Harmoniesüchtige Grüne suchen einen neuen Chef

- Während es die SPD zwischen links und rechts zerreißt, scheint es den Grünen zu gelingen, sich den kniffligen Koalitionsfragen im Vorfeld der Bundestagswahl in erstaunlicher Harmonie zu stellen. Sie sind entschlossen, bei dem heikelsten Problem, vor dem eine Partei stehen kann - der Auswahl zwischen zwei selbstbewussten Kandidaten für den Bundesvorsitz -, größeren Streit zu vermeiden.

Als sich am Sonnabend die grünen Realos - heutzutage nennen sie sich Reformer - im überfüllten Saal einer Bank in Berlin Mitte trafen, um die beiden Kandidaten Volker Ratzmannn (48) und Cem Özdemir (42) zu begutachten, da herrschte eine Atmosphäre großer Achtsamkeit und freundschaftlicher Sachlichkeit. "Die beiden Kandidaten sind einander mit großem Respekt begegnet, und die Zuhörer waren sich hinterher einig, dass nun auch die jeweiligen Unterstützergruppen respektvoll miteinander umgehen sollten", sagte der Morgenpost die Koordinatorin des Reformer-Flügels, die Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer. In aller Ruhe will man in den nächsten Monaten Cem Özdemir und Volker Ratzmann auf Vorstellungstour zu den Landesverbänden schicken, ehe auf dem Erfurter Parteitag im November einer von beiden gewählt wird für die Nachfolge Reinhard Bütikofers, dessen Posten neben der anderen - linken - Vorsitzenden Claudia Roth den Reformern zusteht.

Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen dem Rechtsanwalt Ratzmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, und dem türkischstämmigen Özdemir, der einst als Bundesabgeordneter eine furiose Realo-Karriere hinlegte, dann über Verbindungen zum Politikberater Moritz Hunzinger stolperte und derzeit im Europaparlament sitzt. Während Ratzmann im Hausbesetzermilieu anfing und sich erst in der Opposition gegen den rot-roten Berliner Senat mit CDU und FDP anfreundete, ist Özdemir seit Langem ein entschlossener Reformer, der nie Berührungsängste gegenüber Schwarzen und Gelben hatte.

Entsprechend ist Özdemir den Realos und Anhängern schwarz-grüner Koalitionen tendenziell lieber. Allerdings gilt er, man hört es immer wieder, als nicht besonders arbeitsam, was insofern ein Problem ist, als grüne Bundesvorsitzende Kärrnerarbeit leisten müssen, da sie die Streitlust der Basis durch unermüdliches Telefonieren und Papiere-Schreiben im Zaum zu halten haben. Das könnte ab 2009 noch wichtiger werden, da eine grüne Regierungsbeteiligung im Bund wohl nur in kompliziertesten Koalitionen gelingen dürfte, die zu innerparteilichem Hickhack führen.

Insofern spricht aus Sicht der Realos, die ihre schwarz-grünen Neigungen ja mit den Parteilinken abstimmen müssten, auch manches für den trockeneren - manche sagen: bürokratischen - Ratzmann. Sehr nüchtern listete er denn auch auf dem Treffen am Sonnabend einen Katalog künftiger politischer Herausforderungen der Grünen auf. Hingegen erzählte Özdemir launige Geschichten aus seinem politischen Leben und umriss seine inhaltlichen Ziele. Was seine angebliche Faulheit betrifft, so sagte er, dass er wohl heute Automechaniker wäre, wenn er immer auf die Kritik anderer Leute gehört hätte.

Ein klarer Favorit ließ sich nach dem dreistündigen Treffen so wenig erkennen wie ein größerer politischer Gegensatz. Allerdings haben sich dem Vernehmen nach mehrere Redner für Özdemir ausgesprochen, während es für den von Bundestagsfraktionschefin Renate Künast favorisierten Ratzmann nur wenig offene Unterstützung gab. Das allerdings sagt nicht viel: Im November müssen ja nicht nur die Realos, sondern alle grünen Delegierten den Vorsitzenden wählen.

Auch darin könnte ein Grund für den harmonischen Umgang mit beiden Kandidaten liegen: Würden sich die Reformer bereits jetzt auf einen Liebling (wohl Özdemir) festlegen, dann könnten sie damit die Linken dazu reizen, diesen Liebling gerade nicht zu unterstützen. Insofern ist das innerparteiliche Harmoniestreben ein Zeichen für die hohe Anspannung, unter der die Parteiflügel angesichts kommender Entscheidungen zwischen Rot und Schwarz stehen.

Doch die Harmonie hat auch Grenzen: Im Reformerlager will man es nicht ganz einsehen, dass zwischen Ratzmann und Özdemir alles ganz offen und harmonisch ablaufen soll, während die Parteilinken scheinbar so tun, als könnte ihre "eigene" Vorsitzende Claudia Roth im November bei deren Wiederwahl einfach durchgewinkt werden. "Ich finde es irritierend", sagte Brigitte Pothmer der WELT, "dass die beiden Kandidaten Ratzmann und Özdemir bezüglich ihrer Positionen unter Beweisdruck stehen, aber so getan wird, als könne sich Claudia Roth einfach zurücklehnen. Sie sollte in der Gesamtpartei genauso für sich werben, wie dies für Ratzmann und Özdemir gilt." Freilich hat Claudia Roth den Vorteil, dass es für ihren Posten keinen Gegenkandidaten gibt.