Ethik

Ärztekammer macht Rückzieher bei Sterbe-Hilfe

Nach langer Diskussion hat die Bundesärztekammer (BÄK) erste Formulierungen zu ihrer künftigen Bewertung der ärztlichen Suizidbeihilfe vorgelegt. Doch anders als von manchem erwartet, dürfte es durch diese Formulierungen, die der Berliner Morgenpost vorliegen, nicht zur Abkehr vom Verbot einer Mithilfe bei freiverantwortlichen Selbsttötungen von Schwerstkranken kommen.

Im "Statement über die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung" stellt der BÄK-Vorstand fest, "dass unverändert die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung eines Patienten nicht zum Kanon der ärztlichen Aufgaben gehört". Vielmehr bleibe es "Aufgabe des Arztes, unter Achtung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten Leben zu erhalten, Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen sowie Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen". Dies bedeutet allenfalls eine rhetorische Änderung der bisherigen Grundsätze, wonach die Suizidassistenz "dem ärztlichen Ethos widerspricht".

Dass jetzt nicht mehr aufs Ethos verwiesen wird, liegt daran, dass in der Ärzteschaft kein breiter Konsens über das Ethos in dieser Frage besteht. Eine 2010 von der BÄK in Auftrag gegebene Allensbach-Umfrage unter deutschen Ärzten ergab, dass gut 30 Prozent zu jener Beihilfe unter Umständen bereit sind. Sie haben hier offenkundig ein etwas anderes Ethos. Deshalb wird in den neuen Formulierungen die Ethosfrage ausgeklammert. Hierfür hatte BÄK-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe gesorgt.

Hindernis Berufsordnung

Falls aber Hoppe weitergehende Lockerungspläne gehabt haben sollte - was einige seiner öffentlichen Äußerungen vermuten ließen -, konnte er sich in der BÄK nicht gegen die Verbotsanhänger durchsetzen. Zu diesen gehört Vorstandsmitglied Rudolf Henke (CDU), Chef des Marburger Bundes, der sich in der Berliner Morgenpost" gegen eine Lockerung aussprach. Auch BÄK-Vorstandsmitglied Theodor Windhorst sagte der "Neuen Westfälischen", das Verbot solle weiter im Berufsrecht verankert werden.

Damit verweist Windhorst auf das entscheidende Hindernis: die Berufsordnung, die anders als die allgemeinen "Grundsätze zur Sterbebegleitung" für die Ärzte verbindliche Vorschriften enthält und Sanktionen regelt. Mit dieser Berufsordnung, die derzeit ebenfalls überarbeitet wird, befassen sich gesonderte Gremien, in denen nach Informationen der Berliner Morgenpost eine klare Mehrheit an der strikten Ablehnung der Suizidassistenz festhalten will. Wenn nun der BÄK-Vorstand laut "Statement" die Berufsordnungsgremien "bittet", die ohnehin kaum geänderten Sterbebegleitungsgrundsätze in den Vorschlägen zur neuen Musterberufsordnung "zu berücksichtigen", lässt sich erkennen, dass keine Änderungen zu erwarten sind.