Der Mann mit den drei Schreibtischen

Welches Unternehmen kann schon von sich sagen, daß eine Hauptstadt einen ganzen Stadtteil nach ihm benennt? Siemens ist das einzige." Stolz schwingt mit bei jedem Wort aus dem Mund Gerd von Brandensteins. Weil ein Blick aus den hohen Fenstern seines Büros in der Berliner Verwaltungszentrale am Nonnendamm wenig über das wahre Ausmaß der Werksanlagen in ihrer charakteristischen Klinkerbauweise verrät, führt mich der Chef des Berliner Büros der Konzernleitung zu einem Bild des Berliner Malers Matthias Koeppel hinter seinem Schreibtisch. "Hier können Sie die ganze Größe der zwischen 1920 und 1930 entstandenen Industriebauten sehen. Wir haben die Gebäude, von denen 60 Prozent unter Denkmalschutz stehen, alle saniert. Hinter den alten Mauern produzieren wir heute modernste Technologie - von Gasturbinen über Schaltanlagen, Telekommunikationssysteme bis zu Schiffsantrieben und Glühlampen. Berlin ist der größte Fertigungsstandort, den Siemens weltweit hat. 95 bis 98 Prozent der Produkte, die wir hier fertigen, sind für den Weltmarkt, also den Export bestimmt..."

Siemensstadt - letzter Leuchtturm aus einer Zeit, da Berlin noch Deutschlands größte Industriestadt war. Und Gerd von Brandenstein - ein stolzer Siemensianer seit über 33 Jahren. In Berlin hat er gleich drei Schreibtische stehen. Den am Nonnendamm, einen weiteren am Gendarmenmarkt, von dem aus er als Leiter des Verbindungsbüros zur Bundesregierung und zum Parlament die Lobby-Arbeit für den Siemens-Konzern steuert, und einen dritten als Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg. Über seine Arbeit in allen drei Büros will ich mit dem 63jährigen reden. Unser Spaziergang soll uns durch die Wohnsiedlung zwischen Rohrdamm und Jungfernheideweg führen, die in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Siemens-Baudirektor Hans Hertlein für Mitarbeiter des Unternehmens entworfen wurde. Mehrgeschossige Wohnzeilen, verziert mit Türmchen, Erker, Fensterläden und Wandreliefs, mischen sich mit Zwei-Familien-Reihenhäusern, die dörfliche Idylle inmitten der Großstadt vermitteln; überall Grün, ein großer Park, Sportplätze und sogar zwei Kirchen, eine evangelische und eine katholische. "Auch das haben wir alles saniert, dann aber leider die ganze Siedlung verkauft, weil in den letzten Jahren nur noch knapp zwanzig Prozent der Bewohner bei uns beschäftigt waren. Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen wollen sich nach Feierabend nicht auch noch mit dem Arbeitskollegen über den Gartenzaun unterhalten. Jeder geht lieber seiner eigenen Wege..."

Vor dem Krieg waren etwa 43 000 Menschen bei Siemens - gegründet 1847 von Werner von Siemens, ab 1898 von dessen Sohn Wilhelm auf die Spandauer "Nonnenwiesen" verlagert - beschäftigt, bis zum Fall der Mauer noch über 25 000. Heute sind es rund 14 000. "Wir sind noch immer Berlins größter industrieller Arbeitgeber. Der enorme Rückgang der Mitarbeiter ist einerseits auf die sehr schnelle Streichung der steuerlichen Anreize nach der Wiedervereinigung zurückzuführen, andererseits auf die verringerte Fertigungstiefe, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können. Wir vergeben aber sehr viele Zulieferaufträge an Unternehmen in der Region Berlin-Brandenburg. Allein im vergangenen Geschäftsjahr haben wir in und um Berlin Waren für rund eine Milliarde Euro gekauft. Umgerechnet sichert das etwa 10 000 Arbeitsplätze. Bei allem Traditionsbewußtsein - Sentimentalitäten zählen nicht. Jeder Standort muß sich selbst verdienen, Quersubventionen innerhalb des Konzerns gibt es nicht..."

Diesem Unternehmensprinzip ist jüngst die unrentabel gewordene gemeinsame Waschmaschinenproduktion mit Bosch in Haselhorst zum Opfer gefallen. 700 Mitarbeitern mußte gekündigt werden. "Wir konnten noch die Abteilung Forschung und Entwicklung mit 400 Beschäftigten in Berlin halten", versucht er die Hiobsbotschaft ein wenig zu mildern.

