Der Lebenskünstler aus dem Einstein

Unser Chef-Korrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit Gerald Uhlig Er liebt das Leben.

Unser Chef-Korrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit Gerald Uhlig

Er liebt das Leben. Und genießt es in vollen Zügen. Weil er sich der Endlichkeit bewusst ist, weil er dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Als ich Gerald Uhlig in seinem Café Einstein Unter den Linden zum Spaziergang abhole, macht er einen quicklebendigen Eindruck. Dennoch ist meine Frage nach seinem Wohlbefinden keine Floskel. Ein fröhliches Lächeln ist seine mimische Antwort, die verbale von hintersinnigem Humor: "Das argentinische Nierchen meiner Frau tanzt, es arbeitet..."

Dieser Sprung mitten hinein in das Lebensschicksal des Schauspielers, Theaterregisseurs, Fotografen, Radiomoderators, Poeten, Zeichners und nun auch noch Kaffeehausbesitzers bedarf der Erklärung. Ein ererbter, sehr seltener Gen-Defekt (Morbus Fabry) drohte beide Nieren zu zerstören. Da wurde seine aus Argentinien stammende Frau Mara zur Lebensretterin. Sie spendete ihrem Mann eine ihrer Nieren, glückliche Operation im März dieses Jahres. "Ein Weib hat mir das Leben geschenkt, leider mit einem schweren Defekt, und meine Frau hat das Größte geschenkt, was man schenken kann, denn dieser teuflische Morbus Fabry tötet die Menschen im Alter zwischen 40 und gut 50 Jahren. Auch meine Mutter ist ihm zum Opfer gefallen..." Gerald Uhlig wurde im September 53.

Keine Ahnung von Gastronomie

Mit dem Einstein hat er sich einen Lebenstraum erfüllt, den er seit seiner Wiener Zeit als Schauspielschüler am Max Reinhardt Seminar hegte. Was macht den besonderen Reiz seines Cafés aus? Natürlich die Lage an Berlins geschichtsträchtigem Boulevard mit seinen Touristenströmen, den benachbarten Botschaften, Abgeordnetenbüros der Parlamentarier und Journalisten aus den Hauptstadt-Studios der wichtigsten deutschen TV-Sender. So trifft man sich, verabredet sich im Einstein. Und was noch? "Das Einstein hat Patina, eine niveauvolle Einrichtung. Hier kann man ohne schlechtes Gewissen jeden Gast gut einladen. Unser Geschäftsführer Dieter Wollstein sorgt für beste gastronomische Qualität wie für perfekten Service. Ich kann zwar einiges, aber von Gastronomie versteh ich wenig. Ich kümmere mich mehr um Ausstellungen. Denn das Einstein ist ja eine Kombination zwischen Café und Galerie. Ich nenne es ein begehbares Kunstwerk..."

Dieses besondere Flair also lockt Angela Merkel, Gerhard Schröder oder Otto Schily, Bill Clinton, Shimon Peres oder Fidel Castro junior ebenso an wie Otto-Normal-Kaffeehausbesucher. "Sie können keine Werbung für ein Kaffeehaus machen. Sie können nur gut sein. Das spricht sich herum. Dann bringt einer den anderen mit..."

Am Dienstag quillt das Einstein wieder vor Prominenz über. In der durch eine Glaswand vom hinteren Teil des Cafés abgetrennten Galerie, eine umfunktionierte Durchgangshalle eines Bürogebäudes, die übrigens von den Linden für jedermann kostenfrei zugänglich ist, eröffnet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Ausstellung "Westernhagen - wenn das Licht auf Dich fällt". Fotografien von Peter Badge, der den Rocksänger während dessen jüngsten Tournee mit der Kamera begleitete. Und im Café präsentiert der Chef eigene Fotos unter dem eindeutigen Titel "Menschen im Kaffeehaus - von Castro jr. bis Clinton".

Sympathie für die kleinen Spinner

Eigentlich hatte das Einstein schon im März zehnten Geburtstag. Doch da lag das Ehepaar Uhlig auf dem Operationstisch. Jetzt wird mit beiden Ausstellungen nachgefeiert. "Das ist doch auch wieder irre. Genau zehn Jahre, nachdem ich das Café gegründet habe, hat mir meine Frau mein zweites Leben geschenkt. Und kennen gelernt hab ich sie hier im Einstein. Mein Café hat mir quasi meinen lebensrettenden Engel geschenkt." Wenn das kein Grund zum Feiern ist...

