Ein Multitalent als Hoffnungsträger

Unser Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit Alexander Olek Ich bin doch nicht Geschichte.

Unser Chefkorrespondent Jochim Stoltenberg im Gespräch mit Alexander Olek

Ich bin doch nicht Geschichte. Ich lebe noch...." Schon ein komisches Gefühl, als 36jähriger lebensgroß in einem Museum zu stehen, dazu in einem ganz besonderen; im Deutschen Historischen Museum im Zeughaus Unter den Linden. Alexander Olek, Wissenschaftler, Vorstandsvorsitzender des Berliner Biotec Unternehmens Epigenomics und jüngst auch Gründer einer Betreibergesellschaft für Privatschulen, steht da natürlich nicht zufällig mit 99 anderen. Eine Jury unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten hat ihn im Auftrag der Initiative "Land der Ideen" zu einem der hundert Köpfe von morgen, also von Deutschlands Zukunft, gekürt. Kontrapunkt zur neuen Dauerausstellung "Zeugnisse deutscher Geschichte".

Mit Alexander Olek habe ich mich zum Spaziergang im Volkspark Friedrichshain, Treffpunkt Restaurant " Brot und Rosen" verabredet.

Leger gekleidet für die Fußball-WM

Er kommt ganz leger daher, der Mittagshitze angemessen: kurzärmeliges weißes Hemd, dunkelblaue Bermuda-Shorts, barfüßig in Sandalen. Als er des Fotografen Martin Lengemann ansichtig wird, erschrickt er kurz: "Fotos in diesem Aufzug? Aber nur von der Hüfte aufwärts. Wir wollen doch spazierengehen. Und ich bin noch im Fußballfieber..." Morgens früh um sechs ist er aus Dortmund zurückgekommen, hat das Spiel Deutschland gegen Polen gesehen. Und am Abend ab ins Olympiastadion, wo er den Sieg der Schweden gegen Paraguay bejubeln wird. Ein Fußballfreak auch noch? "Na ja, so eine Weltmeisterschaft im eigenen Land gibt es nicht alle Jahre. Ich habe Karten für insgesamt sieben Spiele. Auch für das Viertelfinale im Olympiastadion, hoffentlich mit Deutschland. Und für das Endspiel eine Option..." Wie ansteckend ist das WM-Fieber? "Die Stimmung in den Stadien ist schon toll. Selbst meine Frau, die sich eigentlich nicht für Fußball interessiert, ist begeistert. Es ist fast erschreckend, wie eine ausgeglichene, völlig in sich ruhende Persönlichkeit wie sie plötzlich mitgerissen wird..."

Und was schätzt er am Volkspark Friedrichshain? "Wir wohnen noch gleich hier um die Ecke. In den Park gehe ich mit den Kindern zum Spielen, eine wunderbare grüne Oase." Nachdem auch das geklärt ist, wir uns erst einmal, umgeben von duftenden Rosen, für den Schatten unter einer Markise des Restaurants entschieden und Salate bestellt haben, wenden wir uns von den freizeitlichen Aktivitäten zu den wissenschaftlichen wie unternehmerischen.

Epigenomics, 1998 von Alexander Olek in Berlin gegründet, hat sich als Biotechnologie Start-up Unternehmen durchgesetzt, ist vor zwei Jahren an die Börsen gegangen und steht davor, die Krebs- Früherkennung zu revolutionieren. Grundstein dafür ist die von dem Sohn eines Bonner Molekularbiologen entwickelte DNA-Methylierungstechnologie. Mit ihr werden, um es ganz kurz zu erklären, krankmachende Gene diagnostiziert. Eine Blut- oder Urinprobe genügt. "Wir sind sehr weit und werden im nächsten Jahr mit dem ersten Produkt zur Erkennung von Darmkrebs an den Markt gehen. Aber ich habe mit meiner Firma in Deutschland ein echtes Standortproblem. Das kann und will ich nicht verschweigen." Und das ist? "Ein Kapitalmarktproblem. Es betrifft den Standort Deutschland generell. Wenn ich in Amerika plausibel erklären kann, ich habe eine gute Technologie, die sich, wenn ich genug Geld zum Investieren habe, weltweit durchsetzen wird, bekomme ich an der Börse das dafür nötige Kapital. Die Amerikaner sind bereit - natürlich nach gründlicher Analyse - in die Entwicklung eines Produkts zu investieren; nach dem Prinzip Self Fulfilling Prophecy. In Deutschland funktioniert es anders herum: Ich bekomme das Geld erst, wenn ich den Weltmarkt schon aufgerollt oder zumindest bewiesen habe, daß das, wofür ich das Geld brauche, auch tatsächlich funktioniert. Gegenüber unseren amerikanischen Konkurrenten, auch wenn deren Produkte längst nicht so gut sind, sind wir da klar im Nachteil..."

