Studie

Ärzte werden nicht mehr richtig ausgebildet

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Ina Brzoska

Früher war es sein Traumberuf, jetzt will er den Klinikalltag hinter sich lassen. Eckhard Spree, heute 40 Jahre alt, entschied sich nach dem Studium ganz bewusst für eine der wichtigsten Krankenhausstationen.

Spree ging in die Unfallchirurgie des Vivantes Klinikums im Friedrichshain. Er liebt seine Arbeit, es motiviert ihn, Menschen sozusagen an vorderster Front zu helfen. Seit einigen Jahren arbeitet er dort als Oberarzt, versorgt Notfälle oder richtet Brüche. Nebenbei betreut er die Assistenzärzte. Noch in diesem Jahr wird er aussteigen, eine eigene Niederlassung gründen. Ein zentraler Grund für seinen Entschluss: Die Arbeitsbelastung wächst, die Nacht- und Feiertagsschichten sind mit der Familie kaum mehr vereinbar.

60- bis 70-Stunden-Arbeitswoche

"Krankenhausärzte arbeiten am Limit, die Arbeitsbelastung ist teilweise unerträglich hoch", sagt Rudolf Henke, Chef des Marburger Bunds. In einer aktuellen Studie stellte die Ärztegewerkschaft jüngst fest: 41 Prozent der 12 000 befragten Mitglieder bewerten ihre persönlichen Arbeitsbedingungen als schlecht bis sehr schlecht. Besonders Assistenzärzte arbeiten häufig bis zur Erschöpfung, 60 bis 70 Stunden die Woche, manche mit Marathonschichten von 24 oder 36 Stunden am Stück. Eine Berufsplanung ist da kaum möglich, zumal viele Arbeitsverträge meist auf ein Jahr befristet sind.

Der Marburger Bund geht davon aus, dass die steigende Arbeitsbelastung deutscher Ärzte durch Tausende unbesetzte Stellen verursacht wird. Die Befragung ergab, dass im Schnitt rund 1,5 Arztstellen pro Abteilung fehlen. In der Hochrechnung führt das bei 8500 Krankenhausabteilungen zu 12 000 unbesetzten Stellen.

"Wir müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten", sagt Spree. Bis zu acht Operationen führt der pro Schicht durch. Der Arbeitsanfall einer Unfallchirurgie ist schwer planbar, wenn Notfälle reinkommen, fallen geplante Eingriffe aus und müssen auf Abendstunden verschoben werden. Überstunden fallen an. Hinzu kommen vier bis sechs Mal im Monat Bereitschaftsdienste, dann arbeitet Spree Tag und Nacht durch. Dazu kommt der Papierkrieg. Manch ein Kollege verbringt 70 Prozent seiner Arbeitszeit damit.

Für Unfallchirurg Spree ist es vor allem der Mangel an gut ausgebildeten Fachärzten, der ihm Sorge bereitet. Im Vivantes Klinikum Friedrichshain werden offene Stellen, sofern diese nicht eingespart werden, mit Berufsanfängern oder Assistenzärzten besetzt. Das führe einerseits dazu, dass Operationen länger dauern, weil noch unerfahrene Ärzte eine Betreuung und Anleitung bei chirurgischen Eingriffen brauchen. Eine weitere Folge sei, dass die Ausbildung des Nachwuchses zu kurz komme. Assistenzärzte, die ständig Überstunden schieben, haben schlicht weniger Zeit für Weiterbildungsmaßnahmen. Im Alltag fehle die Zeit, sie ordentlich anzulernen.

Schon jetzt gibt es dem Berliner Arzt zufolge einen eklatanten Mangel an Fachkräften. "Es gibt kaum noch gut ausgebildetes Personal auf dem Markt", sagt Spree. Angesichts des demografischen Wandels ein Problem, das sich in den kommenden Jahren noch verschärfen wird.

Die stetig steigende Arbeitsbelastung, so der Tenor der Ärztevertreter, führt längerfristig zu Qualitätsverlusten in der Patientenversorgung. "Die Qualität im Krankenhaus stirbt zentimeterweise", sagte Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer. Die Kliniken versuchten, Unterbesetzungen durch Arbeitsverdichtung und fachübergreifende Bereitschaftsdienste zu kompensieren, sagte Jonitz. "Wenn Urologen oder Unfallchirurgen für Kaiserschnitte eingesetzt würden, erhöhe sich die Gefahr von Komplikationen um ein Vielfaches." In Berlin seien es vor allem die kommunalen Krankenhäuser, Vivantes und Charité, die sich zu wenig um die Ärzte kümmern. "Im Vergleich zu privaten, gemeinnützigen und kirchlichen Kliniken versagen Charité und Vivantes bei der Mitarbeiterorientierung kläglich", sagte Jonitz. Als Ursachen nannte er verordnete Einsparmaßnahmen und politischen Druck, der die zuständige Geschäftsführung in ein Korsett sperre.

Schlechte Ausbildung

Unfallchirurg Spree will aber auch nicht alles schlechtreden. Im Vergleich zu anderen Städten und ländlichen Regionen wie Brandenburg, wo der Ärztemangel eklatant sei, stehe die Hauptstadt gut da. "Berlin ist eine attraktive Stadt, davon profitiert auch der Medizinstandort, der viele Studenten und Berufsanfänger anzieht", sagt er. Da sei der gute Ruf des Universitätsklinikums der Charité, auch Vivantes sei bei der Ausbildung beliebt, hinzu kämen die vielen privaten Kliniken, die sich gut um Mitarbeiter kümmern. Allerdings, so beobachtet Spree, gebe es ein steigendes Interesse, nach der Facharztausbildung ins Ausland zu gehen oder sich ein Arbeitsfeld außerhalb der Krankenhäuser zu suchen. Spree selbst sagt, dass er in den letzten Jahren nicht nur mehr Zeit für Patienten, sondern auch zur Ausbildung der Assistenzärzte gebraucht hätte.