Lieber spricht Gerd von Brandenstein, der in seiner auffallend ruhigen, besonnenen Art auch ein bißchen professoral wirkt, von den positiven Signalen am Siemensstandort Berlin: Ansiedlung des Hauptsitzes für den gesamten Inlandsvertrieb mit zunächst 70 neuen Mitarbeitern, 1000 zusätzliche Ingenieure für die Mobilfunk-Entwicklung, im Oktober Einstellung von 350 Auszubildenden, alle Bereiche arbeiten derzeit profitabel. Dann doch ein leicht sentimentaler, auf jeden Fall sehr menschlicher Zug des Berliner Konzern-Statthalters: "Man muß auf Holz klopfen, damit es nicht irgendwann wieder zu einem Personalabbau kommt..."

Und schon klopft er dreimal an den nächsten Straßenbaum. Dabei erzählt er von einem Erlebnis, das ihn tief bewegt hat. "In anderer Funktion habe ich vor einigen Jahren 21 jungen Leuten ihren Facharbeiterbrief überreicht - und gleichzeitig die Kündigung. Das war furchtbar..." Von wegen hartgesottene Manager ohne jede menschliche Regung.

Zurück zum Positiven. Dazu zählt der Siemens-Mann, der für den Konzern sieben Jahre als kaufmännischer Leiter in Südamerika (Ecuador und Venezuela) auf Posten war, die Berliner Hochschullandschaft. "Die Kooperation ist hervorragend. Die UMTS Entwicklung haben wir nur wegen der guten Hochschulen nach Berlin holen können. Weil es viel einfacher ist, junge Menschen vor Ort als Nachwuchskräfte zu gewinnen, als sie erst bundesweit zu suchen und dann hierher zu holen. Die Qualität der Ausbildung an den Berliner Hochschulen ist ein ganz wichtiger Punkt für uns. Wir müssen unglaublich innovativ sein. Davon leben wir. In Berlin schaffen wir es, jedes Jahr etwa 400 Entdeckungen zu machen. Davon haben wir allein im letzten Jahr 200 als Patente angemeldet." Frei nach der Überlebensstrategie: jeden Tag eine Siemens-Erfindung...

Ist Deutschland doch nicht so technikfeindlich, wie behauptet wird? Da heben sich die Augenbrauen hinter der randlosen Brille des geborenen Berliners. "Leider gibt es diese Technikfeindlichkeit und bei vielen jungen Menschen eine entsprechende Zurückhaltung gegenüber technologischen Berufen. Es gibt aber nach wie vor auch ganz hervorragende Ingenieure beiderlei Geschlechts. Wir leben in Deutschland von der Innovation. Dazu gehören eben immer neue technologische Spitzenleistungen..."

Wir spazieren jetzt durch den Werner-von-Siemens-Park, einst angelegt als grüne Lunge für die Arbeiter drüben in den Produktionshallen, als die Fabrikschornsteine noch die Luft verpesteten. Ein großer Granitstein mit einer Bronzetafel erinnert an Wilhelm von Siemens, Gründer von Siemensstadt und Sohn des kühnen Erfinders, erfolgreichen Unternehmers und Arbeitgebers mit sozialem Verantwortungsgefühl. "Werner von Siemens wußte, daß hinter einer guten Maschine ein guter, zufriedener Ingenieur stehen muß. Und er hat nur die Erfindungen realisiert, von denen er wußte, daß er mit ihnen Geld verdienen kann. Das war Teil seiner Erfolgsgeschichte", preist Gerd von Brandenstein noch einmal den Gründer des Unternehmens, zu dessen nicht endendem Erfolg er seit vielen Jahren einen nicht unerheblichen Beitrag leistet.

Auch als Lobbyist an seinem zweiten Schreibtisch, dem am Gendarmenmarkt.

Lobbyisten haben nicht gerade den besten Ruf. Ärgert ihn das? "In anderen Ländern ist es selbstverständlich, daß die Unternehmen mit der Regierung zusammenarbeiten. Das klappt bei uns mittlerweile ja auch sehr gut. In meinem Verbindungsbüro habe ich sechs hervorragend ausgebildete Referenten, die aus verschiedenen Sparten des Unternehmens kommen. Zur Zeit bearbeiten wir weltweit 43 Großprojekte. Seien es Botschaften, Ministerien oder das Kanzleramt - jeder von uns hat ein Netzwerk aufgebaut, um Unterstützung zu finden, die dann hoffentlich auch zu Aufträgen führt."

Die Politik, bestätigt Gerd von Brandenstein, ist auch in Deutschland längst zum Türöffner für die Wirtschaft geworden, wenn es um große Auslandsaufträge geht. "Bundeskanzler Helmut Kohl hat damit angefangen, Gerhard Schröder macht es genauso weiter. Das spielt heute eine ganz wichtige Rolle. Wenn Ihnen ein großer Unternehmer sagt, er bekomme die Unterstützung der Regierung nicht, dann macht er etwas falsch. Auch die Arbeit an den Botschaften hat sich total verändert. Jeder weiß inzwischen, was andere Regierungen machen und daß die Industrie eigentlich die einzige Branche ist, die noch Arbeit generieren kann. Man hat endlich auch in Deutschland erkannt, daß man voneinander abhängig ist."

