Kommentar

Neue Lehrer in Berlin - Zöllners letzte Chance

Eine Grundschule unterrichtet im Schichtbetrieb, weil Lehrer erkrankt sind und Vertretungskräfte fehlen. Eine andere Schule mietet private Aushilfslehrer. Zahlreiche Schulen wehren sich gegen die Einführung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts, weil ihnen ausgebildetes Personal und Räumlichkeiten fehlen. Sprachförderung und Teilungsstunden müssen wegfallen, damit wenigstens der Regelunterricht stattfinden kann.

Für die Hortbetreuung fehlen Hunderte Erzieher. Und nun musste auch die Mathematikprüfung für den mittleren Schulabschluss nachgeschrieben werden, weil einige Aufgaben vorher bekannt geworden waren.

Die Liste der Probleme ließe sich fortführen. Für immer mehr Eltern ist das Maß deshalb jetzt voll. Sie wollen nicht mehr hinnehmen, dass beim Stichwort "Schule" Mängel das Dauerthema sind. Die Landeselternvertreter des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg haben den Bildungsnotstand ausgerufen, heute wollen sie gegen die aktuelle Schulpolitik demonstrieren.

Da lässt aufhorchen, was Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) kurz vor dem SPD-Landesparteitag am Wochenende verkündet hatte: Im Laufe des Jahres werde er rund 800 Lehrerstellen neu besetzen. Das sind fast 400 mehr als bislang geplant. Wie er Finanzsenator Sarrazin von diesem Schritt überzeugt hat, darüber wollte Zöllner nicht sprechen.

Eine Erfolgsmeldung jedenfalls, die der Senator bitter nötig hat, schließlich hat sich die Stimmung ihm gegenüber in den vergangenen Wochen deutlich gedreht. In der jüngsten Meinungsumfrage war ein Drittel der Berliner der Ansicht, die Lage an den Schulen habe sich verschlechtert, seit Zöllner im Herbst 2006 sein Amt angetreten hat. Die Vorschusslorbeeren, mit denen der frühere Bildungsminister aus Rheinland-Pfalz in der Hauptstadt empfangen wurde, sind aufgebraucht. Seinerzeit war sogar die Opposition der Meinung, Zöllner sei eine gute Besetzung für den Posten des Bildungssenators. Alle hofften, der renommierte Experte würde mit sicherer Hand Ruhe an der Berliner Schulfront schaffen. Sein Vorgänger Klaus Böger (SPD) hatte dringend notwendige Reformen zwar angeschoben, deren Umsetzung dann aber nicht im Griff gehabt.

Von der rot-roten Landesregierung im Stich gelassen, agierte auch Zöllner recht glücklos. Zwar hatte man Verbesserungen im Bildungsbereich vollmundig zur Priorität erklärt, zusätzliches Geld aber nicht ausgeben wollen. Im Bemühen, die anstehenden Veränderungen trotzdem umzusetzen, muss Zöllner die viel zu knappe Decke ständig hin und herziehen - mit dem Ergebnis, dass es hinten und vorne nicht reicht. So wird etwa sein Lehrerzumessungsmodell von Schulleitern heftig kritisiert, weil es deutlich größere Klassen sowie weniger Stunden z. B. für Sprachförderung vorsieht. Sie fürchten, dass vor allem Schulen in sozialen Brennpunkten auf diese Weise benachteiligt werden.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings: Das neue Schuljahr könnte weniger chaotisch anlaufen, wenn nun deutlich mehr Lehrerstellen besetzt werden. Zöllners letzte Chance, das Ruder herumzureißen. Seite 14