Krankenkassen

Versicherte fliehen vor den Zusatzbeiträgen

Hunderttausende Krankenversicherte haben der DAK und anderen Kassen mit Zusatzbeiträgen den Rücken gekehrt. Gleichzeitig türmt sich ein Rekordüberschuss von mehr als sechs Milliarden Euro beim Gesundheitsfonds.

Der SPD-Forderung nach einer Beitragssenkung erteilte die Bundesregierung aber prompt eine Absage.

Allein die große DAK verlor seit erster Erhebung der Zusatzbeiträge vor rund einem Jahr 332 000 Mitglieder und 128 000 mitversicherte Ehegatten und Kinder, bestätigte Sprecher Jörg Bodanowitz. Das sind sieben Prozent der Versicherten. Bei der KKH-Allianz ging die Versichertenzahl um knapp 190 000 auf 1,86 Millionen zurück, wie die "Leipziger Volkszeitung" meldete. Beide Kassen verlangen acht Euro pro Monat. Kassen ohne Zusatzbeitrag gewannen Mitglieder. Bei der Barmer GEK stieg die Versichertenzahl um etwa 100 000 auf 8,6 Millionen, bei der Techniker Krankenkasse um 339 000 auf 7,6 Millionen.

Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr (FDP) begrüßte, dass sich die Wahlfreiheit der Versicherten zeige. "Jeder Versicherte sollte genau prüfen, ob sich ein Wechsel für ihn wirklich lohnt", riet er aber. Trotz Finanzknappheit einzelner Kassen hat der Gesundheitsfonds, der das Geld einsammelt, Geld im Überfluss. So steigen die Reserven bis Ende des Jahres voraussichtlich bis 6,2 Milliarden Euro, wie das Bundesversicherungsamt mitteilte. Allein 2011 dürften die Fondseinnahmen die Zuweisungen an die Kassen um rund 2,7 Milliarden übersteigen. Grund ist die steigende Beschäftigung. Der SPD-Experte Karl Lauterbach forderte deshalb, den erst Anfang des Jahres auf 15,5 Prozent erhöhten Beitragssatz wieder zu senken. Er warf Minister Philipp Rösler (FDP) im "Handelsblatt" bewusste Täuschung der Bürger vor. Noch vor wenigen Wochen habe Rösler seine Gesundheitsreform damit begründet, ohne Beitragsplus drohe dem Fonds ein Elf-Milliarden-Loch. Lauterbachs Linke-Kollegin Martina Bunge forderte, die erweiterten, nach oben offenen Zusatzbeiträge durch die Rösler-Reform (Kopfpauschalen) wieder abzuschaffen.

Röslers Ressort, das Versicherungsamt und die Kassen wollen von sinkenden Beiträgen aber nichts wissen. Bahr sagte: "Ein Puffer ist für die Stabilität und Nachhaltigkeit der Krankenversicherung allemal besser als eine Planung, die auf Kante genäht ist." Drei Milliarden Euro müsse die Risiko-Reserve des Fonds laut Gesetz mindestens betragen. Mit zwei Milliarden soll der neue Sozialausgleich bezahlt werden. Der CDU-Experte Jens Spahn sagte:"Wir haben keinen Cent übrig!" Kassenverbandssprecher Florian Lanz sagte: "Jede Spekulation oder Mutmaßung, dass die einzelnen Krankenkassen jetzt mehr Geld ausgeben könnten, ist falsch."

So funktioniert der Wechsel

Wer schon 18 Monate Mitglied seiner Krankenkasse ist, kann jederzeit den Anbieter wechseln. Die Kündigung muss schriftlich erfolgen, die Frist dafür beträgt zwei Monate zum Monatsende. Will eine Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erheben oder eine zuvor gezahlte Prämie kürzen, haben die Mitglieder ein Sonderkündigungsrecht. Die Kündigung muss dann spätestens an dem Tag bei der Kasse eingehen, ab dem der Zusatzbeitrag erhoben wird. Zwar beträgt auch hier die Kündigungsfrist zwei Monate zum Monatsende, den Zusatzbeitrag muss man aber für diesen Zeitraum dann nicht zahlen.