Regierungssprecher Steffen Seibert

"Ich bin froh, dass es vorbei ist"

Allein im Studio die "Heute"-Nachrichten für ein Millionenpublikum zu moderieren, das ist eine Sache. Sich den Fragen der Parlamentsjournalisten zu stellen, ist eine ganz andere Herausforderung. In seiner neuen Funktion als Regierungssprecher leitete der ehemalige ZDF-Frontmann Steffen Seibert gestern in Berlin seine erste Regierungspressekonferenz: eine Feuerprobe nicht ohne Tücken.

Pünktlich um 11.30 Uhr nahm er vor der hellblauen Wand in der Bundespressekonferenz Platz. Rote Krawatte, rote Aktenmappe, aufgeregtes Rot auf den Wangen. Lampenfieber? Und wie."Das ist wie Abi, Führerschein und diverse andere Dinge zusammen", gestand Seibert, mit Herzklopfen - und was noch dazugehört. Einer seiner 22 Vorgänger hat einmal gesagt, dass er oft nicht über die Informationen verfügte, die er sich gewünscht hätte. Da lachte der 50-Jährige noch, hob die Brauen, nippte an seinem Wasserglas. "Das ist jetzt der Startschuss."

Nach 30 Minuten muss er passen

Mit sonorer Stimme übermittelte Seibert die Besorgnis der Bundesregierung über die verheerende Situation im pakistanischen Überschwemmungsgebiet - nicht zu betroffen, aber auch nicht kalt und teilnahmslos. Das wirkte souverän, ganz der professionelle Moderator. Auch die Frage nach dem Zustand der Koalition - gut pariert: "Keineswegs untergehend, sehr seetüchtig", sagte er auf die Frage einer Journalistin, was er vom Vergleich der Bundesregierung mit der 1912 gesunkenen "Titanic" halte.

Doch schon als Seibert die Energiereise seiner neuen Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ankündigte und die Stationen an vier Tagen quer durch die Republik vorstellte, war ihm anzumerken, dass ihm das Thema doch fremd ist. Er versprach sich, rückte seine Krawatte zurecht, nippte wieder am Wasserglas. Und antwortete auf die erste Frage eines Journalisten gleich mit einer Gegenfrage: "Habe ich den Eindruck erweckt, die Regierungspolitik intellektuell nicht zu durchdringen?"

Seibert hat sich ein so einfaches wie auch sehr anspruchvolles Ziel gesetzt: Er will Politik erklären. Dem Angebot der Kanzlerin, ihr Regierungssprecher zu werden, habe er "mit heißem Herzen" zugesagt. Er schätze Merkels persönliches Auftreten und ihr Wertesystem. Später führte die Kanzlerin ihren neuen Regierungssprecher noch offiziell in sein Amt ein. Er werde "Zugang haben zu den eigentlichen Ecken und Räumen und Teilen, wo wirkliche Entscheidungen fallen", versicherte sie den Mitarbeitern des Bundespresseamts. Seibert reagierte höflich: "Ich freue mich riesig, ein Teil des Teams zu sein." Mit der nötigen Bescheidenheit und Demut verwies er auf seinen Vorgänger: "Ulrich Wilhelm war herausragend gut." Wenn er selbst dieses Niveau erreichen könnte, wäre schon viel geschafft: "Aber ich bin kein Klon. Ich werde meine eigene Form finden." Bis dahin aber muss Seibert noch trainieren, bohrende Fragen der Journalisten wortreich zu beantworten, auch wenn er einmal nichts weiß.

Nur eine halbe Stunde nach Beginn der Pressekonferenz musste er zum ersten Mal passen: "Keine Ahnung." Als zum selben Sachverhalt in verschiedenen Varianten nachgefragt wurde, stellte er fest: "Ich merke, Sie versuchen es mit verteilten Rollen immer wieder." Da tönte es aus dem Saal: "Willkommen in der Bundespressekonferenz." Das war für die Journalisten der Startschuss, mit den Fragen nun erst richtig anzufangen.

Hat es Drohungen der Energiekonzerne gegeben, alle Kernkraftwerke vorzeitig abzuschalten? Wird ein Fachminister die Kanzlerin begleiten? Hilfesuchend blickte Seibert in Richtung der Ministeriumssprecher, links und rechts von ihm. "Das Bundesumweltministerium ist an der Reiseplanung nicht beteiligt", kam die Antwortet und ließ erahnen, dass da ein Ressort sehr verärgert ist. Um welches Volumen geht es bei der Brennelementesteuer? "Gute Frage", antwortete Seibert und blickte wieder nach links und rechts. "Vielleicht kann das Ressort da helfen?" Schallendes Gelächter im Saal.

Die Fachkollegen springen bei

Und es dauerte lähmend lange Sekunden, bis der Sprecher des Bundesfinanzministeriums sagte, er könne über laufende Gespräche nicht sprechen. Dann sprang ihm die Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) bei und erklärte den Zeitplan für das Energiekonzept. Um 12.25 Uhr lehnte sich Seibert erschöpft in seinem Stuhl zurück. Nach einer Stunde und 25 Minuten war er erlöst.

"Ich bin froh, dass es vorbei ist", sagte Seibert der Morgenpost. Einen Moment dachte er nach und lachte. Eigentlich habe er es sich schlimmer vorgestellt. Ein Thema sei gar nicht angesprochen worden. Welches, verriet er nicht. Ein Regierungssprecher muss vielsagend schweigen können.