Eichmann

Die verwischte Spur zum Organisator des Holocaust

Der Eintrag auf der Karteikarte ist nur zwei Sätze lang: "Standartenführer Eichmann befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem falschen Namen Clemens in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien 'Der Weg' bekannt."

Die Karte findet sich in einem Konvolut von verfilmten Dokumenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), die jetzt durch Recherchen der "Bild"-Zeitung bekannt geworden sind.

Der Hinweis wurde wohl 1952 aufgeschrieben - als der BND zwar offiziell noch gar nicht existierte, wohl aber sein Vorgänger, die Organisation Gehlen. Wussten also westdeutsche Behörden schon acht Jahre vor Adolf Eichmanns Festnahme von seinem Versteck? Deckte Reinhard Gehlen bewusst und vorsätzlich einen der Haupttäter des Holocaust?

Doch diese Deutung ist nur auf den ersten Blick einleuchtend. In den 50er-Jahren kursierten Dutzende Spekulationen über Eichmann, dessen Name im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum ersten Mal überhaupt in der Öffentlichkeit genannt worden war. Allerdings war das Interesse an ihm danach rasch gesunken. Nicht einmal der Mossad, der Geheimdienst des neu gegründeten Staates Israel, suchte zu dieser Zeit nach jenem Mann, der den Transport von Millionen Juden in die deutschen Vernichtungslager organisiert und damit den Massenmord erst ermöglicht hatte.

Zu den wenigen Menschen, die sich 1952 für Eichmann interessierten, gehörte der Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal. Rückblickend schrieb er über diese Zeit, in der jederzeit der Kalte in einen heißen Krieg übergehen zu können schien: "Demgegenüber verblasste das Bild eines Adolf Eichmann. Wenn ich versuchte, meine amerikanischen Freunde auf ihn anzusprechen, reagierten sie etwas ermüdet: Wir haben andere Probleme."

Auch als Wiesenthal im Frühjahr 1953 einen Hinweis bekam, dass Eichmann sich in Argentinien aufhalte, stieß er auf Gleichgültigkeit: Das israelische Konsulat in Österreich gab die Information offenbar nicht einmal weiter nach Tel Aviv.

Doch Wiesenthal gab nicht auf, wandte sich an Nahum Goldmann, den einflussreichen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses. Die Reaktion war ernüchternd: Einer von Goldmanns Assistenten teilte mit, der fanatische Antisemit Eichmann werde eher in Syrien vermutet. Das passte viel besser in das damalige Bedrohungsszenario: In Syrien und Ägypten, den beiden großen Nachbarstaaten und unversöhnlichen Feinden Israels, lebten und arbeiteten tatsächlich einige aus Deutschland geflohene Nazis an ihrem Projekt, die Vernichtung des Judentums zu vollenden.

Desillusioniert notierte Wiesenthal: "Die Israelis haben kein Interesse an Eichmann, sie müssen sich im Überlebenskampf gegen die Araber behaupten. Die Amerikaner haben kein Interesse mehr an Eichmann, sie müssen sich im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion behaupten." Es gab also 1952 überhaupt keine Jagd auf Eichmann, die von der Organisation Gehlen hätte behindert werden können.

Ein interessantes Mosaiksteinchen

Übrigens war die Information auf der Karteikarte auch wenig exakt. Erstens war Eichmann nie über den Rang eines SS-Obersturmbannführers hinausgekommen - die höhere Position eines Standartenführers erhielt er nie. Schon dieser Fehler musste skeptisch stimmen gegenüber dem Hinweis. Zweitens lautete Eichmanns Deckname nicht "Clemens", sondern "Klement". Mit der gleich doppelt falschen Schreibweise und ohne Vornamen wäre 1952 selbst bei einer umgehenden Überprüfung wohl kein Treffer erzielt worden.

Nach bisherigem Kenntnisstand besaß der BND die Information über "Clemens" und Argentinien seit 1956 - so übermittelte es der Geheimdienst zwei Jahre später an die CIA. Nun scheint es so zu sein, dass der Hinweis vier Jahre früher auftauchte, als Eichmann übrigens nicht in Buenos Aires lebte, sondern in dem abgelegenen Bergstädtchen Graneros. Eine Sensation ist das nicht, eher schon ein kleines, wenngleich interessantes Mosaiksteinchen.