Ein Professor, der seine Grenzen kennt

Er ist Wissenschaftler aus Leidenschaft. Aber keiner, der im Elfenbeinturm sitzt. Im Gegenteil. Es macht ihm sichtlich Spaß, sein Wissen nach draußen zu tragen. Öffentlichkeitsarbeit gehört nicht zuletzt zu den Aufgaben des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, ansässig draußen in Dahlem an der Königin-Luise-Straße. Eigentlich wollten wir gleich gegenüber im Botanischen Garten spazierengehen, doch dann die Bitte, ob ich ihn nicht im RTL-Studio am Schiffbauerdamm abholen könne. Dort habe er einen Interview-Termin: mit dem Nachrichtensender n-tv, dann sei auch noch einer mit CNN dazugekommen. In diesen Tagen, da die Wähler die Parteien zu einer komplizierten Regierungsbildung gezwungen haben und Unternehmer wie Millionen Arbeitslose auf neue Rezepte für den Aufschwung hoffen, stehen die Botschaften und Empfehlungen des 52jährigen einmal mehr hoch im Kurs. So wandern wir statt durch die frühherbstliche Blumen- und Gewächslandschaft im Schatten von Parlament und Kanzleramt entlang der Spree am Schiffbauerdamm.

Wäre er seinem Jugendtraum treu geblieben, steckte Klaus Zimmermann vielleicht auch mittendrin im politischen Machtpoker dieser Tage. Politik oder Journalismus standen einst ganz oben auf seiner Berufswunschliste. "Die Entscheidung, dann doch weder das eine noch das andere zu machen, hing mit der Faszination der Wissenschaft während meines Volkswirtschaftstudiums zusammen. Das hat mich gepackt. Aber ich hab auch immer etwas bewegen wollen. Deshalb bin ich jetzt ja auch als Präsident des DIW, das nicht nur forscht, sondern auch Beratung anbietet, in die Nähe der Politik zurückgekommen. Aber eben nur in die Nähe. Als Politiker kann man nur erfolgreich sein, wenn man meinungsmäßig nicht zu festgelegt ist, wenn man ein Gefühl dafür entwickelt, was gerade wichtig ist und wie man dafür Mehrheiten bekommt. Ich hab' eingesehen, daß andere das besser können als ich. Als Wissenschaftler ist man angetrieben von dem Wunsch, etwas ganz Bestimmtes zu bewegen. Das schließt Kompromisse eigentlich aus. Wissenschaftler taugen selten für die Politik ..."

Eine Erklärung auch für das Desaster mit Professor Kirchhof, Angela Merkels vermeintlicher Wunderwaffe, die zum Rohrkrepierer wurde? Der Professoren-Kollege, der Willy Brandts wegen einst in die SPD eingetreten ist, sein Parteibuch aber schon vor Jahren zurückgeschickt hat, nickt. "Ich kenne Herrn Kirchhof und schätze ihn. Er wollte unbedingt seine Flat Tax, also den durchgehend niedrigen Steuersatz, durchsetzen. Doch dafür ist noch nicht die Zeit. Da ist die Gefahr groß, daß man scheitert ..." Zimmermann führt als Gegenbeispiel Gerhard Schröder an. "Viele seiner Initiativen der letzten Legislaturperiode hingen damit zusammen, daß er den richtigen Zeitpunkt und das richtige Umfeld für ein Thema erkannt und die Gunst der Stunde dann genutzt hat - mal die Diskussion um die Green Card, dann die Eliteuniversitäten oder kurz vor der Wahl die Senkung der Unternehmensteuer. Diese Sprunghaftigkeit ist einem Wissenschaftler fremd."

Während wir über den holprigen Bürgersteig vorbei an den noch immer tristen Altbaufassaden und Plattenbauten zwischen der Wilhelmstraße und der Brücke über die Spree am Bahnhof Friedrichstraße mehr balancieren als normal gehen, frage ich den einen Professor, warum er dem anderen nicht zumindest ein bißchen Schützenhilfe geleistet habe? In Sachen Steuervereinfachung und Steuersenkung liegen beide doch sehr dicht beieinander. "Herr Kirchhof ist auch durch das DIW unter Feuer geraten, weil wir seit langem sagen, daß das, was er vorschlägt, zu erheblichen Steuerausfällen führt. Man kann nicht beides gleichzeitig haben: eine radikale Steuersenkung und die Sanierung der Haushalte. Die Staatsaufgaben müssen weiter finanzierbar bleiben. Deshalb plädiere ich seit langem dafür, die direkten Steuern zurück- und die indirekten hochzufahren. Man kann sogar die Einkommensteuer ganz abschaffen, wenn gleichzeitig der Mehrwertsteuersatz auf 30 Prozent steigt. In diese Richtung denke ich. Herr Kirchhof hätte in der Politik eine Chance haben können, wenn er das Visionäre von dem getrennt hätte, was in der nächsten Legislaturperiode politisch durchsetzbar ist. Und da bin ich wieder bei meiner Kernthese: Man muß als Politiker erkennen können, wie ist die Stimmung der Zeit, wie kommen meine Ideen an. Als Wissenschaftler dagegen müssen Sie immer ganz radikale These vertreten, die weit in die Zukunft hineinreichen ..."

