Geschichte

Folgenreiches Leck

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Sven Felix Kellerhoff

Geheime Papiere des US-Militärs, die zu Tausenden gegen den Willen der Regierung in Washington veröffentlicht werden: Der Vergleich zwischen den jetzt auf Wikileaks zugänglichen rund 92 000 Dokumenten über den Afghanistan-Krieg und den legendären "Pentagon Papers" über den Vietnamkrieg liegt nahe.

Deren Veröffentlichung vor 39 Jahren, im Juni 1971, war der Anfang vom Ende der Regierung von Präsident Richard Nixon, denn nach dieser Indiskretion weitete der Präsident die Tätigkeit seiner "Klempner" genannten Männer für "schmutzige Tricks" erheblich aus. Ein Vergleich der jetzt unter anderem durch die "New York Times" veröffentlichten Afghanistan-Unterlagen mit den "Pentagon Papers" zeigt allerdings, dass es sich um unterschiedliche Dimensionen handelt. Zwar ist die schiere Masse der Wikileaks zugespielten Unterlagen offenbar größer; die Relevanz dürfte aber viel niedriger sein.

Bei den "Pentagon Papers", auch bekannt als "Vietnam Archive" oder "McNamara Report", handelte es sich um eine 1967/68 auf Befehl des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara angefertigte interne Studie, die in 47 Bänden mit rund 3000 Seiten Bericht und etwa 4000 Seiten Dokumentenkopien nachzeichnete, wie sich die USA immer tiefer in den Vietnam-Konflikt verstrickten.

McNamara hatte die Auswertung geheimer Unterlagen in Auftrag gegeben, um ein genaueres Bild der Eskalation zu bekommen, an der er selbst jahrelang führend beteiligt gewesen war. Der Bericht, den rund drei Dutzend Pentagon-Beamte erarbeitet hatten, wurde für streng geheim erklärt und die rund 15 davon hergestellten Exemplare unter Verschluss gestellt.

Denn die Arbeit der Experten hatte klar gezeigt, dass gleich mehrere US-Präsidenten die amerikanische Öffentlichkeit über die Vietnam-Politik belogen hatten. Schon Harry S. Truman Anfang der Fünfzigerjahre und sein Nachfolger Dwight D. Eisenhower waren tiefer involviert gewesen als bekannt; unter John F. Kennedy wurde das militärische Engagement stark ausgeweitet, und unter Lyndon B. Johnson wurde systematisch ein Grund zur Ausweitung der Kämpfe gesucht und gefunden. Dass es sich bei diesem Bericht um politischen Sprengstoff höchster Brisanz handelte, war unübersehbar.

Zu den Personen, die dennoch Zugang zu dem Material hatten, gehörte der vormalige Oberleutnant und jetzige Militäranalytiker Daniel Ellsberg. Der Harvard-Absolvent hatte sich, durch eigene Anschauung in Vietnam, vom Befürworter zum entschiedenen Gegner des Kriegs entwickelt. Ende 1969 begann er, insgeheim Kopien von dem Geheimbericht anzufertigen - ein schwerer Verstoß gegen Geheimhaltungsvorschriften.

Ellsberg versorgte zunächst mehrere Mitglieder des US-Senats mit Auszügen. Denn sie hätten juristisch nicht belangt werden können, wenn sie das Material in Ausübung ihres Mandats bekannt machten. Doch keiner der Politiker war dazu bereit. Also ließ Ellsberg Auszüge in seinem Bekanntenkreis kursieren.

Auf diese Weise kam zuerst die "New York Times" an Teile des Materials, teilweise direkt von Ellsberg, teilweise aus einer anderen Quelle, die aber letztlich ebenfalls von dem Analytiker versorgt worden war. Am 13. Juni 1971 veröffentlichte die damals wichtigste Zeitung der USA den ersten Teil einer Serie mit Auszügen aus dem Bericht. Drei bis sechs ganze Seiten pro Ausgabe widmete die "Times" in den folgenden Tagen diesem Thema. Die Publikation kam wohl auch für Ellsberg überraschend.

Die Regierung in Washington schäumte. Das Justizministerium gab bekannt, es liege ein Verstoß gegen das Spionagegesetz vor, der mit 10 000 Dollar Geldstrafe, vor allem aber mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden könne. Das Weiße Haus verlangte, die Fortsetzung der Serie zu unterlassen, was die "Times" zurückwies. Als dann Nixon ein Verbot per einstweilige Verfügung erreichte, reichte Ellsberg Teile der Dokumente an 16 andere Zeitungen weiter, darunter die "Washington Post". Der Versuch, so vielen namhaften Blättern gleichzeitig die Veröffentlichung zu untersagen, musste scheitern. Als schließlich mehrere Senatoren die Veröffentlichung unterstützten und einer 4100 Blatt davon offiziell in einen an sich dafür völlig unzuständigen Parlamentsausschuss, nämlich das Sub Committee on Public Buildings and Grounds (Unterausschuss für öffentliche Bauten und Grundstücke) einbrachte, war die Vertuschungsstrategie der Regierung endgültig gescheitert.

Zugleich aber war durchgesickert, woher das Material stammte. Ellsberg hatte sich selbst wenig konspirativ verhalten. Dutzende seiner Bekannten in Washington wussten, dass er das Leck im Pentagon war. Nixons Männer für schmutzige Tricks brachen daraufhin bei Ellsbergs Therapeuten ein, um an Material zu gelangen, mit dem man ihn diskreditieren könnte. Monatelang wurde über Ellsbergs Verrat diskutiert. Er selbst begründete seinen Schritt: "Ich fühlte als amerikanischer Bürger, als verantwortungsbewusster amerikanischer Bürger, dass ich nicht länger mitwirken könnte daran, dass diese Unterlagen vor der Öffentlichkeit verborgen werden sollten."

Dennoch wurde Ellsberg angeklagt; die Höchststrafe hätte theoretisch 115 Jahre Haft betragen können. Als aber bekannt wurde, dass FBI und Polizei ihn ohne Gerichtsbeschluss abgehört hatten und außerdem Präsident Nixon durch die Watergate-Affäre immer tiefer in den Sumpf krimineller Machenschaften sackte, wurde das Verfahren gegen Daniel Ellsberg eingestellt.

Ihre besondere Brisanz bekamen die "Pentagon Papers", weil sie eine interne, schonungslose Analyse von zweifelsfrei echten Dokumenten enthielten. Die sogenannten Afghanistan-Protokolle sind demgegenüber nur Rohmaterial, noch dazu im Wesentlichen zu längst bekannten Fakten. Viele Details dürften neu sein, am Gesamtbild ändern sie nur wenig. Diese Dokumente sind, auch wenn authentisch, eben nur der erste Schritt und weit von einer schonungslos offenen internen Meinungsbildung entfernt. Ein Scoop ist die Veröffentlichung trotzdem.