100 Tage im Amt

Wulff will überparteilich sein - und eckt damit an

Zwölf Wörter zählt der Satz, der Kritik an Bundespräsident Christian Wulff hervorruft. Er lautet: "Aber, meine Damen und Herren, der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." Wulff hatte diesen Satz ausgesprochen während seiner Rede zum 20-jährigen Jubiläum der Vereinigung Deutschlands am Sonntag in Bremen.

Vertreter von Islamverbänden lobten daraufhin die Worte des Staatsoberhauptes.

Einzelne Unionspolitiker indes äußern Bedenken. Der CSU-Landesgruppenvorsitzende Hans-Peter Friedrich nähert sich vorsichtig einer Kritik, wenn er Wulffs Worte zunächst lobt: "Große Reden zeichnen sich dadurch aus, dass sie die richtigen Fragen stellen. Wulff ist das gelungen." Dann aber rüffelt er den Präsidenten: "Leitkultur ist die christlich-jüdische, abendländische Kultur. Dass der Islam Teil unserer Kultur ist, diese Interpretation des Bundespräsidenten teile ich nicht." Friedrich sagte, bei aller Toleranz müsse anerkannt werden, "dass es objektive Grenzen der Integrationsfähigkeit gibt". Als Beispiel nannte er Schulklassen, in denen es keine deutschstämmigen Kinder mehr gebe. Der CSU-Politiker Norbert Geis nannte die Wulff-Rede in der "Bild"-Zeitung missverständlich. "Wenn der Bundespräsident den Islam in Deutschland mit dem Christentum und dem Judentum gleichsetzen wollte, hielte ich das für falsch."

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte der "Bild"-Zeitung: "Zwar ist der Islam inzwischen Teil der Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition."

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hingegen stellt sich hinter den Bundespräsidenten. Das historische und kulturelle Fundament Europas beruhe auf klassisch griechisch-romanischen Einflüssen sowie auf dem christlichen Erbe, aber auch auf dem Islam.

Was aber hatte der Bundespräsident genau gesagt - und was war sein Anliegen jener Rede zum 3. Oktober? Wulff stellte recht unpräzise fest: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte." Es folgte der strittige, oben zitierte Satz. Wulff unterschied also nicht zwischen der kulturellen Prägung und dem unverbindlichen Hinweis, dieses oder jenes "gehöre" zu Deutschland.

Nach seinem unglücklichen Start will sich Wulff als weithin geschätztes Staatsoberhaupt etablieren. Mit seiner Intervention in der Causa Sarrazin vor gut einem Monat hat er sich selbst keinen Gefallen getan. Morgen ist Christian Wulff 100 Tage im Amt. In den kommenden 100 Tagen dürfte er daran arbeiten, sein Image im Lande zu verbessern.