Extremismus

Zwischen Kopftüchern und Vorurteilen

Ludmilla Niesen, geboren vor 32 Jahren in Tadschikistan, jetzt wohnhaft in einem sanierten Plattenbau in Dresden-Johannstadt, macht weder auf Russisch noch auf Deutsch gern viele Worte. Deshalb zeigt sie ihr Handy, ein abgegriffenes, goldenes Gerät der Firma Motorola, schweigend vor - wie ein Beweisstück.

- Dann spricht sie doch: "Die arme Frau hat die Polizei gerufen. Aber nicht mit ihrem Handy, sondern mit meinem. Wir haben ihr damals geholfen."

Niesen steht auf einem Spielplatz, der kaum 50 Meter von ihrem Wohnblock entfernt liegt. Eine Tischtennisplatte, ein Klettergerüst und zwei Schaukeln. An dem verfluchten Tag im August 2008 war sie auch hier - heute wie damals mit ihrem Sohn Artur (heute zehn), ihrer Freundin Olga Korol und deren Sohn Alexander. Damals wurden sie Zeuge einer Begebenheit, deren Folgen heute Deutschland und die islamische Welt in Atem halten. Sie haben die Tragödie nicht verhindern können und haben auch nur ein neues Detail zur Geschichte beizutragen. Aber das ist ihnen wichtig. Olga Korol, die anders als ihre Freundin fließend Deutsch spricht, erklärt, warum: "Wir sind unglücklich, dass die Leute jetzt so schlecht über uns Russlanddeutsche reden. Das ist sehr ungerecht."

Bislang ging die Geschichte so: Marwa al-Sherbini, die Frau eines ägyptischen Genforschers, traf auf einem Dresdner Spielplatz auf den arbeitslosen Russlanddeutschen Alex W. Sie bat ihn, eine Schaukel für ihren dreijährigen Sohn zu räumen, er beschimpfte die Muslima, die ein Kopftuch trug, als "Islamistin" und "Terroristin". Die Frau rief die Polizei und zeigte den Mann an. Es kommt zur Verhandlung. Im Gerichtssaal zieht W. ein Messer und ersticht al-Sherbini. Ein herbeigerufener Polizist schießt und verletzt den Ehemann, der mit dem Angreifer ringt, am Bein.

Schwarzer Peter weitergereicht

Aus dieser Tragödie machen Radikale in arabischen Ländern die Erzählung vom rassistischen Deutschland, in dem die Menschen Kopftuchträgerinnen hassen und der Staat zulässt, dass sie ermordet werden. Erstaunlich ist, dass auch selbst ernannte "Vertreter der Migranten" in Deutschland diese These stützen: So bezeichnet der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland die Ermordete als ein "Opfer der Islamophobie in Deutschland". Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, sagt dem iranischen Staatsrundfunk, der Mann der Ermordeten sei "sicherlich aus rassistischen Gründen von einem Polizisten angeschossen worden". Schiffer, die die Islamkonferenz von Innenminister Schäuble berät, schließt das Interview mit den Worten: "Früher die Juden. Heute die Muslime."

Auf die massiven Vorwürfe reagiert die deutsche Öffentlichkeit, der die politische Dimension des Mordes zuerst entging, verunsichert. Die Medien schauen erst spät nach Dresden und zeichnen dann ein Bild von der Fremde im eigenen Land: Randgruppen - Muslime und Russlanddeutsche - trügen am Rande der Gesellschaft ihre eigenen Konflikte aus. Tenor: Der mutmaßliche Mörder ist gar keiner von uns. Oder sollte keiner sein.

Auch in Dresden wird in diesen Tagen erleichtert entdeckt, dass der Täter einer Minderheit angehört. Am Freitag gibt ausgerechnet die Ausländerbeauftragte Marita Schieferdecker-Adolph der Lokalzeitung ein Interview unter der Überschrift: "Hier gibt es eine aggressive Minderheit", in der sie von "ungutem Nährboden" spricht und davon, dass es unter jungen Aussiedlern "den Hang, NPD zu wählen", gäbe. Statt sich mit dem Rassismus-Vorwurf aus der islamischen Welt auseinanderzusetzen, wird der schwarze Peter einfach weitergereicht: Nicht wir Deutschen sind es gewesen, sondern die Russlanddeutschen.

Kopftuchhass? Bei Russlanddeutschen? Dagmar Zilger hält das für einen Witz: "Unsere Babuschkas kommen doch selber mit Kopftuch hier bei uns an." Seit Zilger nach der Wende nicht mehr in der Lehrerausbildung arbeiten durfte, betreut sie Russlanddeutsche. Die Referentin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband glaubt nicht an die Existenz einer russlanddeutschen Parallelgesellschaft: Von der Mentalität seien die Russlanddeutschen den Bewohnern der neuen Bundesländer ähnlicher als diese den Westdeutschen, behauptet Ziegler: "Deren Schock bei der Ankunft in Deutschland ist vergleichbar mit dem Kapitalismusschock, den wir DDR-Bürger nach der Wende erlebten." Wenn ihr am Frauentag Männer mit Schlips Blumensträuße überreichen, könne sie glatt nostalgisch werden. Sekundärtugenden und Gemeinsinn - die Russlanddeutschen ständen für die Werte, die viele Ostdeutsche heute, "wo sich jeder selbst der Nächste ist", vermissten, meint Zigler.

