Kommentar

Kippt die Anti-Stimmung gegen Atomkraft?

Wenn die vier großen Stromerzeuger strategisch denken, sollten sie der deutschen Öffentlichkeit jetzt ein Angebot ungefähr folgender Art machen: "Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir wissen, dass Sie alle unter den hohen Energiepreisen leiden. Wenn Sie uns erlauben, unsere Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, sparen wir Investitionen in Ersatzkraftwerke. Wir werden die eingesparte Summe von unabhängigen Experten berechnen lassen und versprechen, 90 Prozent davon an Sie in Form niedrigerer Energiepreise zurückzugeben. Und das schon jetzt, obwohl wir die Einsparungen erst später realisieren können."

Wie würde die deutsche Öffentlichkeit reagieren? Noch vor kurzer Zeit war die überwältigende Mehrheit für den von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 durchgesetzten Atomausstieg. Zwei Kernkraftwerke sind bereits abgeschaltet worden, die restlichen 17 Meiler sollen bis 2021 vom Netz. Schon lange streitet die Wirtschaft für den Ausstieg vom Ausstieg, weil Energie immer knapper und teurer wird. Nun hat der Preisschock auch die Haushalte erreicht - und dürfte dort ein Umdenken über die Atomkraft einleiten.

Darauf setzt jedenfalls die Union, die nach jahrelangem Schweigen nun wieder offensiv auf Kernkraft setzt. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla will sogar ein paar Grüne kennen, die hinter vorgehaltener Hand zugeben, der Atomausstieg sei ein Fehler gewesen. Diese Indiskretion ist natürlich nie zu beweisen, da weder Pofalla die Namen nennen wird noch die Grünen. Und doch reichte sie aus, wütende Reaktionen der Grünen auszulösen. Auch die SPD hat sich sofort reizen lassen. Umweltminister Sigmar Gabriel ließ am Wochenende mehrfach verkünden, der Atomausstieg habe das Land "befriedet" und eine neuerliche Diskussion würde nur neue Gräben aufreißen.

Doch genau das will die Union - und sie hat das sehr wohl kalkuliert. Denn zum einen eignet sich das neuerliche Bekenntnis zur Atomkraft wunderbar dazu, sich vom Koalitionspartner SPD abzugrenzen und so dem Wunsch der Parteimitglieder nach "mehr Profil" nachzukommen. Zum anderen setzt die Union tatsächlich auf einen Stimmungswandel in der Bevölkerung. Schließlich ist kein einziges Land dem deutschen Beispiel eines Atomausstieges gefolgt, in etlichen europäischen Ländern werden neue Kernkraftwerke gebaut. Da die meisten Umfragen zum Atomstrom in Deutschland interessengeleitet sind, ist es momentan sehr schwierig, die tatsächliche Stimmung abzuschätzen. Sollte die öffentliche Meinung gegen Atomkraft kippen, dürften der Auslöser auch kaum die bisher immer beschworenen Klimaschutzargumente sein. Zwar produzieren Atomkraftwerke kein CO2 und schützen so die Umwelt. Weit wichtiger in der Debatte dürfte das Preisargument werden. Wird die Laufzeit verlängert, kann der Strom zu sehr geringen Kosten produziert werden, weil die Meiler dann schon abgeschrieben sind.