Gerald Uhlig kann wunderbar erzählen. Von Bill Clinton, der mit seinen Bodyguards im Einstein Karten spielte, von Castros Sohn Fidel, der sich auf Kosten des Hausherrn durchfutterte und dicke Zigarren rauchte, von Angela Merkel, die, als sie noch keine Kanzlerin war, hier mit engsten Mitarbeitern Büroarbeiten erledigte, von Schröder und Schily, die von vergangenen gemeinsamen Regierungszeiten schwärmten. Auch von ganz normalen Touristen aus der Provinz, die staunen, dass sie für einen Kaffee im Einstein zu Hause bei Tchibo fast eine ganze Kanne trinken können. Und welche Gäste seien ihm die liebsten, frage ich, während wir mittlerweile auf dem ockerfarbenen Kies des Mittelstreifens Unter den Linden flanieren. "Ach wissen Sie, ich mag sie alle gern. Aber am liebsten sind mir die Dichter, auch wenn die Poeten gar nichts in die Kasse bringen. Sartre saß ja auch acht Stunden in seinem Stammcafé Les deux Magots vor einem Glas Wasser. Die kleinen Spinner - Sartre war natürlich keiner -, die sind mir am liebsten."

Weil er selbst einen Hang dazu hat? "Ich glaube, dass jemand, der eine Biografie hat wie ich und aus so vielen Berufen kommt, schon eine gewisse Portion Irrsinn in sich haben muss..." Schallendes Gelächter über so viel Selbsterkenntnis.

In seinen frühen Jahren war Gerald Uhlig vor allem als Regisseur so etwas wie ein Garant für Furore. In Hamburg holte er die Edelhure Domenica für eine Performance in die altehrwürdige Kunsthalle, in Berlin sorgte er Anfang der 90er-Jahre für Schlagzeilen, als er auf dem Altar der Matthäi-Kirche am Kulturforum eine nackte Frau mit Gasmaske knien ließ (seine Interpretation von Christus als Dame), in die Neue Nationalgalerie schleppte er für ein Event einen verwesenden Haifisch und für eine Oper über Picasso, die er 1993 inszenierte, ließ er einen leibhaftigen Stier auf die Bühne stampfen. Über diese künstlerischen Eskapaden kann er sich noch heute köstlich amüsieren. "Ich hab schon, gelinde gesprochen, viele überraschende Kunstwerke hier in Berlin gemacht..."

Seine klare, akzentuierte Sprache, dazu seine Lebhaftigkeit, verstärkt durch Mienenspiel und Gestenreichtum, erinnern an den Schauspieler, der Gerald Uhlig ja auch einmal war. Vermisst er das Spiel vor der Kamera? "Ich hab eigentlich gar nicht aufgehört damit. Neulich hab ich wieder was Blödes gemacht und werde deshalb jeden Tag von mir völlig unbekannten Menschen angesprochen. Ich hab in der Serie ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten' eine Gastrolle übernommen. Ich mach hier und dort immer noch mal ein paar Drehtage, um mein Gehirn zu trainieren. Ich hatte schon immer Schwierigkeiten, Texte zu lernen. Wenn ich jetzt diese Herausforderung noch meistern und mir den Text merken kann, dann ist das da oben noch ganz gut in Ordnung. Auch zu Hause nehme ich mir morgens oder abends ein schönes Gedicht und versuche, es auswendig zu lernen." Unter den Linden spaziert er heute mit mir inkognito.

Er liebt den Boulevard. Nicht nur weil er an einer seiner prominentesten Ecken sein Café hat. "Er hat wirklich etwas Großstädtisches. Aber mir fehlt ein bisschen die Kleinteiligkeit. Ich wünschte mir ein paar kleine Läden, Antiquariate zum Beispiel, in denen man stöbern kann, ein paar Boutiquen zwischen Brandenburger Tor und Schlossplatz, um nicht nur zu bummeln, sondern auch zu schauen..." Und Berlin insgesamt? "Die Stadt ist verwundet, verwirrt, irre - aber unheimlich spannend, deshalb toll. Ihr fehlt Flair, vieles ist etwas schlampert, prollig. Aber ich klage ja gar nicht. Ich fühl mich hier wohl, möchte in keiner anderen Stadt mehr leben. Was hier seit der Wende passiert ist, kommt einem der acht Weltwunder gleich."

