Sigmar Gabriel auf Sommertour

Wo den Punk der Schuh drückt

Er bittet darum, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er fordert die Zehntklässler dazu auf, ihre Sorgen zu benennen. Er will wissen, was sie bewegt. Mittwochmorgen, Carl-Zuckmayer-Schulzentrum in Mainz: Sigmar Gabriel sitzt in der gut gefüllten Aula der "Realschule plus". Die erste Station seiner ersten Sommerreise als SPD-Vorsitzender.

Diese Sommerreise soll sich unterscheiden von den üblichen Politiker-Sommerreisen. Bei Gabriel bedeutet das: Statt dreiviertelstündigen Betriebsbesichtigungen geht es heute knapp drei Stunden lang in eine Schule. Ausgewählt wurde dafür keine Vorzeigelehranstalt, eher das Gegenteil. Jene Realschule plus existiert noch nicht einmal zwei Wochen - als Folge der Schulreform in Rheinland-Pfalz. Vor zehn Tagen wurden eine Haupt- und eine Realschule fusioniert; zwischen Lehrern und Schülern knirscht es seitdem kräftig.

Er wolle dahin gehen, "wo es stinkt", hatte Gabriel bei seiner Wahl zum SPD-Chef im November vergangenen Jahres versprochen. Dieser Mittwochvormittag darf als eine solche Reise in die Hinterhöfe des Landes verstanden werden. Gabriel spricht dabei die heiklen Themen an, er hakt nach und gießt zuweilen argumentatives Öl ins Feuer, ganz wie es seine Art ist. Das Beschwichtigen und das Relativieren entsprechen nicht seinem Charakter. Gabriel nennt sich gern ein "Mitglied im Verein für deutliche Aussprache". Gabriel poltert gern. Nicht zuletzt die Lust am Streit hat ihn in die Politik und in die SPD geführt. Während der Sommerreise zelebriert Gabriel diese Lust.

Im Reich des Menschenfischers Beck

Die örtlichen Sozialdemokraten verfolgen den Auftritt ihres Bundesvorsitzenden deswegen ein wenig nervös und mindestens befremdet. Im Reich des Menschenfischers Kurt Beck, des vielleicht letzten deutschen Landesvaters, kennt man diesen Stil nicht. Soeben hat Gabriel die Realschule plus betreten, und schon erfährt er, dass hier - Fusion hin oder her - noch immer zwei Lehrerzimmer existieren: eins für die einstigen Hauptschullehrer, das andere für die ursprünglichen Realschullehrer. Gabriel hält das seinem Gesichtsausdruck nach für eine Katastrophe. Und es dauert nur wenige Momente, bis er diese Einschätzung verbal verkündet. Andere Menschen erlebten viel größere Umstellungen in ihrem Arbeitsleben, donnert er los. Er wettert über ein "Berufsverständnis, das es nur im öffentlichen Dienst gibt", der doch ohnehin "sehr privilegiert" sei. So mache man sich nicht eben beliebt, murmelt der SPD-Ratsfraktionschef.

Sigmar Gabriel geriert sich heute - anders als gelegentlich - nicht als Publikumsliebling. Er gibt nicht den Populisten. Auch die Schüler werden Ohrenzeugen der deutlichen Aussprache des Gymnasiallehrers für Deutsch und Sozialkunde a. D. Zum Beispiel, nachdem sich die 16-jährige Christina Wolf - gepiercte Unterlippe, blond gefärbte Haare, schwere schwarze Stiefel, Punker-Klamotten mit riesigem Stinkefinger auf ihrer Jacke - ziemlich eloquent beklagt hat über die neuen Mitschüler aus der Hauptschule, die nun Niveau und Reputation ihrer fusionierten Schule sinken ließen. "Kompletter Schwachsinn" sei das.

Gabriel, der überzeugte Anhänger der Gemeinschaftsschule, sieht das als Ansporn, seine Wortgewalt zu präsentieren. "Wie du über Schüler im Alter von zehn oder elf Jahren redest, finde ich ziemlich entsetzlich", legt Gabriel los und bekennt: "Mein Menschenbild ist komplett anders als deins." Mucksmäuschenstill ist es während dieser Debatte in der Aula. Christina Wolf aber lässt sich von Gabriel nicht provozieren. Sie beharrt auf ihrem Standpunkt. Später sagt sie, Gabriel könne gut reden - und: "Der ist kein Arsch". Der SPD-Vorsitzende lobt anschließend im kleinen Kreis die "kluge, junge, erwachsene Frau". Er nehme sie ernst und suche deswegen auch den offenen Konflikt - anstatt sie mit höflichen Floskeln zu umgarnen. Zum Schluss lächelt er sie an und sagt: "Vielen Dank für den Streit." Ein Dialog zwischen Christina Wolf und Kurt Beck oder Franz Müntefering, Gabriels Vorgängern als SPD-Vorsitzender, wäre wohl doch etwas anders verlaufen.

Allzu gern provozierte Gabriel als Ministerpräsident oder Bundesumweltminister die eigene Partei. Nun ist er Vorsitzender der Sozialdemokraten - und mag sich das nicht abgewöhnen. Bisher habe die SPD das Internet allenfalls als "Eilpost" genutzt, lästert er bei einer Diskussionsrunde über direkte Demokratie. Nicht ein Migrant gehöre dem SPD-Vorstand an, hier gelte es "aufzuwachen", streut er Salz in die Wunden der Partei. Deren Mehrheit wolle, anders als er selbst, keine Beteiligung von Nichtmitgliedern an Urwahlen, klagt Gabriel. Die SPD besitze die gleichen Strukturen wie vor 30 Jahren, sagt Gabriel und legt sich mit den Vertretern der vielen Arbeitsgemeinschaften an.

Attacken gegen die Regierung

So wie sich Gabriel über die eigenen Truppen mokiert, so heftig attackiert er die Regierung - stets flott formuliert und gern einige Dezibel zu laut. Begriffe wie "Verfassungsbruch", "Merkels Potemkinsche Dörfer" oder "Wahllüge" gehören zu seinem Repertoire, aus dem er sich im Stundentakt bedient. Bei seinem Schulbesuch in Mainz legt er noch nach, dass sich der Bund stärker an den Bildungskosten der gebeutelten Länder beteiligen müsse. Bislang fährt Gabriel gut mit seiner Strategie. Die SPD hat sich konsolidiert und steht, auch Dank der Koalition, in Umfragen gut da. Die Debatte über die Rente mit 67 indes wirkt mehr als Beruhigungspille denn dass sie einen Aufbruch signalisiert. Kurzum: Viele Stolpersteine säumen den Weg zurück an die Macht. "Ganz unter uns", fragt ein Juso-Mitglied den Parteivorsitzenden, "Kanzler wär doch was?" Der schaut sich um und kokettiert: "Mal ganz unter uns: Das weiß ich nicht."