Mappus und Grube auf Kuscheltour

Angst vor einem zweiten Stuttgart 21

Bahnprotest-Gruppe mit dem kuriosen Namen "IG BOHR" hatte die Einladung an die "lieben MitBOHRerInnen" so höflich formuliert, dass es schon wieder ironisch klang. "Der Reiseplan der angekündigten Persönlichkeiten steht fest", hieß es unter der Überschrift "Hoher Besuch am Südlichen Oberrhein" und den Konterfeis von Bahnchef Rüdiger Grube, Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) und mehreren Ministern der Landesregierung.

Es folgte eine Liste der Stationen, wo Bürger und Betroffene "unserem hochrangigen Besuch" möglichst zahlreich begegnen sollten. Ein halbes Dutzend Kernforderungen werde "dem hohen Besuch" dann verdeutlichen, wie die Rheintal-Bahnstrecke von Karlsruhe Richtung Schweizer Gotthard-Basistunnel ausgebaut werden solle: menschenverträglich, umweltgerecht und zukunftstauglich.

Es brodelt heftig

Der im Gegensatz zum harschen Stuttgart-21-Protest so verbindliche Ton, den die IG Bahnprotest am Ober- und Hochrhein" (IG BOHR) wählte, darf nicht täuschen: Am Südwestzipfel von Baden-Württemberg brodelt es heftig. Selbst alle Bemühungen von Deutscher Bahn AG und Politik, den seit Jahren anhaltenden Protest zu bremsen und einen für alle akzeptablen Kurs zu finden, können nicht ganz ausschließen, dass die so genannte Rheintalbahn am Ende doch noch ein Debakel à la Stuttgart 21 beschert. Dabei ist längst höchste Eisenbahn, was den Ausbau angeht: Die Nachbarn in den Niederlanden und der Schweiz warten auf die Aufrüstung der 182 Kilometer Strecke zwischen Karlsruhe und Basel, weil über die Trasse ein Großteil des europäischen Güterverkehrs vom Hafen in Rotterdam Richtung Genua am Mittelmeer geschickt werden soll.

Eine kleine Vorahnung davon, wie viel Probleme es dabei noch geben könnte, erhielten die Besucher an diesem Tag in Herbolzheim, einer Gemeinde mit Wohngebieten direkt an der Bahnlinie. Dort rattern und quietschen schon jetzt im Dreiminutentakt schwere Güterzüge über die Gleise, der Ausbau auf ein drittes und viertes Gleis soll den Verkehr verdoppeln. Daher streckten 300 pfeifende, buhende und trötende Anwohner den Gästen deftige Plakatsprüche entgegen, die einen Vergleich mit der Stuttgart-21-Derbheit nicht zu scheuen brauchten: "Verarschen lassen wir uns nicht, sonst machen wir die Gleise dicht", lautete eine kaum verhohlene Drohung. "Wird der Protest erst schärfer, nutzen nicht mal mehr Wasserwerfer" oder "Wo Unsinn gebaut wird, ist Sabotage Spaß!", ulkten andere Banner.

Sollte es allerdings so weit kommen und sich Bahnausbau-Gegner eines Tages tatsächlich an den Gleisen festketten, dann dürfte das zumindest nicht den Planern, Bauherren und politischen Verantwortlichen angelastet werden. Dieses Signal ist der Landesregierung und Bahn AG nach den Lehren von Stuttgart 21 derzeit besonders wichtig. Kommunikation, Transparenz, Bürger einbeziehen, Präsenz zeigen, heißt daher die Devise. Mit Bahnchef Grube, Technikvorstand Volker Kefer und dem Konzernbevollmächtigten Eckard Fricke hatte die Bahn AG fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte, um sich ein Bild von den Bedenken zu machen. Von der Politik wiederum waren neben dem Ministerpräsidenten Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU), Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) und Staatsminister Helmut Rau dabei.

Doch je mehr Gemeinden sie abfuhren, desto klarer wurde: Anders als bei Stuttgart 21 geht es bei Baden 21, wie der Neu- und Ausbau der Rheintal-Trasse genannt wird, nicht um einen Kampf zwischen Gegnern und Befürwortern, zwischen Baumschützern und Bauherren. Im Süden der Republik stehen sich Nachbargemeinden in direktem Konflikt gegenüber: diejenigen, die sich eine Trasse direkt an der Autobahn und weg von ihren Wohngebieten wünschen gegen jene, die dabei viele Flächen verlieren würden und lange Bauarbeiten oder Umweltbelastungen fürchten. Oder jene, die eine Untertunnelung der Stadt Offenburg fordern gegen jene, die mit großen Plakate "Gegen Tunnel unter Wohngebieten" protestieren.

Wie groß die Empörung in der Region ist, zeigt schon diese Zahl: Gegen das heiß umkämpfte Stuttgart 21-Projekt gingen in seiner gesamten, jahrzehntelangen Planungsgeschichte 12 000 Einwendungen ein. Bei der Rheintalbahn, deren Planung noch lange nicht abgeschlossen ist, sind es schon jetzt 172 000, allein 46 000 davon aus Offenburg. Anwohner und auch viele Politiker fordern, dass die so wichtige Güterverkehr-Trasse, die von niemandem in Frage gestellt wird, anders verläuft.

Für die Bahn führt am Ausbau der Rheintalbahn kein Weg vorbei. Derzeit fahren auf der Mitte des 19. Jahrhunderts gebauten Trasse rund 250 Züge am Tag. Mehr ist nicht möglich. Aber ausreichend ist das für den immer wichtiger werdenden Güterverkehr auf der Schiene nicht. Und das ist nicht das einzige Problem: Als die Strecke gebaut wurde, war der Rhein noch nicht begradigt. Dort, wo heute die Autobahn im Rheingraben verläuft, waren zur Bauzeit der Bahn noch Flutflächen. So kam eine gewundene, komplizierte Strecke zustande, auf der Züge gerade mal 70 Stundenkilometer schnell fahren können.

Ergebnis für Ende des Jahres

Nachdem das Freiburger Regierungspräsidium jüngst der Bahn auch noch die Ausbaupläne für Offenburg mit der Anmerkung "ungenügend, fehlerhaft" zurückgeschickt hatte, wird nun tatsächlich über einen Tunnel nachgedacht. Die Bahn AG war zwar zunächst entsetzt, weil diese Lösung deutlich teurer und womöglich auch langwieriger beim Bau ist. Doch um des lieben Friedens willen wurden jetzt beim Besuch der Delegation erste Probebohrungen gestartet, die zeigen sollen, ob sie die Grundwassersituation überhaupt für einen Tunnel eignet. Ein Projektbeirat mit allen Beteiligten und Betroffenen prüft zudem eine andere Trassenführung; bis Ende des Jahres sollen Ergebnisse vorliegen.