Panikforschung

Wenn Menschenmassen Mauern zum Einsturz bringen

Wenn sich große Menschenmengen bewegen, besteht in aller Regel die Gefahr, dass durch ein unvorhergesehenes Ereignis eine Panik ausgelöst wird.

Dabei können Personen tödlich verletzt werden. Im Wesentlichen zwei Mechanismen sind hierfür verantwortlich: Zum einen können auf den Boden gestürzte Menschen von der nachfolgende Masse tot getrampelt werden. Zum anderen ist es möglich, dass die kräftig schiebende Menge Menschen an einem Hindernis oder Engpass zerquetscht.

Die von einer in Panik geratenen Menge erzeugten Kräfte können nämlich tonnenschwer sein und sogar Mauern und Stahlkonstruktionen zum Einsturz bringen. Wissenschaftler versuchen deshalb seit Jahren, die Dynamik der Panik zu ergründen, um vor Großveranstaltungen mögliche Gefahren rechtzeitig zu erkennen.

Riskante Pfropfenbildung

Ein Pionier der Panikforschung ist Professor Dirk Helbing, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Verkehr an der Technischen Universität Dresden. Er ist davon überzeugt, dass sich durch konsequente Berücksichtigung der Erkenntnisse moderner Forschung die Zahl der Opfer in einer Paniksituation drastisch reduzieren lassen könnte. Ganz verhindern, da sind sich die Experten einig, werden sich solche Ereignisse jedoch wohl nie lassen, weil die Mechanismen ihrer Entstehung einfach zu komplex und irrational sind. Beispielsweise starben bei einem Rockfestival in Roskilde im Jahr 2000 acht Menschen bei einer Panik, die durch den Ausfall von Lautsprecherboxen verursacht wurde.

Was die Erforschung von Panikprozessen erst ermöglicht, ist der Umstand, dass es letztlich nicht auf das individuelle Verhalten Einzelner ankommt, sondern Menschenmengen in Panik sich ganz ähnlich wie Flüssigkeiten oder Gase verhalten. Damit wird die Simulation von Menschenmassen mit Modellen aus der Vielteilchenphysik möglich. Generalisierte Verhaltensmuster strömender Menschenmassen werden als wechselseitige Kräfte zwischen Personen (Teilchen) in mathematischen Gleichungen abgebildet. Ein Computer kann dann etwa berechnen, wo es bei einer Panik zur Pfropfenbildung und damit zu einer sehr gefährlichen Situation kommen könnte.

Längst gibt es gesicherte Wahrheiten: Eine allgemein bekannte Grunderkenntnis der Panikwissenschaften ist, das ein einziger Zu- oder Ausgang stets ein großes Risiko birgt. Mehrere Zuwege bieten der Menschenmenge dagegen Entlastungsmöglichkeiten. Unbedingt zu vermeiden sind bei Fluchtwegen Ausbuchtungen, also vorübergehende Erweiterungen des begehbaren Korridors. Denn die Menge strömt unweigerlich in diese Ausbuchtungen. Es werden dabei aber nur scheinbar Überholvorgänge möglich. Tatsächlich entsteht am Ende der Verbreiterung stets ein höherer Druck, der dann das Risiko von bösen Verletzungen birgt. Auch das Aufstellen sogenannter Wellenbrecher - künstlicher Hindernisse, die an geeigneten, im Computer berechneten Stellen Menschenströme kanalisieren sollen - kann die Folgen einer möglichen Panik verringern.

Hilfe bei Großveranstaltungen

Längst hat die Panikforschung den Elfenbeinturm der Wissenschaft verlassen. Private Firmen bieten bereits kommerzielle Hilfe an, wenn es um das Panikmanagement bei Großveranstaltungen geht. So haben beispielsweise die Münchner Siemens-Wissenschaftler Gerta Köster und Wolfram Klein ein Prognosesystem entwickelt, das die Dynamik von großen Menschenströmen in Echtzeit - das heißt mit einigen Minuten Vorwarnzeit - vorhersagen kann. An den kritischen Ausgängen des Fußballstadions in Kaiserslautern wird diese Technik eingesetzt - bislang mit Erfolg. In Duisburg hat man sich offenbar nicht genug an die Erkenntnisse der Wissenschaftler gehalten.