Madonna kämpft für die Freiheit

Die Welle der Gewalt in Frankreichs Vorstädten hat das Augenmerk auf die Situation von Einwanderern in Berlin gelenkt. Denn auch hier existieren bei allen Unterschieden zu französischen Hochhausghettos Parallelwelten, die sich von der deutschen Gesellschaft abkapseln. Das wurde offenkundig, als im Februar der Bruder die 23jährige Hatun Sürücü erschoß, weil sie wie eine Deutsche lebte. Eine Spurensuche in Neukölln.

Berlin - "Ey Mann, du verkaufst deine Schwester": Solche Pöbeleien muß sich der 18jährige Sinan in letzter Zeit häufig auf der Straße anhören. Der Hauptschüler mit dem kecken Kinnbärtchen hat Gesicht gezeigt auf einer Postkarte des Neuköllner Mädchentreffs Madonna. "Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen." Aber wenn junge Türken in Berlin Gewalt gegen Frauen offen ablehnen, riskieren sie Schläge. "Es gab negative Aussagen, vor allem von Jüngeren", sagt Sinan. Daß er verprügelt worden sei, will er nicht zugeben.

Wenn es aber um die Jungfräulichkeit der Schwester oder gar Sex vor der Ehe geht, gerät der junge Mann in traditionelle Argumentationsmuster von "Reinheit" und "Tugendhaftigkeit". Wer intimen Umgang mit Jungen bei Töchtern oder Schwestern öffentlich billigt, wäre in seiner moslemischen Umgebung vollständig unten durch - auch in Berlin. In Gegenden wie dem Rollbergviertel hat ein überaus streng ausgelegter Islam großen Einfluß gewonnen, auch weil deutsche Normalfamilien und türkische Aufsteiger die 70er-Jahre-Neubauten zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße verlassen. Türkische und arabische Großfamilien palästinensischer Herkunft stellen 40 Prozent der 5700 Bewohner der Siedlung. Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe sind weit verbreitet. Kaum ein Jugendlicher schafft es zu einem guten Beruf.

Äußerlich wirkt alles in Ordnung. Gepflegte Grünflächen, hölzerne Spielgeräte. An den Hauswänden zeugt frische Farbe vom Kampf der Wohnungsbaugesellschaft gegen Schmierereien. Es gibt einen Nachbarschaftstreff, ein Künstleratelier bietet Malkurse, das arabische Kulturinstitut vermittelt ein Stück Heimat, ein Handwerkerservice hilft im Haus. Aber Quartiersmanager berichten von "altertümlichen religiösen Bräuchen, Aberglaube und einer totalitären Macht der Familie". Eine verhältnismäßig kleine Gruppe konservativer Moslems instrumentalisiere die Religion, um Macht über eingeschüchterte Glaubensbrüder zu sichern.

An der benachbarten Zuckmayer-Realschule beobachtet Leiter Gerhard Wittkuhn, wie selbst die Jugendlichen aus eher bildungsorientierten Familien "sich wieder stärker und bewußter für den Islam entscheiden". In der nahe gelegenen Hermann-Boddin-Grundschule tragen seit einigen Jahren immer mehr Mädchen Schleier und Kopftuch. "Deutlich mehr Kinder als früher dürfen nicht mehr mit ins Schullandheim fahren", berichtet der stellvertretende Leiter Dieter Rensch. Unterschwellig gebe es "Mobbing" gegen die wenigen deutschen Schüler. Kontakt mit den Eltern aus konservativen Familien existiere nicht: "Die mauern", so der Pädagoge.

Es leben Menschen im Rollbergviertel, die halten wie die afghanischen Taliban Musik für Teufelswerk. Aus ihren Fenstern dringen laut Koransuren, berichtet Quartiersmanagerin Ayten Köse. In den Wohnungen fänden Rituale statt, bei denen die Betenden in Trance fielen. "Was die in ihren Hinterhofmoscheen zu hören kriegen, weiß niemand", sagt die Deutsch-Türkin. Frauen aus dem Viertel sagen ihr, sie sei zu verwestlicht: "Du trägst kein Kopftuch, sprichst mit fremden Männern und zeigst dich mit ihnen." Das sind die Offeneren. Die ganz Konservativen kommen erst gar nicht zu ihrem wöchentlichen Frühstück. Die meisten aus Aytens Frauenrunde wurden zwangsverheiratet.

Ein Anzeichen für die verbreitete Geisteshaltung im Kiez sind die Widerstände gegen den als "Hurenclub" geschmähten Mädchentreff Madonna. Eltern verbieten ihren achtjährigen Töchtern, vor der Spiegelwand zu tanzen. Viele tragen schon vor der Pubertät das Kopftuch. Weil nach einer Entscheidung der Mädchen auch Jungs im Club zugelassen sind, dürfen viele ohnehin nicht kommen. Immer wieder bedrohen wutentbrannte Männer die Betreuerinnen. Denn im Madonna predigen sie den Mädchen ihre Rechte. Gespräche in der Kuschelecke zeigen eine Welt jenseits der Familien und ihrer strengen Ehrbegriffe auf. Die Betreuerinnen schieben die Hausaufgabenhilfe und die Arbeit am Computer in den Vordergrund, um Widerstände zu Hause zu brechen. Nicht selten lügen sie mißtrauische Eltern und Großväter auch an, um Freiräume für junge Mädchen zu erkämpfen, die sich heimlich mit ihrem Freund treffen oder mal in die Disko wollen.