Und wie qualifiziert ist die Beamtenschaft, der andere wichtige Ansprechpartner eines jeden Lobbyisten? "Ich habe hier in Berlin hervorragende Kräfte unter den Beamten kennengelernt. Beamte, die für relativ wenig Geld hochqualifiziert bestens arbeiten." Damit nicht der Hauch eines Mißverständnisses aufkommt: Mit Geld ist in diesem Fall ausnahmslos das staatliche Salär gemeint!

Nicht ganz so erfolgreich wie bei Siemens ist der Job als ehrenamtlicher Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg. Die Gründe dafür sind nicht in der Person des Präsidenten zu finden, sondern in der wirtschaftlich schwachen Hauptstadt-Region. Warum, Herr von Brandenstein, ist Berlin noch immer so arm? "Ist Berlin doch gar nicht", entgegnet er prompt und führt als Beleg die reiche Medienlandschaft, die blühende Hochschullandschaft und die vielen erfolgreichen mittelständischen Unternehmen an. Dann räumt er aber doch ein, daß die schlimmste Zahl die der Arbeitslosen sei. "Wir haben die Aufgabe, mit den beiden Landesregierungen zu sprechen. Hier muß etwas passieren!" Aber was? "Das große Thema bleibt die Länderfusion, ganz wichtig ist der Flughafen Berlin Brandenburg International. Die Fusion bleibt schwierig, weil die Vorbehalte in Brandenburg unverändert groß sind. Ich glaube, daß sich die nächste Bundesregierung in dieser Frage stärker engagieren muß. In Sachen Flughafen sitzen uns die Polen im Nacken: Wir können nicht wollen, daß das Ost-Flugkreuz in Warschau entsteht. Es gilt unverändert der Satz: die Industrie, die Wirtschaft folgt der Infrastruktur und nicht umgekehrt - und Gorbatschows Mahnung, daß bestraft wird, wer zu spät kommt..."

So richtig befriedigend sind die Antworten, das spürt auch der Präsident, angesichts einer Arbeitslosenquote von fast 20 Prozent in der Region nicht. "Sie haben schon Recht: Zwei Kranke in ein Bett zu legen, macht noch keinen sofort gesund. Aber gemeinsam wächst die Chance zur Heilung. Jetzt reden wir doch alle davon, daß wir bald eine neue Regierung haben werden. Wenn wir alle wieder nicht mitmachen, weiter skeptisch sind, dann wird sich nichts zum Besseren wenden. Es ist wirklich ganz lehrreich, wenn man ein paar Jahre im Ausland war. Dann neigt man weniger zum Meckern, hat ganz andere Erfahrungen gemacht; gesehen, wie andere Länder mit viel größeren Problemen fertig werden müssen."

In Berlin geboren, in Bayern aufgewachsen - er sei, sagt Gerd von Brandenstein beim Abschied vor der Auffahrt zur Berliner Siemenszentrale, die nur noch eine Dependance ist, seit der Konzern seinen Hauptsitz nach dem Krieg nach München verlegt hat, ein Preuße mit bayrischen Qualitäten. Und was heißt das? "Ein Hang zu Ordnung und Pflichtbewußtsein gepaart mit einem kräftigen Schuß Gelassenheit und Gemütlichkeit. Uns wäre in Deutschland viel erspart geblieben, wenn wir das Schwarz-Weiße und das Weiß-Blaue früher zusammengefügt hätten..." Das soll wohl der Rat zu mehr gelassenem Selbstbewußtsein sein. Gerd von Brandenstein redet nicht nur davon, er hat es auch.

Gerd von Brandenstein: Geboren am 6. April 1942 in Berlin, aufgewachsen in Bayern. Ausbildung: Abitur 1962 in Rothenburg an der Fulda, Volkswirtschaftstudium in Mainz, Diplom-Volkswirt. Beruf: Assistent an der Ruhruniversität Bochum, 1972 Wechsel zur Siemens AG in München, Bereich Nachrichtentechnik. 1975 bis 1978 Kaufmännischer Leiter Siemens Ecuador, 1978 bis 1981 Geschäftsführer Siemens Venezuela, 1981 bis 1994 Siemens Erlangen. Seit April 1994 in Berlin Leiter des Verbindungsbüros Berlin/Bonn (Beziehungen zur Bundesregierung und zum Parlament), ab Oktober 2000 auch Leiter des Berliner Büros der Münchner Konzernleitung. Familie: verheiratet, drei Kinder