Frank-Walter Steinmeier

"Ich selbst werde der Organspender sein"

Es war eine Überraschung selbst für die, die zu den gewöhnlich gut informierten politischen Berliner Kreisen zählen. Auch solche, die allzu gern damit protzen, bestimmte Vorgänge längst gekannt oder zumindest "die Sache" geahnt zu haben, geben zu: Es gab kein Anzeichen für Frank-Walter Steinmeiers Pause von der Politik.

Sie wussten nicht um die dramatische Nierenerkrankung seiner Ehefrau Elke Büdenbender. Wohl nur die eigene Familie und engste Mitarbeiter dürften vorab eingeweiht worden sein, dass Steinmeier seiner Ehefrau eine Niere spenden will.

Von einer "Aufopferung" ist in der Politik immer wieder einmal die Rede, wenn dieser Minister oder jener Parteichef sich mit viel Kraft für ein konkretes Ziel einsetzt. Frank-Walter Steinmeier opfert sich nun im wahrsten Wortsinn auf. Er unterzieht sich einer Operation - zugunsten seiner Ehefrau und deren Leben. Plötzlich erscheint die Debatte über die Rente mit 67, geschweige denn das Klein-Klein der Tagespolitik in weiter Ferne.

Natürlich, es handelt sich bei alldem um eine zutiefst private Angelegenheit der Eheleute Steinmeier/Büdenbender. Das Leben der Spitzenpolitiker indes ist nur selten privat, was die Medien kräftig mitverantworten. Gleichwohl: Wenn sich plötzlich der Oppositionsführer zu einem solchen Schritt entscheidet, handelt es sich natürlich auch um einen politischen Vorgang. Deswegen hat Frank-Walter Steinmeier die Entscheidung in seiner Eigenschaft als SPD-Fraktionsvorsitzender mitgeteilt. Deshalb informierte er die Öffentlichkeit im Reichstagsgebäude - und nicht etwa vor dem heimischen Gartentor in Zehlendorf.

Liebe Not mit dem linken Flügel

Vor knapp drei Jahren trat Franz Müntefering als Bundesarbeitsminister zurück, um seine an Krebs erkrankte Ehefrau Ankepetra zu pflegen. Nun ist es wieder ein Sozialdemokrat, der sich zu einer Auszeit entscheidet. Abermals entscheidet sich ein SPD-Mann, der mit dem linken Flügel seiner Partei so seine liebe Not hat, zu einer solchen Zwangspause. Hier aber enden die Gemeinsamkeiten: Bei Steinmeier wird, anders als seinerzeit bei Müntefering, nicht hinter vorgehaltener Hand gefragt, ob bei dessen persönlicher Entscheidung etwas Politisches mitschwinge. Müntefering wurde damals gar öffentlich von Dirk Niebel (FDP) vorgeworfen, er verschwinde von der politischen Bühne, weil er im SPD-internen Streit unterlegen war. Bei Steinmeier lässt sich bisher niemand darauf ein, eine private Entscheidung mit einem politischen Hintergrund zu versehen, den es nicht gibt. Dieser Unterschied zu Müntefering 2007 fällt umso mehr auf, als sich just gestern die SPD-Spitze neu zur Rente mit 67 positioniert hat - und dieser Beschluss zwar von Steinmeier mitgetragen wird, ihn aber kaum überzeugt oder gar glücklich macht.

Gestern Vormittag, in der Lobby vor der SPD-Fraktion, trat Steinmeier so auf, wie man ihn kennt: Mit ruhiger Stimme und betont sachlich informierte er um 9.30 Uhr über die "fortgeschrittene Nierenschädigung" seiner Frau. Nur eine Organtransplantation könne helfen, laute der ärztliche Rat, sagte Steinmeier in seiner einminütigen Erklärung: "Mangels Alternative und weil die entsprechenden Voruntersuchungen das auch erlauben, werde ich selbst der Organspender sein." Einen Satz wie diesen hat man im politischen Berlin noch nicht vernommen - er dürfte fortan verknüpft werden mit dem Wirken Frank-Walter Steinmeiers. Mit Blick auf die Dauer seiner Abwesenheit sprach er von "einigen Wochen" und ließ erkennen, im Oktober wieder an Bord sein zu wollen. Ausdrücklich wies Steinmeier darauf hin, es handele sich nicht um einen Rückzug aus der Politik: "Sie werden mich hier in alter Frische wiedersehen." Noch gestern Mittag wollte sich der SPD-Fraktionschef in die Obhut der Ärzte begeben. "Die Operationen für die Organverpflanzung werden dann im Verlauf dieser Woche stattfinden", sagt er noch.