Güner Balci stammt von hier. Seit 13 Jahren arbeitet die 30jährige Tochter einer alevitischen Gastarbeiterfamilie immer wieder in Projekten für Madonna. Offenes Haar, enge Bluse, direkter Blick: Ihr ganzes Auftreten muß die selbsternannten Sittenwächter im Rollbergviertel herausfordern. Jene sechs, sieben gewaltbereiten Jungs und ihre jüngeren Helfer, die den zentralen Platz des Viertels dominieren können.

Westlich gekleidete Türkinnen und Araberinnen hätten Angst, belästigt und drangsaliert zu werden, berichtet Gabriele Heinemann, die seit 25 Jahren den Mädchentreff leitet. Aber Güner Balci kennt die Leute und ihre Codes. Sie hat sich geprügelt, um Respekt zu erlangen. Sie kann Leute ansprechen: "Ey Achmed, du hast wieder deine Schwester geschlagen. Ist das richtig?" Für manche der jüngeren Mädchen ist die selbständige junge Frau ein Vorbild. Ebenso wie die Madonna-Honorarkraft Hülya Tekin, eine unverheiratete Kurdin, Ende 20, tätowiert und mit Punk-Frisur. Jetzt bewirbt sich die Erzieherin bei der Polizei.

Aber solche Beispiele gibt es wenige für die moslemischen Mädchen aus dem Rollbergviertel. Ihre eigenen Mütter und Tanten arbeiten meistens nicht. Bei gutem Wetter sitzen sie in Gruppen mit ihren Kleinkindern auf den Bänken um die Spielplätze. Sie sprechen kaum Deutsch und verlassen fast nie den Kiez.

Videokameras registrieren hier jede Bewegung. Die Straßenkriminalität wurde durch das Zusammenwirken von Polizei, Quartiersmanagement und freien Trägern zurückgedrängt. Tagsüber streichen nur noch kleine Jungs durchs Viertel und werfen Knallkörper auf Hunde. Kinderstreiche. Aber hinter den Gardinen gehören Schläge von Vätern und Brüdern gegen die Frauen zum Alltag. Die häusliche Gewalt nehme zu, heißt es bei der Polizei.

Als im Rollberg die Kunde vom Mord an Hatun Sürücü umging, waren die Reaktionen wenig betroffen, erzählt Güner. Die Mädchen kennen solche Geschichten. Aus dem türkischen und arabischen Fernsehen, aber auch aus der Nachbarschaft. Ein Vater hat seine Tochter, die nicht heiraten wollte, solange mit dem Kopf gegen die Heizung geschlagen, bis sie einen Schädelbruch hatte. Das Mädchen hat aus Angst dem Arzt verboten, Anzeige zu erstatten. Ein kurdisches Mädchen wurde drei Monate bis zum Hochzeitstermin im Zimmer eingeschlossen, die Eltern verbarrikadierten die Fenster.

In den seltensten Fällen werden die jungen Frauen in Ketten zum Traualtar und einem Ehemann geschleift, den die Mütter mit dem Segen der Väter und Großväter ausgesucht haben. Die meisten sehnen das "Bonbon-Hochzeitskleid" herbei. Den Tag, an dem sie gepriesen werden und die Chance haben, als Mutter von Söhnen Anerkennung zu gewinnen.

In Mode ist inzwischen die arrangierte Ehe. Dem Kind werden bei Besuchen in der alten Heimat oder auch in Deutschland Cousins gezeigt. "Das ist dein Zukünftiger", heißt es zunächst scherzhaft. Die Mädchen gewöhnen sich an den Gedanken. Sie empfinden es als freie Wahl, wenn sie dann unter drei oder vier Cousins ihren Ehemann aussuchen dürfen. Güner Balci verspürt bittere Freude nur darüber, daß viele Familien aus Berlin Schwierigkeiten haben, von ihrem Hartz-IV-Einkommen die 10 000 oder 20 000 Euro für eine hübsche, tugendhafte Braut aus den heimatlichen Dörfern aufzutreiben. Die Familien seien klüger geworden, sagt Gabriele Heinemann. Die Mädchen seien bei der Hochzeit 16 und nicht mehr 13 Jahre alt. Das spart Ärger mit den deutschen Behörden. Einsicht hingegen scheint in den sehr traditionalistischen und durch den modernen Islamismus bestärkten Sippen begrenzt. Die Familien interessierten sich nicht für deutsche Gesetze, sagt Madonna-Betreuerin Adla.

Kaum ein Mädchen riskiert, bei Unbotmäßigkeit ausgestoßen zu werden. "Das ist der soziale Tod", weiß Güner. Auch wenn sie für die Familie arbeiten müsse, sei sie als "tugendhaftes" Mädchen geachtet, sauber, beschützt. "Wenn sie das nicht mehr ist, ist sie der letzte Dreck. Sie wird beleidigt und bespuckt. Das dürfen alle machen."

Die Väter und Brüder, meist arbeitslos, ohne Ausbildung und Perspektive, brauchten die Macht in der Familie, den Rückgriff auf eine Tradition und einen überzogenen Ehrbegriff, um überhaupt etwas zu haben, sagen die Frauen. "Die Männer brauchen Arbeit, Arbeit, Arbeit", sagt Gabriele Heinemann. Dann kämen sie in Kontakt mit einer deutschen Umwelt und die Jungen wüßten mit ihrer Energie etwas anzufangen. Offene Gewaltausbrüche blieben selten. Aber der 1. Mai in Kreuzberg ist für viele Halbwüchsige der Tag, an dem sie ihre Kräfte zeigen können.

Denn deutsche Kultur ist in Kiezen wie dem Rollberg mit ihren deutschen Problemfällen kein attraktives Vorbild: "Bier saufen, Schwein essen und rumvögeln", sagt drastisch Güner Balci. Da falle es den Moslems leicht, sich abzugrenzen.