Der Börsengang von Epigenomics - der aus mehreren Fachworten zusammengesetzte Name steht für Regulierung der Gene und ist inzwischen zu einem Wissenschaftsbegriff geworden - hat denn auch nicht den erhofften zusätzlichen Kapitalschub erbracht.

Milliarden-Umsatz angepeilt

Gut 40 Millionen Wagniskapital sammelte Olek vor zwei Jahren ein. Doch die Kursentwicklung läßt zu wünschen übrig: Gestartet mit neun Euro pro Aktie liegt der Wert jetzt unter fünf. Dazu kommt ein Verlust von acht Millionen Euro im vergangenen Jahr, in diesem werden es etwa 12 bis 14 Millionen. "Wir machen Verluste, weil wir jetzt dabei sind, die eigenen Produkte zu entwickeln und marktreif zu machen. Allein mit unserer Darmkrebs- Früherkennung, deren klinischen Tests erfolgreich abgeschlossen sind, können wir weltweit einen Umsatz von einer Milliarde Euro erzielen. Dann wären wir schlagartig eines der besten Biotech-Unternehmen der Welt. Aber für das notwendige Marketing brauchen wir Kapital. Leider hat dieses Setzen auf die innovativen Produkte auch der Biotechnologie in Deutschland zu wenig Chancen; auf dem Kapitalmarkt und auch bei den meisten Wirtschaftsjournalisten. Die haben nur die Umsätze und Verluste im Blick. Das ist in Amerika ganz anders. Ich beneide die Amerikaner, daß sie nicht nur auf die Risiken schauen, auch auf die Chancen..."

Alexander Olek redet von sich, seiner Forschung und seinem Unternehmen, das in der Kleinen Präsidentenstraße am Hackeschen Markt 110 Mitarbeiter beschäftigt, so überzeugend, daß sein Optimismus wie seine Enttäuschung gleichermaßen ansteckend auf mich wirken. Ist der junge Mann, der schon als Schüler im Labor des Vaters Chemikalien mixte und mit 19 Jahren während einiger Auslandssemester in Argentinien sein erstes Unternehmen, ein molekulardiagnostisches Labor mitbegründete, etwa schon frustriert? "Ja, ich bin super frustriert. Ich hätte ja auch an die amerikanische Börse gehen können, sage mir aber immer wieder, das muß doch auch hier in Deutschland funktionieren. Wenn wir hier Innovationen endlich in Produkte umsetzen können, wären wir Deutschen wieder gut. Anderenfalls kauft uns die amerikanische Konkurrenz - selbst mit weniger erfolgversprechenden Produkten - eines Tages aus der Portokasse. Dann ist unsere Forschung und Technologie weg aus Deutschland, die Arbeitsplätze auch."

Tochterfirma in den USA

Sicherheitshalber hat Epigenomics in den USA (Seattle) schon eine Tochter mit 35 Beschäftigten. Die Regierung in Berlin, ist sie einmal mehr an allem schuld? Ihr allein sei schwerlich ein Vorwurf zu machen, meint das hochintelligente Energiebündel, das zum Wohl der Menschheit forscht und sich dennoch mißverstanden fühlt. "Anders als in Amerika gibt es hierzulande eine Risikoaversion - nicht nur bei den Politikern, auch bei den Investoren. Und die meisten Bürger denken genauso. Insofern paßt alles zusammen. Erinnern Sie sich nur an das Ergebnis der Bundestagswahl..."

Diese ebenso lange wie aufschlußreiche Lehrstunde in Sachen Innovationsstandort Deutschland endet mit einer überraschenden Bitte: "Stellen Sie mich nicht allzu nölig da. Wenn ich die Probleme unserer Branche nicht offen anspreche, wird sich nie etwas ändern. Denn hier will ich mich durchsetzen. Ich verspüre eine große Loyalität gegenüber Deutschland. Hier bin ich verwurzelt, hier möchte ich meine Kinder erziehen...."

Ein paar Schritte über die Straße am Friedrichshain und schon sind wir in der grünen Lunge des Ostens. Und der Optimismus holt den Vater von drei Kindern wieder ein: " Ich habe gerade mit Freunden eine Schule in der Ackerstraße in Mitte gegründet. Im September starten wir mit etwa 100 Kindern, die zweisprachig deutsch und englisch bis zum Abitur geführt werden. Ein richtiges Geschäftskonzept: eine Schule für den Mittelstand, einkommensabhängige Finanzierung, ganztags, flexibler Schulbeginn zwischen sieben und neun Uhr und damit ausgerichtet an den Bedürfnissen berufstätiger Eltern. Wir haben uns in der Welt umgeschaut, wie die Schulsysteme funktionieren und uns das jeweils beste herausgesucht. Die Schüler wählen wir nach Talenten, nicht nach den Konten der Eltern aus. Das ist bislang einmalig in Deutschland." Keine Probleme mit den Behörden? "Nein. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Behörden in Berlin relativ kooperativ sind, wenn man sie gut behandelt."