Bis zu seiner Rückkehr soll Joachim Poß, einer seiner Stellvertreter, die Fraktion führen - ein erfahrener Finanzfachmann und ein verbindlicher Vermittler.

Wer Steinmeier (54) und seine Ehefrau Elke Büdenbender (48) das eine oder andere Mal erlebt hat, kennt sie als fröhliches, sich gegenseitig zugewandtes Ehepaar. Im Bundestagswahlkampf trat Büdenbender einige Male an der Seite des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten auf - und mancher meinte, Steinmeier könnte sich ruhig öfter gemeinsam mit der sympathischen Verwaltungsrichterin zeigen. Auch nach anstrengenden Auslandsreisen oder schlauchenden Wahlkampfauftritten gehen Steinmeier und Büdenbender gemeinsam ins Theater. Die beiden kennen sich seit dem Jurastudium in Gießen, sind seit 15 Jahren verheiratet und haben eine 14-jährige Tochter. Erst kürzlich verbrachte die Familie ihren Sommerurlaub traditionell in Südtirol.

Spenderausweis seit der Studienzeit

Bereits seit Studientagen trägt Steinmeier einen Organspenderausweis bei sich. Ärzte hatten 1980 bei dem angehenden Juristen kurz vor dem Examen ein Geschwür auf der Hornhaut des linken Auges festgestellt. Sie entschlossen sich zu einem damals sehr gewagten Schritt: der Transplantation der Hornhaut eines Spenders. Damit wurde Steinmeiers Augenlicht gerettet. Als Folge des Eingriffs wurde fast über Nacht aus dem blonden Studenten ein Silberschopf.

Bereits jetzt fliegen Steinmeier für seinen rührenden Schritt der Familienfürsorge die Herzen zu - und die Popularität des Außenministers a. D. dürfte damit noch steigen. Sein Nachfolger Guido Westerwelle verließ gestern die FDP-Präsidiumssitzung, um Steinmeier anzurufen. Angela Merkel ließ Regierungssprecher Steffen Seibert erklären: "Die Nachricht, dass seine Ehefrau so ernsthaft erkrankt ist, hat die Kanzlerin traurig und besorgt gemacht." Die Kanzlerin wünsche dem Oppositionsführer und seiner Frau alles Gute, Kraft und Zuversicht.

Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sagte: "Der Schritt von Frank-Walter Steinmeier hat mich menschlich sehr berührt. Was könnte die Liebe zu einem nahestehenden Menschen stärker zeigen als diese Entscheidung?" Er habe Respekt und Hochachtung vor Steinmeiers Entscheidung, der mit der Organspende zudem ein gesellschaftliches Vorbild abgebe. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sprach von einer "bedrückenden Nachricht" und versprach, seine Partei werde häufig in Gedanken bei Steinmeier und seiner Frau sein.

Seit Gabriel und Steinmeier nach der dramatischen Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl vor knapp einem Jahr Partei und Fraktion führen, wird ihr - zuweilen aus dem Ruder laufendes - Zusammenwirken aufmerksam beobachtet. Als Steinmeier im vorigen Jahr die Rolle des Oppositionsführers zwar beherzt ergriff, aber anfangs lustlos und mit sich hadernd ausübte, rechnete mancher mit seinem baldigen politischen Ende. Seit Jahresanfang aber zeigt der bis dato lange regierende Steinmeier, dass er das Oppositionsgeschäft durchaus versteht. Wehmut über den Verlust des Auswärtigen Amtes ist dabei durchaus inbegriffen, nicht nur wegen der Amtsführung seines Nachfolgers. Längst aber hat sich Steinmeier stabilisiert. Umfragen zufolge ist er beliebter als Gabriel. Mancher Bürger sehnt sich nach Steinmeier als Außenminister zurück, dem seriösen Sachwalter, der die diplomatische Sprache so beherrscht.