Note "Sechs" für die Bildungsverwaltung

Das ist der GAU für eine Bildungsbürokratie. Fast alles hätte aus dem Hause des Senators Jürgen Zöllners nach draußen dringen dürfen: Die lang erwarteten Vorgaben für die Lehrerverteilung im neuen Schuljahr, Ideen für entschlackte Lehrpläne, auch Konzepte für den x-ten Modellversuch. Aber nicht die Aufgaben der zentralen Mathematik-Klausur für den mittleren Schulabschluss (MSA).

Der Vorgang rührt an den Grundfesten des Systems: Die Leistungen von Schulen und Schülern mittels der überall gleichen Aufgaben zu vergleichen und so Qualitätsstandards zu setzen gehört zu den Kernpunkten zeitgenössischer Bildungspolitik. Der Umgang mit den Mathe-Tests führt jedoch deutlich vor Augen, dass die Berliner Schulverwaltung den Qualitätsstandards einer modernen Bildungsbürokratie nicht genügt. Wenn es möglich ist, dass solche Geheimnisse großflächig verteilt werden, wer soll dann noch Vertrauen in die Zuverlässigkeit zentraler Prüfungen haben, die immerhin über die Zukunft junger Menschen mitentscheiden?

Noch ist völlig unklar, wie es zu der Panne kommen konnte. Dem ohnehin geplagten Senator war gestern die Verzweiflung wegen der neuen Mega-Baustelle in seinem Ressort deutlich anzumerken. Haben Beamte die Aufgaben herausgegeben, um einen ungeliebten Chef zu desavouieren, der gerade die Struktur des Hauses umgekrempelt hat? Oder ist es für Außenstehende möglich, solche sensiblen Daten aus der Behörde zu ziehen? Oder hat ein wegen der vielfältigen Testerei frustrierter Lehrer die Prüfung sabotiert, um gegen das um sich greifende Pauken auf eine Klausur hin zu protestieren? Wir sind gespannt, wann und ob Zöllner die Antwort präsentiert. Dass er dabei die Staatsanwaltschaft einschaltet, beweist den Ernst der Lage. Die Aufgaben seien offenbar "sehr, sehr vielen Schülern" bekannt gewesen, musste der Senator gestern einräumen.

Dennoch sind es wieder einmal Schüler und ihre Eltern, die eine bittere Suppe auslöffeln müssen, die ihnen eine unsägliche Bildungsverwaltung eingebrockt hat. 28 000 Zehntklässler sollen den Test wiederholen, die vielen ehrlichen ebenso wie jene, die sich die Lösungen auf dem Spickzettel notiert hatten. Ausgerechnet Mathe. Jenes Fach, das sowieso vielen Schülern den Schweiß auf die Stirn treibt. Eltern werden vor Gericht ziehen, wenn ihre Kinder bei der zweiten Variante durchfallen, aber die erste Prüfung bestanden hätten.

Am Tag nach der Behördenpanne war in der Berliner Politik viel von Familienfreundlichkeit die Rede. In der Realität aber wälzt der Staat sein eigenes Versagen auf diese Gruppe ab.

Zöllners Entscheidung, den Mathe-Test zu wiederholen, löst in Tausenden Berliner Familien immensen Stress aus. Sie stürzt Jugendliche in Verzweiflung, die dachten, sie hätten die schwierigste Hürde vor der mittleren Reife überstanden. Gerechtigkeit und Fairness, mit der Zöllner seinen Schritt begründet, sehen anders aus.