Ich denke zurück, als wir an einem mehr oder weniger verfallenen Plattenbau vorbeikommen. In ihm residierte einst das Umweltministerium der DDR. Dort diskutierten wir 1987 während einer Journalisten-Reise - ich schrieb damals für das "Hamburger Abendblatt" - auch über die Verschmutzung der Elbe durch DDR- Industrieabwässer. "Der Journalist Jochim Stoltenberg stellte renitente Frage ..." las ich später in einem Stasi-Bericht.

Zurück in die Gegenwart. Was zeichnet das DIW gegenüber anderen Wirtschaftsforschungsinstituten aus, lange galt es als gewerkschaftsnah? "Als ich vor fünf Jahren nach Berlin kam, hatte ich vor allem zwei Aufgaben: einerseits, die Nachfrage nach Leistungen des Instituts zu stärken und zweitens, Forschung und Beratung zu professionalisieren. Wir verstehen uns nicht mehr als Behörde, sondern als Unternehmung, die sich am Markt behaupten muß. Diesen Reformprozeß haben manche Mitarbeiter, ähnlich wie bei den Reformen in der Gesellschaft, als Bedrohung empfunden. Da muß man sie dann mitnehmen, und das geht nicht immer ohne Reibung. Die Hälfte unseres 20-Millionen-Euro-Etats müssen wir selber verdienen ..." Und der Rest? "Die andere Hälfte kommt vom Bund und dem Land Berlin. Mit 210 Mitarbeitern, unter ihnen mehr als hundert Wissenschaftler, sind wir das größte Forschungsinstitut in Deutschland und Marktführer für Beratung. Uns kommt zugute, daß wir in Berlin sitzen und damit das Hauptstadt-Institut sind. Ganz nah an Politik und Medien zu sein ist natürlich ein Vorteil. Die vielen Journalisten sind hilfreich, unsere Botschaften unters Volk zu bringen. Und es freut uns auch, wenn sich unsere Empfehlungen in der Politik wiederfinden. Zum Beispiel der schon vor längerer Zeit unterbreitete Vorschlag, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, um die Lohnnebenkosten zu senken. Das hat die CDU in ihr Wahlprogramm geschrieben." Und was ist von der Gewerkschaftsnähe geblieben? "Richtig ist, daß wir uns im DIW auf Fragen konzentrieren, die für Arbeitnehmer von Interesse sind; die Verteilungssituation etwa oder Familien- und Bildungspolitik. Deshalb beschäftigen wir uns mit Arbeitnehmerfragen mehr als andere Institute. Aber wir sind unabhängig."

Keine Frage, Klaus Zimmermann ist ein weltweit anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, zugleich ein begnadeter Öffentlichkeitsarbeiter. Er formuliert flott und verständlich, was bei Wirtschaftsforschern ja nicht unbedingt die Regel ist, parliert natürlich perfekt englisch, schließlich hat er jahrelang auch an amerikanischen Universitäten gelehrt, Interviews gibt er aus dem Stegreif. "Ja, das macht mir auch Spaß. Ich sehe das als positives Beiwerk meines Jobs als DIW-Präsident. Aber man muß seine öffentlichen Auftritte auch dosieren und abstimmen. Zur Konjunkturentwicklung etwa sage ich nichts, ohne vorher mit meiner Konjunkturabteilung gesprochen zu haben." Apropos Konjunkturprognosen. Da liegen die Institute auffallend oft daneben. Ginge es nach ihnen, hätten wir längst den ersehnten Aufschwung. "Wir waren gewiß alle etwas zu optimistisch. Aber es gibt eben auch viele Unwägbarkeiten, wie jetzt den explodierenden Ölpreis ..." Ich scheine den Professor an einem sensiblen Punkt erwischt zu haben. Nach einem längeren Erklärungsversuch räumt er ein, daß die Institute mit ihren Prognosen an gewisse Grenzen zu stoßen scheinen. "Möglicherweise müssen wir uns noch stärker um den Unsicherheitsbereich kümmern. Aber wir tun nur das, was die Öffentlichkeit erwartet. Ich wundere mich manchmal selbst, auf welches Interesse auch noch die x-te Prognose stößt. Ein Drittel der öffentlichen Wahrnehmung unseres DIW läuft über die Konjunkturabteilung. Sie ist gut. Auch deshalb das große Interesse ..." Es folgt noch der augenzwinkernde Hinweis, daß Meinungsforscher und Meteorologen ja auch ihre Probleme mit den Vorhersagen hätten.

