Sonnenberg bleibt seiner Selbststilisierung zum RAF-Märtyrer treu. Das geht aus dem wenigen hervor, was er vor Gericht dann doch noch sagt. Er lebt jetzt in Frankfurt am Main von Hartz IV, weil er als "Arbeitskraft nicht mehr vermittelbar" sei, sagt er. Als der Richter nachhakt, wird er wütend: "Warum stellen Sie solche Fragen?" Er habe durch den Kopfschuss bei seiner Verhaftung ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, vier Wochen im Koma gelegen und hinterher 13 Jahre in "Isolationshaft" verbracht. Die Verletzung habe dazu geführt, dass er wieder neu sprechen, schreiben und lesen lernen musste. Dass Sonnenberg damals neun Schüsse auf einen der Polizisten abgegeben hatte, bevor dieser überhaupt seine Waffe zog, dass er auf den in Todespanik am Boden davonkriechenden Mann weiter schoss, bis das Magazin seiner Smith &Wesson leer war - das sagt er nicht. Und auch nicht, dass er seine "Isolationshaft" in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal verbrachte, wo er behandelt wurde wie die anderen Häftlinge auch.

Es ist Bundesanwalt Walter Hemberger, der Sonnenberg nicht so leicht davonkommen lässt. "Sie haben gar nichts gelernt", schleudert Hemberger, ein hagerer Mann, Sonnenberg entgegen. "Wenn Sie mal nach links blicken, sitzt drei Meter von Ihnen entfernt der Herr Buback." Dieser und auch die Angehörigen der anderen Opfer hätten ein "menschliches Recht" zu erfahren, wer ihre Väter und Ehemänner erschossen hätte. Umsonst. Sonnenberg antwortet nicht mehr.

Auch wenn Fakten den Verdacht einer Beteiligung Sonnenbergs nahelegen: Er wird sich deshalb wohl nicht mehr vor Gericht verantworten müssen. Verurteilt wurde er damals wie Verena Becker wegen versuchten Polizistenmords bei seiner Verhaftung. Das Verfahren gegen ihn in Sachen Buback stellte die Bundesanwaltschaft hingegen 1982 ein. Sie verwies darauf, dass Sonnenberg bereits zu zweimal lebenslänglich verurteilt worden und gesundheitlich angeschlagen sei.

Dann tritt der zweite Zeuge auf: Gegen den ehemaligen RAF-Terroristen Stefan Wisniewski ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der Beteiligung am Buback-Mord. Ausgelöst hatte die neuen Ermittlungen ein Bericht, dem zufolge der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock Wisniewski für den Mordschützen hält. Auch Verena Becker soll in der Haft 1982 gegenüber dem Verfassungsschutz Wisniewski als Täter genannt haben.

Wisniewski war 1981 wegen der Entführung und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer verurteilt worden. 1999 kam er frei. Er habe sich "glaubhaft davon distanziert, politische Ziele mit gewalttätigen Mitteln durchzusetzen", so die Begründung.

Von der Inszenierung der RAF offenbar nicht. Statt Kapuze trägt er Schiebermütze, statt getönter eine Spiegelbrille. Als der 57-Jährige vor Gericht sein Schweigen verkündet, hat Michael Buback sich schon leicht resigniert abgewandt. Ein Antrag seines Anwalts, Wisniewski notfalls per Haft zumindest zu einer Auskunft über seine Lebenssituation zu zwingen, wird vom Gericht abgelehnt. In der Mittagspause sagt Buback: "Die Mörder meines Vaters müssen heute da gewesen sein."