Intendant der Freien Volksbühne

Was hat ihn sesshaft gemacht in der Hauptstadt? "Ich bekam 1990 ein Engagement als Regisseur, Co-Intendant und Autor an der damaligen Freien Volksbühne an der Schaperstraße. Meine engeren Kontakte zur Stadt begannen im Café Einstein in der Kurfürstenstraße, das es ja schon seit 1978 gibt. Die damalige Besitzerin Uschi Bachauer, eine Österreicherin, hatte die Idee, Kaffeehaus und Kunst miteinander zu verbinden. Damit haben wir dann in der Kurfürstenstraße zusammen mit einem weiteren Partner angefangen. Ein befreundeter Architekt erzählte eines Tages, er habe da ein Objekt Unter den Linden und ob wir da nicht ein zweites Einstein aufmachen wollten. Super Idee - Einstein West und Einstein Ost. Leider starb dann bald Uschi Bachauer, der andere Partner hatte sich mit einer Einstein Coffee-Shop-Kette übernommen und ging in Konkurs. So bin ich zum alleinigen Inhaber geworden..." Alle Einsteins sind mittlerweile eigenständige GmbH. Über das Namensrecht wird seit Jahren friedlich gestritten. Es herrsche, sagt Gerald Uhlig, eine komplizierte stillschweigende Uneinigkeit.

Wie aus dem Nichts hat ihn die Kunst wieder gepackt. "Lasst uns doch mal schnell hier in die Deutsche Bank ins Guggenheim Museum schauen, diese wunderbare Installation ,Head on' des New Yorker Chinese Cai Guo-Qiang mit den Wölfen, die sich wie Lemminge in den Tod stürzen..." Ich bin ihm noch heute dankbar für diesen Vorschlag, denn so habe ich es kurz vor Schließung doch noch geschafft, mir einen persönlichen Eindruck von diesem Kunstwerk zu verschaffen, das vor blindem Herdentrieb mahnt.

Versprechen an Geraldine Chaplin

Wieder draußen frage ich den Sohn eines erst sächsischen, dann württembergischen Unternehmers, ob es stimme, dass sein Vater der Erfinder der nahtlosen Strumpfhose sei? "Ja, der Papa war auch ein bisschen so ein Irrer. Er hat mich mit dem Satz erzogen: ,Die Erde dreht sich um die Achse, und an der Kurbel sitzt ein Sachse...' Ein sehr selbstbewusster Mann, der nach dem Krieg als Strumpffabrikant in der Nähe von Heidelberg wieder angefangen und beim Rumexperimentieren die Nahtlosen erfunden hat. Aber er war mehr Erfinder als großer Verkäufer. Nach dem Tod meiner Mutter hat er sich von dem Unternehmen getrennt. Er ist mittlerweile 93 Jahre alt, noch voll da, und wenn er mich hin und wieder in Berlin besucht, höre ich von ihm immer den Satz: ,Junge, du schaust ja noch immer aus wie eine gut genährte Röntgenaufnahme. Iss doch mal ein Stück Kuchen mehr.' Darf ich aber aus Gesundheitsgründen leider nicht." Er wiegt mal gerade 60 Kilogramm.

Apropos Gesundheit. Wie lange darf man auch in Kaffeehäusern noch rauchen? "Der Duft von frisch gemahlenem Kaffe und ein bisschen Nikotin gehören eigentlich dazu. Aber wenn ich andererseits an meine lieben Mitarbeiter denke, die acht Stunden ihren tollen Service machen, dann meine ich, dass ein Rauchverbot schon eine tolle Sache wäre..." Wird es kommen? "Ich denke ja. Und ehrlich, es geht einem viel besser ohne Nikotin. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war mal ein starker Raucher."

Wir sind wieder zurück im Einstein, nehmen in frischer Luft zum Abschied in der "Chefecke" an der völlig beruhigten Neustädtischen Straße vor der verbarrikadierten US-Botschaft noch schnell einen schwarzen Trunk; er Latte Macchiato, ich meinen doppelten Espresso. Und dann erzählt der Vater einer sechsjährigen Tochter noch von einem letzten Traum - dass Geraldine einmal das Einstein übernehmen möge. Ihr Vorname habe übrigens nichts dem seinen zu tun, sondern mit dem von Geraldine Chaplin. "Sie ist meine Lieblingsschauspielerin. Als ich sie vor vielen Jahren in Buenos Aires kennen gelernt habe, sagte ich ihr, wenn ich einmal eine Tochter haben sollte, werde ich sie Geraldine nennen."

Der Mann kennt nicht nur Gott und die Welt, er hat für seine kleine Geraldine im Einstein auch einen speziellen Kinderkaffee kreiert: geschlagene Milch mit einem Tropfen schwarzer Färbung. Ob die Verlockung zwecks Erbinteresses damit reichlich geweckt wird? Gerald Uhlig lacht. "Was weiß ich, wofür sie sich später mal entscheidet, man kann nichts erzwingen. Da ist sie frei wie ich es war. Aber eines weiß ich: Einen solchen Ort wie diesen wird man Unter den Linden niemals wieder haben können..."