Auch in der Familie Olek sind Vater und Mutter berufstätig, Pendler dazu. Frau Olek hat die Firma ihres Schwiegervaters in Bonn übernommen, natürlich auch ein Biotech-Unternehmen. Es vermarktet über eine eigene Datenbank genetische Stammbäume von Pferden. Er ist mindestens eine Woche im Monat in Amerika, um die Einführung seines Krebs-Testverfahrens auf dem riesigen US-Markt vorzubereiten und Kapital einzuwerben.

Etwa 50 Patente hat das Mitglied der Partei Bündnis 90/ Die Grünen ("Ich identifiziere mich mit deren Ziel, unseren Planeten zu erhalten, muß sie aber noch davon überzeugen, daß der eigentliche Weg zur Nachhaltigkeit über die Technologie führt.") angemeldet. Das originellste und schon sehr einträgliche: Kuh-Ohrmarken. Eine Art genetischer Fingerabdruck für Rindviecher. Dafür wird ihnen eine Gewebeprobe aus dem Ohr geschossen und in einer Datenbank gespeichert. Eine perfekte Kontrolle bis hin zur Schlachtertheke.

Energiegeladenes Multitalent

Während wir im Schatten der mächtigen Linden, Kastanien und Ahorne entspannt über die Wege und Rasenflächen des Parks spazieren, dessen Errichtung zum 100 jährigen Thronjubiläum Friedrich des Großen 1840 von der Berliner Stadtverordnetenversammlung als Gegenstück zum westlichen Tiergarten beschlossen wurde, bewegt mich zunehmend eine Frage. Wie bringt der Mann das alles auf die Reihe? Forscher, Unternehmer, Schulgründer, Dozent, der er mit seinen wirtschaftwissenschaftlichen Vorlesungen an der Humboldt Universität auch noch ist, Pendler zwischen Deutschland und Amerika, Vater, der hier mit seinen Kindern herumtollt, Zuschauer in sieben WM-Stadien? Hat das offenbar perfekte berufliche wie private Management etwa auch was mit den Genen zu tun? Alexander Olek bricht in herzhaftes Lachen aus. "Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht; aber vielleicht. Meinen Vater hat so schnell auch nichts aus der Ruhe gebracht. Um körperlich fit zu bleiben, schwimme ich viel, noch da drüben im SSE an der Landsberger Allee, ins Büro fahre ich mit dem Fahrrad, was nach dem Umzug nach Lichterfelde in den nächsten Tagen leider nicht mehr möglich sein wird. Wenn ich in Amerika bin, geh ich morgens um fünf ins Fitness-Studio. Aber ebenso wichtig sind gute Mitarbeiter und die Fähigkeit zu Delegieren. Und man muß sich auch mal fallen lassen können. Das wiederum hat mit innerer Ruhe zu tun..."

Ein deutscher Hoffnungsträger, der mit den Problemen des Landes zu kämpfen hat, den Frustanfälle nicht in Resignation oder zur Auswanderung treiben, der sich die Lust am Leben und an der Familie erhält, der jugendliche Frische und Unbekümmertheit ausstrahlt. Und der am Ende unseres Spaziergangs auch die Furcht vor dem Fotografen verloren hat. Für den hüpft er bereitwillig in das Bassin am Märchenbrunnen. Das sorgt angesichts der Hitze des Tages nicht für Abkühlung, auch für ein ausgefallenes Foto: originell und eindrucksvoll wie Alexander Olek wirklich ist. Es hat schon seine Berechtigung, daß er als Mutmacher im Museum steht...

Zur Person

Alexander Olek: Geboren am 10. August 1969 in Bonn. Nach dem Abitur studiert er ein paar Semester Mathematik in Buenos Aires (1990/191) und gründet ein molekulardiagnostisches Unternehmen. Bis 1992 studiert er Chemie in Bonn, nach drei Jahren macht er 1995 an der Universität London seinen ersten akademischen Abschluß als Bachelor in Biochemie. 1996 kommt er nach Berlin ans Max-Planck-Institut für Molekulargenetik der Freien Universität ("Die haben als erste auf meine Bewerbung geantwortet."). Er bleibt in der Stadt ("Berlin war ohnehin meine Lieblingsstadt in Deutschland.") und gründet 1998 das Biotech-Unternehmen Epigenomics, das er 2004 an die Börse bringt. Auszeichnungen: u.a. Ehrung als einer der weltbesten jungen Innovatoren durch das Fachblatt "Technology Review". Familie: verheiratet, drei Kinder im Alter von fünf, zwei und einem halben Jahr.