Kommentar

Die Klärung der Vorwürfe ist überfällig

Ursula Sarrazin hat geschafft, wofür bislang nur ganz wenige Grundschullehrerinnen für würdig befunden wurden: eine Geschichte im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über ihre Unterrichtsmethoden.

Die unterscheiden sich ganz offenkundig von dem pädagogischen Schmusekurs, der seit Jahrzehnten an allzu vielen Berliner Schulen praktiziert wird.

Erbittert wird an der Reinhold-Otto-Schule in Westend darüber gestritten, ob die Frau des ehemaligen Berliner Finanzsenators, geschassten Bundesbankers und Neu- Millionärs Thilo Sarrazin gegenüber den ihr anvertrauten Kindern einen zu autoritären, hin und wieder gar herabwürdigenden Unterrichtsstil pflegt. Das zumindest beklagt ein Teil der Elternschaft. Andere wiederum loben ihren leistungsorientierten Ansatz ebenso wie ihren Hang, gesittete Umgangsformen und damit ein gewisses Maß an Disziplin zu verlangen. Dass dieser offenkundig schon länger schwelende Streit, den zu schlichten auch die Schulleitung bislang nicht imstande war, ausgerechnet jetzt in die Öffentlichkeit getragen und dort verschärft fortgesetzt wird, ist wohl kein Zufall. Die Kritiker erhoffen sich offenbar mehr Verständnis für ihr Unverständnis über eine Lehrerin, deren Mann die Republik mit politisch unkorrekten Thesen spaltet. Einen Teil seiner Argumente bezüglich schulischer Missstände insbesondere von Migrantenkindern soll er aus den Erzählungen seiner Frau übernommen haben. So wird aus Thilo und Ursula Sarrazin leicht ein medienwirksames Buh-Ehepaar.

Wer selbst Kinder durch die Schule gebracht hat, weiß, wie unterschiedlich die auf Lehrer reagieren. Und wie wichtig andererseits Stil und Umgang der Lehrer für Lernbereitschaft und Persönlichkeitsentwicklung unserer Jüngsten sind. Schule ist kein Spaßbetrieb. Dort soll gelernt werden, wofür nach aller Erfahrung ein gewisser Nachdruck hilfreich sein kann. Wer dagegen Leistungskontrolle verweigert und Disziplinlosigkeit hinnimmt, tut den Kindern nichts Gutes, sondern mindert deren Chancen. Doch natürlich muss im Unterricht auch mal gelacht werden. Und wenn Kinder gar weinend die Schulklasse verlassen, steht es schlecht um die pädagogischen Gepflogenheiten. Eltern und Lehrer stimmen nicht immer bezüglich der schulischen Leistungen der Kinder überein. Eine unterschiedliche Wahrnehmung, die die elterliche Bereitschaft zur Kritik vor allem deshalb weiter hat wachsen lassen, seit die Notengebung wieder wichtiger geworden ist, um auf die gewünschte höhere Schule zu wechseln.

Keine Frage: Frau Sarrazin will offensichtlich keine Kuschelpädagogin sein. Überfällig erscheint jedoch die Klärung, ob es tatsächlich berechtigte Vorwürfe gegen sie gibt oder ein Fall von Mobbing mit aktuell erweitertem Hintergrund vorliegt. Dass der zuständige Senator erst jetzt einen Aufklärer zur Reinhold-Otto-Schule schickt, nachdem der Schulfrieden schon wochenlang zumindest gestört war, ist jedenfalls wieder eine "Glanzleistung" der höchst ineffektiven Berliner Schulverwaltung. So kann einmal mehr bundesweit darüber gelästert werden, was an Berliner Schulen so alles möglich ist.