"Mein Kopf gehört mir"

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Andrea Seibel

Berlin - Es war an einem kalten Tag im Februar dieses Jahres, als Emel Algan endgültig ihren Kopfschmuck ablegte. Die Berliner Hutmacherin Susanne Gäbel hatte ihr schon im August 2003 drei Variationen entwickelt, weil sie sich schon länger mit dem klassischen Kopftuch nicht mehr wohlgefühlt hatte. Sie fand das Kopftuch "langweilig". Aber jetzt plötzlich drückten auch diese Hüte. Erst schnitt sie den unteren Teil ab, doch das Gefühl blieb unangenehm. Also nahm sie den ganzen Kopfschmuck ab. Und weil es kalt war, zog sie ein Stirnband an zum Schutz der Ohren. Das war der Tag, an dem Emel Algan endgültig die unsichtbare Linie überschritt und sich von ihrem früheren Leben entfernte. Seither genießt sie die Unauffälligkeit des nichtbedeckten Kopfes. Das Zeichen ist weg. Sie ist Moslemin, ohne daß dies jeder sofort weiß. "Ohne Kopftuch bin ich eine von vielen." Das sagt sich leicht. Denn das Kopftuch ist untrüglicher Ausweis der moslemischen Religionszugehörigkeit, der weiblichen Unterdrückung, aber auch eines diffusen moslemischen Selbstbewußtseins.

Für die Tochter des Gründers von Milli Görüs in Deutschland und jahrelange ehrenamtliche Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins Cemiyet-i Nisa e.V. wird dies ein Schritt mit ungeahnten Konsequenzen. Nichts ist mehr, wie es war. Die 44jährige, die sich als Erbin des geliebten Vaters empfand, wird allmählich als Fremde begriffen. Der Freundeskreis wird kleiner, gewaltig kleiner, sagt sie. Man wendet sich von ihr ab, niemand redet. Sie überfordert die meisten, denn der Vatername Abidin sollte lebenslanges Programm sein. Sie, die durch ihre islamische Vereinsarbeit ein Jahrzehnt lang Vorbild und Autorität war, wirkt plötzlich wie eine Gefahr, wie ein negatives Vorbild, vor dem man besonders die Mädchen schützen muß.

Der Unmut beginnt in der Familie. Die Mutter, die nach dem Tod des Patriarchen 1986 zur jungen Familie nach Berlin gekommen war, wird zu einem Stein des Anstoßes. Wie viele Frauen gibt sie den am eigenen Leib erfahrenen Druck an die Tochter weiter, kontrolliert das junge Paar, das ein Kind nach dem anderen bekommt (die Älteste ist 24, der Jüngste fünf Jahre alt) und sich in die Vereinsarbeit stürzt. Algan war nie ein unterwürfiger Mensch. Aber sie fühlt sich unfrei. Auch ihr Mann, glaubt sie, konnte sich nicht mit ihr gemeinsam weiterentwickeln.

Heute ist diese Kluft nicht mehr zu überbrücken. Sie lebt mit ihm, dem sie schon mit 16 versprochen wurde und dann mit 19 heiratete, seit einem halben Jahr in Scheidung. Die religiöse Trennung hat er noch nicht akzeptiert. "Ich hatte keine Lebenserfahrung, keine Welterfahrung, ich wußte nicht, was Liebe ist." Die einzige Liebe, die sie immer wieder betont, ist die zu ihrem Vater, dem Arzt Jusuf Zeynel Abidin. Sie ist Erstgeborene und wird mit ihrer Schwester zusammen in Wipperfürth erzogen. Acht Monate war sie alt, da zogen Vater und Mutter mit ihr von Istanbul erst nach Lehrte bei Hannover, später dann nach Nordrhein-Westfalen. Die Töchter dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, der Vater bringt sie in die Schule und holt sie ab. Man kann dies wohlbehütet nennen, sie spricht von verwöhnt. Als Belastung hat sie dies unfreie Leben nicht empfunden. "Wir kannten eben nichts anderes." Sie war eine Prinzessin, eine Abidin. Und die machte natürlich Abitur. Sie begann ein Anglistikstudium, doch dann kamen die Kinder. Sie studierte 16 Jahre lang, hatte die Magisterarbeit fast zu Ende geschrieben, und warf dann doch hin. "Es war zuviel."

Die Mutter von fünf Söhnen und einer Tochter spricht über ihr früheres Leben mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit, einmal allerdings nennt sie ihre Vergangenheit "Altlast". Doch alle Ungetrübtheit und Energie, die Emel Algan ausstrahlt, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sich auf dünnem Eis bewegt. "Ich staune, daß ich noch lebe", sagt sie lachend. In einem Leserbrief an eine Tageszeitung, der im August veröffentlicht wurde, schrieb sie, sie hätte sich "in die Position eines potentiellen Ehrenmordopfers und einer Abtrünnigen katapultiert". Doch tief im Innern hat sie keine Angst, weil sie glaubt, daß ihre vielen Kinder und auch der Name des Vaters sie schützen werden. Von der eigenen Familie fühlt sie sich nicht bedroht.