Hinter der Bahnbrücke ein völlig veränderter Schiffbauerdamm - Pariser Flair in Berlin: ein Restaurant neben dem anderen, von der Ständigen Vertretung bis zur Brasserie Ganymed, der Gehweg gegenüber am Spreeufer ein einziges Freiluftrestaurant unter Sonnenschirmen, Touristen flanieren, auf dem Wasser schippern Ausflugsdampfer wie aufgereiht vorbei. Wir finden noch einen Tisch draußen im Ganymed, das schon zu DDR-Zeiten Legende war, und essen wunderbar zarten Jungschweinrücken.

Am Montag ist Tag der Deutschen Einheit. Um uns herum ist sie für jeden sichtbar höchst erfolgreich vollzogen. Anderenorts wird 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ganz anders geredet. Ist der Osten Deutschlands zu einem hoffnungslosen Fall geworden, wie Skeptiker befürchten? "Ich sehe das gar nicht so hoffnungslos. Natürlich sind Fehler gemacht worden. Statt der Steuern sind die Lohnnebenkosten zur Finanzierung der Einheit erhöht worden, mit der flächendeckenden Subventionierung wird noch immer viel Geld verschwendet. Was wir brauchen, und das sagen wir seit Jahren, sind Wachstumspole. Um sie herum kann sich etwas entwickeln. Alles andere muß man aufgeben, weil strukturell schwache Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern oder Teile Brandenburgs selbst durch hohe Subventionen nicht zum Blühen zu bringen sind ..."

Da ist sie, die radikale These des Wissenschaftlers, die zu formulieren sich kein Politiker traut - es sei denn, er sehnt das Ende seiner Karriere herbei. "Wenn man diese These einmal akzeptiert", setzt der DIW-Chef, der in Bonn auch noch das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) leitet, den Gedanken fort, "sehe ich die Zukunft im Osten keineswegs so dramatisch. Im Gegenteil. Es gibt ja auch großen Fortschritt. Die Industrie entwickelt sich prächtig, allerdings fehlen noch große Unternehmen, die überregional tätig sind. Das ist eine Frage der Zeit. Und wir sehen gute regionale Entwicklungen, etwa in Sachsen, Thüringen oder im Berliner Speckgürtel. Ich sehe Ostdeutschland nicht als Desaster, aber sicher auch nicht als exportfähiges Erfolgsmodell."

Daß der Mut, solch radikale Schnitte zu wagen, nirgends zu erkennen ist, ficht Klaus Zimmermann, äußeres Markenzeichen Bart und Hang zum Nadelstreifen, nicht an. "Es gibt bestimmte natürliche Rahmenbedingungen, die nicht zu sprengen sind. Mit Ausnahme Bayerns, wo die Umstrukturierung zum High-Tech-Standort gelungen ist, sind auch die west-deutschen Wirtschaftszentren historisch-traditionell bedingt. Mit einer Westwanderung ist also weiter zu rechnen. Und wo es im Osten rund um die Wachstumskerne aufwärtsgeht, wie in Leipzig oder Dresden, dorthin werden die Menschen irgendwann zurückkehren."

Nein, Golf spiele er nicht, sagt der zweifache Institutsleiter, Professor an gleich mehreren Universitäten, Autor sowie Herausgeber von 33 Büchern und mehr als 170 wissenschaftlichen Aufsätzen beim Abschied. "Mein Hobby ist die Wissenschaft. Am Wochenende oder tief in der Nacht setze ich mich noch mal an den Schreibtisch und verfasse einen Fachartikel ..." Und was sagt die Familie in Bonn dazu? "Die empfindet das nicht immer als lustig, hat sich aber ganz gut mit mir arrangiert. Meine Frau ist auch Volkswirtin, war selbst bis die Kinder kamen als Wissenschaftlerin tätig. Sie kennt die Tretmühle des Wissenschaftsbetriebs. Ihr habe ich zu verdanken, daß ich eine solche Karriere machen konnte." Promoviert hat Klaus Zimmermann übrigens über das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie.