Berliner Tagebuch

Sonnenallee/Ecke Fuldastraße: Eine Reise in das Neukölln der Achtziger - und zurück

An der Kreuzung Sonnenallee/Fuldastraße geht es so quirlig zu wie in New Yorks Lower East Side. Migrationsdschungel - Anteil der Kommunikation in deutscher Sprache geschätzte 25 Prozent. Tausend und ein Geschäft mit orientalischem Namen.

Und wo es von weitem noch "Galerie Berlin" heißt, zeigen sich aus der Nähe goldene Sultansthrone - "Schenne Sachen! Wir machen Nachgemacht in Ägypten". In der "Bahdija-Bäckerei" liegen Gipsmodelle von üppigen Torten, eine verziert mit dem Porträt einer jungen Kopftuchschönheit.

War es hier, wo in den 1980er Jahren die Bäckerei Nowak hieß und die stattliche Verkäuferin an der Schrippentheke mit den Bauarbeitern flirtete? Sie sprach anzüglich: "Kann ich noch etwas für Sie tun?". Und wenn die Männer beim Kaffee am Stehtisch ihre Muskeln spielen ließen, kam sie mit schwingenden Hüften, befühlte die hingestreckten Oberarme und nickte anerkennend: "Na, da kann man nicht meckern!"

Gar nichts zu meckern gibt es auch über das Buch, in dem sich diese und Hundert andere farbig geschriebenen Szenen aus dem Neukölln der 1980er Jahre finden. Johannes Groschupfs "Hinterhofhelden", das in diesem Frühjahr in die Buchhandlungen kommt, ist ein Meisterwerk, besonders auch in der Wiedergabe des Berlinischen.

Lakonisch, in einem Ton, der alles Überflüssige hinter sich gelassen hat, mit einer Beobachtungsgabe von hoher Sensibilität werden die Abenteuer eines jungen Mannes namens Hans Odefey erzählt, der aus idyllischer Provinz nach Berlin reist, um Germanistik zu studieren. Das Studium kommt ihm schon auf den ersten Seiten des Romans abhanden. Danach lebt Hans im Hinterhof der Fuldastraße und tut nicht viel. Ein wenig Fotografieren, ein wenig Taxifahren, ein wenig Hilfsarbeit auf dem Bau. Aber was er erlebt mit den Menschen des damals sehr stillen Neukölln, das ist so präzise, so menschlich ergreifend, anrührend und komisch erzählt, dass die drei Jahre sich zum unvergesslichen Kosmos runden.

Der abgebrochene Student Hans O. wird von der Hausmeistersfrau verführt, er liebt und verliert eine poetische Kellnerin, er hilft Trinkerinnen die Treppe hoch und wird dafür beschimpft. Er lernt das Volk von Berlin kennen, wie es wirklich ist - rau, fatalistisch, herzlich, wortgewaltig. Am Ende prügelt er sich mit Herrn Pilarski, dem Hausmeister, besiegt ihn zur Überraschng aller und verlässt Neukölln für immer.

Ziemlich wenig? Ziemlich viel!

Ich habe an Hans Castorp gedacht, den Helden von Thomas Manns "Zauberberg". Auch er taucht auf Zeit ein in eine fremde Welt, erlebt sie staunend - und wir mit ihm. Ergiebig im Menschlich-Allzumenschlichen wie das Davos von 1911 ist das Neukölln von 1985 allemal. Und das von heute erst recht.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de