Kratzspuren

Türkischer Regierungschef im Streit mit einem 13-Jährigen

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan ist für seinen zuweilen etwas rauen Umgang mit vorlauten Bürgern bekannt. "Geh und nimm deine Mutter gleich mit", soll er einmal einem Mann gesagt habe, der mit dem Jammern nicht aufhören wollte.

Nun erregt ein neuer Fall Aufsehen: Erdogan soll in der Provinz Aydin einem 13-jährigen Jungen dermaßen in den Nacken gegriffen haben, dass seine Fingernägel tiefe Spuren hinterließen. Warum? Der Junge hatte ihm aus einer Menschenmenge heraus zugerufen: "Gott wird euch betrafen!" Gemeint war Erdogans Partei, die islamisch geprägte AKP.

Mustafa Özyurt heißt der Junge, sein Vater betreibt einen Elektrohandel. Das Geschäft läuft schlecht, in der Familie macht man die Wirtschaftspolitik der Regierung dafür verantwortlich. Erdogan ließ den Jungen von Leibwächtern zu sich holen und fragte ihn barsch, warum er das gerufen habe. Als der Junge erwiderte: "Ich mag euch nicht", grub Erdogan dem 13-Jährigen die Finger in den Nacken.

So zumindest schildert es auf Anfrage Mustafas Anwalt Kemal Aytac. Erdogan ließ den Jungen wieder fortbringen, seine Leibwächter übergaben ihn der Polizei. Dort musste er alles erklären, und dort wurden auch die Kratzspuren bemerkt. Ein entsprechendes Protokoll wurde aufgesetzt, und Mustafas Vater erstattete Anzeige gegen den Regierungschef wegen tätlichen Angriffs. Das blieb folgenlos, stattdessen kam eine Anklage gegen Mustafa: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nun Beleidigung einer Amtsperson vor. Der Prozess ist für den 8. September angesetzt.

Anwalt Aytac rechnet mit Freispruch, denn Erdogan war nicht als Amtsperson unterwegs, sondern als AKP-Chef im damaligen Kommunalwahlkampf - der Vorfall ereignete sich im März. Aber in den Medien wird das Beleidigungsverfahren ganz anders dargestellt, als es Erdogan lieb sein kann - mit Betonung auf den Fingernägeln. Und Anwälte wissen offensichtlich, was gut für sie ist. Etliche wollten Mustafa gemeinsam vertreten. "Der Fall wird Aufmerksamkeit erregen", sagt Kemal Aytac. "Anwälte mögen das."

"Der Fall wird Aufmerksamkeit erregen" Kemal Aytac, Rechtsanwalt

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