Michail Gorbatschow

Blicke ins Leben eines Weltveränderers

Manche Zitate schreiben Geschichte, obwohl der Zitierte sie nie gesagt hat. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" ist der bekannteste Satz von Michail Gorbatschow, doch öffentlich hat er ihn jedenfalls nie gesagt. Es handelt sich um eine sehr freie Übersetzung seines Sprechers.

Wörtlich übertragen hatte Gorbatschow bei seinem Empfang zum 40. Jubiläum der DDR Anfang Oktober 1989 festgestellt: "Schwierigkeiten lauern nur auf den, der nicht auf das Leben reagiert." Trotzdem ist das falsche Zitat zum geflügelten Wort geworden.

Denn dieser Satz verdichtet die Ereignisse des revolutionären Jahrs 1989 prägnant und pointiert: Der KPdSU-Chef hatte mit "Glasnost" und "Perestroika" eine neue politische Kultur begründet, die indirekt erst zum Zusammenbruch des sowjetischen Machtanspruchs führte, dann zum Sturz der kommunistischen Regimes, schließlich zur deutschen Einheit. Bereits zehn Tage nach Gorbatschows Besuch in Ost-Berlin musste Erich Honecker im Politbüro für seinen eigenen Rücktritt stimmen, weitere drei Wochen später fiel am 9. November 1989 dann die Mauer.

"Michael Gorbatschow hat die Welt verändert", sagte der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei den Jubiläumsfeierlichkeiten von 20 Jahren Mauerfall 2009. Dabei wollte der Karriere-Funktionär eigentlich "nur" die Sowjetunion reformieren. Doch daraus wurde mehr, und heute gilt er in Deutschland und Europa neben Alt-Kanzler Helmut Kohl und Ex-US-Präsident George Bush als "Vater der deutschen Einheit".

Aus dem Familienalbum

Deshalb präsentiert die "Bild"-Zeitung, die wie die Berliner Morgenpost im Haus Axel Springer erscheint, gemeinsam mit dem Berliner Museum "The Kennedys" zu Ehren von Gorbatschows 80. Geburtstag ab Freitag die Ausstellung "Aus dem Familienalbum". Die inoffizielle Eröffnung findet bereits an diesem Donnerstag statt. Nach einer kurzen Begrüßung durch Chefredakteur Kai Diekmann wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Ausstellung eröffnen. Michail Gorbatschow kommentiert anschließend die Schau, die von Freitag an dann offiziell für gut einen Monat am Pariser Platz zu sehen ist.

Über 90 Fotografien, die zum Teil aus Privatbesitz stammen, gewähren tiefe Einblicke in das Leben des Staatsmannes. Jugendaufnahmen, Bilder aus den Zeiten seines beruflichen Aufstiegs innerhalb der sowjetischen KP, schließlich der Karrieresprung zum jüngsten Politbüro-Mitglied und die Wandlung zum Hoffnungsträger, dem allein eine moderate Modernisierung der UdSSR zugetraut wurde. Eine wichtige Rolle, das zeigen die Bilder ebenfalls, spielte stets seine Frau Raissa, die meist in seinem Schatten stand, ihm aber oft den Rücken freihielt. Sie war die erste sowjetische "First Lady", die tatsächlich öffentlich repräsentierte; nach schwerer Krankheit starb sie 1999. Daneben stehen Fotos von prägenden Stationen seiner politischen Karriere, etwa dem Zusammentreffen mit US-Präsident Ronald Reagan während ihres Gipfels am 21. November 1985 in Genf. Diese Gespräche wurden zum Ausgangspunkt der persönlichen Freundschaft zwischen den Staatschefs der beiden Supermächte, ohne die ein friedliches Ende des Kalten Krieges wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Zu den jüngsten Aufnahmen in der Ausstellung gehört das Gruppenbild mit Helmut Kohl und George Bush im Foyer des Axel Springer Verlags; es entstand anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls 2009.

Seinen runden Geburtstag begeht Gorbatschow am 2. März. Während er in Deutschland und Europa für seine Rolle bei der atomaren Abrüstung und der Demokratisierung Osteuropas längst gewürdigt, teilweise verehrt wird, sehen seine russischen Landsleute ihn nüchterner. Er wird kritisiert wegen des Friedensnobelpreises, den er 1990 erhielt, und wegen der Niederlage der Sowjetunion im Systemkonflikt mit den USA und ihres anschließenden Untergangs.

Für Frieden und die Umwelt

Die Berliner lieben ihren "Gorbi" trotzdem, denn er verleiht der deutschen Einheit ein Gesicht. Schon 1987 forderte Ronald Reagan ihn am Brandenburger Tor auf: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!" ("Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"). Zwar hat der Jubilar diese Aufforderung nicht bewusst umgesetzt; vielmehr waren es die Menschen in der DDR, die nach dem Ende der sowjetischen Unterstützung für die SED-Diktatur den Mut hatten, auf die Straße zu gehen. Aber Gorbatschow war immer mit dabei. Denn zu ihren Schlachtrufen gehörten auch "Gorbi, hilf uns!"-Rufe und das wohl bekanntere "Gorbi! Gorbi!". Schließlich drängten am Abend des 9. Novembers 1989 zehntausende Ost-Berliner auf die Grenzübergänge zum Westteil der Stadt. Die Mauer fiel. Ohne Gorbatschow wäre das nicht möglich gewesen.

Seit seinem Rücktritt Ende 1991, der zusammenfiel mit dem Ende der Sowjetunion als Supermacht, setzt sich Gorbatschow für Frieden und Umweltschutz ein, wofür er mehrere Stiftungen und andere Organisationen gründete. Weltweit als Redner begehrt und geachtet, setzt er sich ein für den Ausbau der deutsch-russischen Beziehungen.