Emel Algans Metamorphosen beginnen langsam. Ihre Reflexionen über den Zwang und die Angst in ihrer Religion, ihre Selbstfindungsprozesse als Frau und Individuum und ihre Gedanken über ihre Glaubensfreiheit ("Ich brauche keine Moschee und keine Gelehrten") fallen zeitlich zusammen mit dem Marsch der Lehrerin Fereshda Ludin durch alle Gerichtsinstanzen der Republik. Die eine legt das Kopftuch ab, weil sie sagt: "Mein Kopf gehört mir, ich gehöre mir, ich bin frei, ich lasse mir auch nicht in meine Beziehung zu meinem Schöpfer hineinpfuschen." Die andere meint, ohne das Kopftuch sei sie kein ganzer Mensch und besteht auf dem untrüglichen Zeichen der Differenz, auch zu Nichtmoslems. Emel Algan hat in Diskussionen, die sie als Vereinsvorsitzende in Berlin führte, gespürt, wie diese Debatte die Nichtmoslems befremdete. "Das Kopftuch verhindert Kommunikation. In welcher Zeit leben wir? Wir können doch unser Heute nicht mit dem Lebensumfeld der Menschen vor 1400 Jahren vergleichen. Daraus kann man doch kein Dogma machen!"

Das Theater um das Kopftuch, Algan hält es für Krampf. "Es gibt Wichtigeres." Nämlich als Gläubige in einer nichtmoslemischen Mehrheitsgesellschaft, in der sie lebt, "für Entspannung zu sorgen". Das sind Sätze, nach denen sich viele in Deutschland angesichts anhaltender Negativmeldungen über Ehrenmorde, Gewalt gegen türkische Frauen und Selbstmordattentäter sehnen: "Es ist dieses Land, in dem ich lebe, das mir Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung überhaupt erst ermöglicht." Deutschen, die in letzter Zeit verstärkt zum Islam übertreten, weil sie die "klaren Vorschriften" liebten, antwortet sie: "Ja, wie Fidel Castro und Michael Jackson auch - das kann nur jemand sagen, der mit sich selbst nicht im reinen ist."

Sie schwärmt davon, die Kostbarkeit des Lebens entdeckt zu haben. Und: "Leben bedeutet Veränderung." Sie lehnt den Begriff der Sünde ab, auch den des göttlichen Gesetzes, das aus dem Koran sprechen soll. Und glaubt: "Gott ist eine Energiequelle für Geborgenheit und Vertrauen, für Freiheit und Verantwortung, für Liebe und ein Leben ohne Angst. Gott ist mein Freund." Ihr Mann, dem sie weiterhin ihre Thesen vorlegt, weil sie so überzeugt ist von der Richtigkeit ihres Tuns, gibt ihr immer wieder zu verstehen: richtige Feststellungen, aber falsche Ergebnisse. Manchmal sagen die Söhne, mit denen sie auch über den Teufel und die Sünde spricht: "Mama, setz doch das Kopftuch auf, damit du aussiehst wie eine moslemische Frau." Ihre Kinder seien sehr sensibel und hellhörig. Sie wolle sie ernst nehmen. Drei sind noch zu Hause, die Älteste ist glücklich verheiratet, der Zweitälteste ist beim Bund, der dritte geht auf die Erzieherfachschule. Als sie jüngst einen neuen türkisfarbenen Pulli trug und der Ehemann nicht reagierte, sagte ihr 13jähriger Sohn Usame: "Papa, du kannst ruhig hinschauen, da ist kein Teufel drin."

Sie liebt irische Musik, fährt einen Mini Cooper, sie geht tanzen, hat mit Aikido begonnen, macht Abendkurse über Öffentlichkeitsarbeit - "denn ich muß bald Geld verdienen". Alles Dinge, die Menschen, die weniger kontrolliert und fremdbestimmt aufwuchsen, für selbstverständlich erachten. Für die junge, energische Frau, deren einzige Tochter (sie trägt Kopftuch, und wieder lacht Emel Algan dies glockenhelle Lachen) sie schon vor drei Jahren zur Großmutter machte, bleiben dies aufregende und abenteuerliche Erfahrungen. "Fast jede Tür steht mir offen, und ich durchschreite sie unauffällig. Ich habe durch die äußere Verwandlung in die Unscheinbarkeit auch meine Perspektive geändert. Viele Dinge nehme ich anders wahr."

Wohin das Leben Emel Algan auch treiben wird, sie weiß, es gibt kein Zurück. Sie werde lauter, sagt sie, weil sie will, daß andere an ihrer Freude teilnehmen können. "Ich will anderen Mut machen, auch zu sich zu finden und zu sich zu stehen." Sie tritt im türkischen Fernsehen auf, gibt Interviews, der WDR hat einen Tag in ihrem Leben dokumentiert. Sie ist die Verkörperung dessen, was man ganz pathetisch Aufklärung nennt. Lerne, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Auch im Glauben wendet sie diese Maxime an, die besagt, daß sie sich als Geschöpf des Schöpfers auch ehren und lieben soll. Denn "Gotteserkenntnis ist nur über die Selbsterkenntnis zu erreichen".