Klischees passen nicht

Wladimir Kaminer, 1991 von Moskau nach Berlin gekommen, schreibt eher über das fröhliche Chaos der multikulturellen Gesellschaft - seine Bücher über russische Einwanderer sind Bestseller. Die Leser mögen seinen Witz, aber jetzt ist plötzlich Schluss mit lustig: "Heute haben schon zwei russischen Zeitungen bei mir angerufen und nach den Russlanddeutschen gefragt", berichtet Kaminer. Dort läse man gern von den Rechtsradikalen, die man glücklicherweise in Richtung Deutschland losgeworden sei. "Die Russlanddeutschen haben nirgendwo eine gute Presse, das ist wirklich ungerecht", sagt Kaminer. Dabei seien sie geradezu ideale Einwanderer, die für wenig Geld harte Arbeit etwa in der Landwirtschaft machen und in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. Die Wirtschaftskrise, die viele einfache Jobs vernichte, sieht er als ein größeres Integrationshindernis als den kulturellen Hintergrund: "Deutschland verändert sich doch mittlerweile so schnell, dass sich auch die Deutschen neu integrieren müssen."

Wenn Integration auch optische Anpassung bedeutet, ist Alexander Niesen noch nicht wirklich weit gekommen. Der Mann von Ludmilla trägt das blau-weiß geringelte Unterhemd, das er in der russischen Armee bekam. Seinen Gürtel hat ihm seine Schwiegermutter aus Saratow mitgebracht. Seine rasierte Glatze nannte man in der DDR "Russenschädel". 25 Fallschirmabsprünge hat er in der russischen Armee gemacht und die dort üblichen Gewalterfahrungen durch ältere Rekruten. In Dresden stapelt er Leergut, acht Stunden am Tag. Er radebrecht schleppend, aber mit sächsischem Akzent. Sein Hobby ist Fußball. Er ist Torwart beim FC Borea, aber bis vor einem Jahr spielte er bei Galatasaray Dresden, einem Türkenklub. Ein Multikulti-Märchen war das nicht: "Die Türken kamen in die erste Mannschaft. Alle anderen in die zweite."

Zu Niesen kam die Polizei, nachdem der Mörder von Marwa al-Sherbini verhaftet wurde: "Weil ich ihn kannte. Er wohnt hier in der Nachbarschaft, wir haben zusammen eine Ausbildung zum Lagerarbeiter gemacht." Alex W.s Jähzorn sei bekannt gewesen: In der Berufsschule habe er einmal ein Schnappmesser gezogen. "Da haben ihn schnell sieben oder acht Leute gepackt."

Niesen identifiziert sich mit dem ägyptischen Ehemann, der sich vor seine Frau warf, und fühlt sich dem Mann fern, der wie er in Russland geboren wurde und bei der Armee das Töten lernte und nun Deutscher ist. Was hat den einen zum Mörder gemacht und den anderen zum Familienvater, der Extraschichten schiebt? Die Antwort ist schwierig. In der Herkunft der Menschen und in deren Milieu allein kann sie nicht liegen.

Niesens Frau Ludmilla und ihre Freundin Olga Korol sind traurig, dass Russlanddeutsche jetzt als potenzielle Mörder gelten. Deshalb gehen sie noch einmal zum Spielplatz und erzählen, wie sie den fatalen Streit im August 2008 erlebten: Sie saßen auf der Bank und beobachteten ihre spielenden Kinder.

Gemeinsamer Protest

Ein deutscher Vater mit seinem Kind war ebenfalls da. Und Alex W., der das Kind einer Verwandten auf dem Spielplatz beaufsichtigte. "Er ist uns sofort aufgefallen, weil er auf dem Spielplatz rauchte. Das macht sonst keiner", erinnert sich der zehnjährige Artur. Die Zigarette blieb nicht die einzige Verhaltensauffälligkeit: Aus dem Mann brach der Hass wie ein Vulkan, als Marwa, die als Letzte auf dem Spielplatz ankam, W. wegen der Schaukel ansprach: "Er hat die Frau mit dem Kopftuch beschimpft wie ein Verrückter", berichtet Korol.

Die Worte "Terroristin" und Islamistin" fielen, aber ihr bleibt vor allem die Art des Ausbruchs in Erinnerung: "Er hörte überhaupt nicht mehr auf und schimpfte minutenlang." Jetzt aber griffen die anderen Eltern auf dem Spielplatz ein. Sowohl der deutsche Vater als auch die russlanddeutschen Mütter stellten den Wüterich zur Rede: "Wir haben ihm erst auf Deutsch und dann auf Russisch gesagt, dass er sich ungebührlich verhält", erinnert sich Korol. Daraufhin wechselte W. die Sprache, blieb aber auch auf Russisch ausfallend: "Er hat uns mit Begriffen beschimpft, die so vulgär sind, dass ich sie nicht übersetzen möchte", sagt Korol.

Marwa reichte es da, sie rief laut, ob ihr jemand ein Handy leihen könnte, um die Polizei zu holen. Ludmilla reichte ihr das goldene Motorola, was eine erneute Kanonade von Invektiven ihr gegenüber provozierte. Marwa rief dann mit Ludmilla Niesens Handy die Polizei. Zwei Wagen und vier Beamte kamen innerhalb von fünf Minuten und sprachen mit der Ägypterin, ihrem späteren Mörder und dem deutschen Vater als Zeugen. Mit den russlanddeutschen Frauen sprachen sie nicht. "Die Polizei hat von uns gar keine Notiz genommen, obwohl wir dort waren", erzählt Korol. Sie sei überrascht gewesen, dass die Polizei nicht den Störer mitnahm, sondern die junge Frau.

Die Erzählung der Frauen und ihrer Söhne bestätigt die bisher bekannten Fakten. Aber sie stellt die gängigen Interpretationen vom Konflikt unterschiedlicher Einwanderergruppen infrage. Auf dem Spielplatz hat sich ein Mann wie ein Psychopath benommen. Die Eltern haben sich dagegen gewehrt. Ausländer, Deutsche und Russlanddeutsche - gemeinsam.