Kopf des Tages

Der Mann hinter Wowereit

Im geschäftsführenden Landesvorstand der Berliner SPD ist gestern noch einmal sehr ernst diskutiert worden. Wieder einmal war es Michael Müller , der die aufgebrachten Gemüter vor dem heutigen Landesparteitag zur Ordnung rief. Wer lautstark den Kopf des Finanzsenators Thilo Sarrazin fordere oder auf anderen Streitfeldern dem Vorsitzenden allzu derbe Tritte versetze, möge doch bitte die Folgen bedenken. Erfolg könne eine Partei nur haben, wenn sie geschlossen auftritt, lautet Müllers Kernbotschaft. In der SPD bundesweit ist Geschlossenheit zwar eine eher seltene Tugend, in Berlin standen die Reihen zuletzt aber einigermaßen geschlossen. Das ist nicht zuletzt das Verdienst des 43 Jahre alten Druckers, der den Berliner Landesverband seit Juni 2004 ziemlich lautlos anführt. Der Brillenträger mit dem jungenhaften Äußeren hielt dem glamourösen Frontmann Klaus Wowereit bisher den Rücken frei. Nicht nur in der Partei, sondern auch als Chef der Abgeordnetenhaus-Fraktion. Heute wird Müller erneut an die Spitze der 15 862 Berliner Genossen gewählt werden. Die Frage ist, wie geschlossen die Zustimmung für den Tempelhofer ausfällt.

Denn Müller muss die latente Unzufriedenheit vieler Sozialdemokraten mit dem Senatskurs ebenso aufnehmen wie er die Spitzenleute am Kabinettstisch unterstützen muss. In dieser Rolle muss Müller immer mal wieder mit Vorschlägen in die Offensive gehen, die schließlich versanden oder scheitern. Seine eigene Partei will er davon abhalten, die Bezirksämter zu Spielfeldern politischer Koalitionsbildung zu machen. In dieser Frage droht Müller heute eine Niederlage.

Aber das dürfte den Weg Michael Müllers kaum aufhalten. Nicht wenigen gilt der sachliche Familienvater als Nachfolger von Klaus Wowereit, sollte der Regierende Bürgermeister irgendwann die Lust verlieren oder auf die Bundesebene wechseln. Alle Chancen darauf hat er sich bewahrt: Er widerstand der Versuchung, in den Senat zu wechseln, blieb lieber Generalist mit Freiräumen. Inzwischen hat Müller, der als Notlösung antrat, auch in der Bundespartei an Statur gewonnen. Man schätzt seine unideologische Art. Das hat er von zu Hause. Dort muss er auch mit Sachargumenten überzeugen - seine Großmutter ist CDU-Mitglied und diskutiert sehr gerne. Joachim Fahrun S. 12