Interview

"Im neuen Korea-Konflikt gibt es viele Fragezeichen"

Im Konflikt um die Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffs erhöhen die USA den Druck auf Nordkorea. Außenministerin Hillary Clinton erklärte gestern in Seoul, es gebe überwältigende Beweise für die Schuld Nordkoreas an dem Schiffsuntergang im März.

Für Markus Tidten von der Forschungsgruppe Asien der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin gibt es dagegen viele Fragezeichen. Carolin Brühl sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost: Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein? Hat der Norden wirklich mobil gemacht, oder ist das Propaganda?

Markus Tidten: Die Lage ist sehr unübersichtlich. Die sich immer weiter verbreitende Meinung, Nordkorea habe die südkoreanische Korvette mit Torpedos beschossen, ist offenbar unumstößlich geworden.

Berliner Morgenpost: Stimmt das denn nicht?

Markus Tidten: Es gibt eine ganze Reihe von Fragezeichen. Eines ist, dass die Parteiführung in Nordkorea nach wie vor vehement jede Verantwortung abstreitet. Das passt nicht in die Logik der bisherigen Politik.

Berliner Morgenpost: Was würde Nordkorea tun, wenn es den Torpedo abgefeuert hätte?

Markus Tidten: Die Sprachregelung in Nordkorea war immer so: "Wir als souveräner, starker Staat lassen uns nicht bedrohen. Wir wehren uns sofort!" Da wäre es eigentlich logisch gewesen, dass man den Beschuss der Korvette zugegeben hätte. Man dementiert es aber vehement. Auch wenn man ein bisschen genauer in den Text der sogenannten internationalen Expertenkommission hineinblickt, dann steht da eigentlich nur, das sei die "plausibelste Erklärung". Das zweite große Fragezeichen ist, dass just zur selben Zeit das südkoreanisch-amerikanische Manöver "Foul Eagle" stattfand. Die Marineeinheiten beider Länder führten das Manöver in der Nähe der umstrittenen innerkoreanischen Grenzlinie durch. Aufgabe dieses Manövers war schon immer, zu trainieren, wie man Angriffe von U-Booten abwehren kann. Mein Fragezeichen ist jetzt: Wenn da die versammelte Hightech südkoreanischer und US-amerikanischer U-Boot-Jäger vereint ist, wie kann es dann sein, dass man keine klaren Auskünfte hat über Kurs, Zeitpunkt und Anzahl nordkoreanischer U-Boote? Das dritte Fragezeichen ist: Wir haben am 2. Juni Wahlen in Südkorea, die jetzige Lee-Regierung ist eine nationalkonservative, die natürlich einen Nutzen ziehen kann aus einem Feindbild Nordkorea. Das mobilisiert ja auch Wählerstimmen. Ein weiterer Punkt ist die südkoreanisch-amerikanische Allianz, einer der ganz wichtigen Faktoren der amerikanischen Nord-Ost-Asienpolitik. Die USA haben ungefähr 30 000 Mann in Südkorea. Sollte es zu viel Sonnenschein und Harmonie zwischen den Bruderstaaten geben, entfällt der Grund für die US-Präsenz.

Berliner Morgenpost: Gibt es Beweise, dass Nordkorea seine Truppen an der Grenze zu Südkorea zusammenzieht?

Markus Tidten: Die Formulierung "Wir haben mobil gemacht" gab es immer schon. Auch Südkorea ist inzwischen auf diese martialische Rhetorik aufgesprungen. Es ist schon eine recht prekäre Situation, aber es gibt nur zwei Deutungsmöglichkeiten, entweder die Nordkoreaner waren es wirklich nicht, oder es gibt einen ernsthaften Dissens zwischen militärischer und Parteiführung. Das würde Rückschlüsse zulassen auf die Machtsituation in Nordkorea.