Berliner Tagebuch

Ein Leben zwischen Graffiti, Fahrrad-Initiativen und Ein-Euro-Jobs

| Lesedauer: 2 Minuten
Christoph Stölzl

In der Zossener Straße in Kreuzberg fällt ein Haus vollkommen aus der Reihe heraus: Es ist knallrot angestrichen. Rundum - oder genauer - eckig um die Fenster herum ist eine Umrandung aufgemalt, die scharfen Kontrast bildet: hellgelb, leuchtendes Blau, Grün und Lila, leuchtendes Weiß.

So etwa haben sich einst die Bauhaus-Leute menschenfreundliche Fassaden vorgestellt. Irgendein Vandale, dem Schönheit schnurz ist, hat natürlich seine langweilige Signatur auf den weißen Rundbogen rund um das Haustor gesprayt. Man sieht es und wird sofort zornig auf die widerliche Rempler- und Ellbogen-Ideologie, die als hässliche Wahrheit hinter dem Gefasel von "Kreativität und alternativer Kunst" steht.

Man merkt an der Farbkomposition sofort, dass hier ein ganz besonderer Geist am Werk war. Ein Ausrufezeichen ist diese Farbpalette: Seht her, wir machen es anders als die anderen! Links neben der Tür ist ein kleines Gemälde zu sehen: ein weißes Lämmchen ruht auf grüner Wiese, Symbol des Friedens.

Das will man doch genauer wissen. Also hinein in die offene Ladentür. Drinnen Halbdunkel, es riecht gut nach Metall und Öl: eine Fahrradwerkstatt. Kein Show-Room fürs Chromblitzende, hier wird geschraubt und montiert und sonst nichts. Hinter der Werkbank ein Mann um die 50, rundes Gesicht, kurze Haare. Er meint: das Haus gehöre einer Eigentümergemeinschaft, die wohl aus früheren Hausbesetzern besteht. Und ums Haus herum gebe es viele Sozialinitiativen.

Aber auch mit den Fahrrädern hat es seine eigene Geschichte. "Velo-fit" ist ein pädagogisches Unternehmen. Entstanden ist es aus dem Ärger eines reformfreudigen Anwohners, dem innerhalb von einer Woche dreimal das Fahrrad gestohlen wurde. Statt auf Polizei und Justiz zu hoffen, kam im die Idee, das Jugend-Klima im Kiez selbst zu verändern. Und es entstand eine Lehrwerkstatt, um die Kids von der Straße zu holen. An drei Tagen kommen 10 bis 20 Jungs herein, lernen Fahrräder zu reparieren, erfahren Teamarbeit und Konzentration, haben Erfolge, verlieren im besten Fall ihre Aggressivität. Getragen wird das alles heute von der Berliner Stadtmission, die auch Sozialarbeiter schickt. Die Kunden spenden geringe Anerkennungs-Summen. Die Probleme des Mannes an der Werkbank kann "Velo-Fit" leider nicht lösen. Er ist arbeitsloser Schlosser, Ein-Euro-Jobber. Seine Qualifikation sank rapide im Wert, als nach dem Ende der DDR allzu viele Mechaniker auf den Arbeitsmarkt strömten.

Die Tür geht auf, ein Schweizer rumpelt herein und beschwert sich über falsche Bremsen-Montage.

Auch bei philantropischen Fast-Null-Tarifen wollen Kunden offenbar Könige bleiben.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de