Amoklauf

"Meinst du, wir finden noch eine Schule?"

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Igor Wolf war zur falschen Zeit am falschen Ort. Der falsche Ort war der Parkplatz einer Klinik in Winnenden, und die falsche Zeit war Mittwoch, der 11. März 2009, 9.47 Uhr. Wolf wartete auf seine Frau, als jemand plötzlich die rechte Hintertür seines Autos aufriss und hinein sprang.

- Tim K. hatte gerade 13 Menschen erschossen, ein Massaker angerichtet. Nun saß er in Wolfs grünem VW Sharan. "Ich habe ihn gefragt: Was willst du? Was willst du von mir? Da hat er mit die Pistole ins Gesicht gehalten. Ja spinnst du denn, habe ich gesagt. ,Jetzt fahr endlich los!'"

In einem exklusiven Gespräch mit dem Magazin "Stern" erzählt der Kfz-Mechaniker und Vater von zwei Töchtern von seiner zweistündigen Irrfahrt mit dem Amokläufer.

Die Geiselnahme

Tim K. hatte keinen Plan, als er zu Wolf in den Wagen stieg. Wolf fragte den Amokläufer, wohin er denn fahren solle. "Einfach los, geradeaus, raus aus Winnenden", habe der geantwortet.

Tim K. sei nervös gewesen. Und er wusste nicht genau, wie viele Menschen er zu diesem Zeitpunkt getötet hatte. "Ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles", habe er gesagt, dabei waren es zu diesem Zeitpunkt noch 13 Opfer, zwölf in seiner ehemaligen Schule und ein Angestellter der Klinik von Winnenden.

"Uns kamen viele Polizeiwagen entgegen, alle hatten Blaulicht und die Sirenen an, und er hat gesagt, 'Verdammt, die sind aber schnell, noch nicht einmal fünf Minuten, und die sind schon da. Aber ich war auch schnell'", berichtet Wolf. Sofort sei ihm die Gefahr der Situation klar gewesen. Wolf, der 1991 aus Kasachstan als Spätaussiedler nach Deutschland kam, hatte in der sowjetischen Armee gedient. Er erkannte, dass die Waffe scharf war. Tim K. hatte sie ihm beim Einsteigen ins Gesicht gehalten und versucht, sie während der Fahrt aus Winnenden heraus zu verbergen. "Du hast aber ein schönes Gerät", sagte Wolf zu dem Amokläufer, "9 Millimeter?" Ja, habe Tim geantwortet. Er trug die Neun-Millimeter-Beretta-Pistole mit sich, die er aus dem Schlafzimmer seiner Eltern genommen hatte. Tim K. habe ihn nicht nach seinem Namen gefragt, "und ich wollte seinen auch nicht wissen".

Die Angst

Igor Wolf sagt, er habe keine Angst vor dem Tod gehabt, "komischerweise nicht". "Ich habe immer nur daran gedacht, wie ich verhindern kann, dass er noch mehr Menschen tötet." Deshalb sei er an roten Ampeln auch nicht ausgestiegen, nicht geflohen. Obwohl er überlegte: "Springst du jetzt raus und rennst weg?" Dabei hätte Wolf einen Fluchtversuch wagen können: Genau wie Tim K. war er nicht angeschnallt. Wolf hatte sich das abgewöhnt, nachdem zwei Freunde von ihm bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen waren, obwohl sie angeschnallt gewesen waren. Ein Freund hatte einen Unfall überlebt - er war nicht angeschnallt.

Als sie durch Tübingen fuhren, hielten sie an einer Ampel. "Da habe ich darüber nachgedacht, einfach die Tür aufzureißen und wegzulaufen. Aber da waren viele Leute, die gingen ihrer Wege, eine Frau mit Kinderwagen, andere Kinder." Wolf entschied sich, im Wagen zu bleiben. Weil Tim K. sonst geschossen hätte. "Er hätte sofort angefangen. Ich wusste das, weil er sich darauf vorbereitet und es von Anfang an angekündigt hatte. Ich wusste: Je länger es dauert, desto gefährlicher wird es, desto mehr dreht der da hinten durch. Du musst was tun, habe ich zu mir gesagt. Nur nicht in einer Ortschaft." Wolf dachte auch daran, einfach gegen einen Baum zu fahren, "und dann wäre es das gewesen: ich oder er". Davon abgehalten habe ihn der Gedanke an seine Töchter, "was wird mit den Kindern, wenn dir etwas zustößt? Ich muss es so machen, dass kein anderer verletzt wird und ich am Leben bleibe."

Das Töten

"Wenn seine Eltern behaupten, er habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anders erlebt, der war irre." Einmal fragte Tim K. ihn, woher er komme. "Aus Russland, habe ich gesagt, weil er ja sicher Kasachstan nicht kannte, ich bin Russland-Deutscher - 'Ja, ja', sagte er. - Sag bloß nicht, dass du Ausländer hasst, habe ich ihm gesagt. 'Nein', hat er geantwortet, 'das ist schon okay.'"

Klar gemacht habe Tim K., dass er noch mehr Menschen töten wollte. "Meinst du, wir finden noch eine Schule", habe ihn der Amokläufer etwa gefragt. Und als sie vor Stuttgart in einem Stau zum Stehen kamen, sagte Tim K.: "Soll ich jetzt mal rausgehen, ein bisschen schießen, ein bisschen Spaß haben?" Beklagt habe sich Tim K. außerdem darüber, dass er sein Messer während des Amoklaufs verloren habe. "Für was brauchst du ein Messer, habe ich ihn gefragt - 'Na ja, vielleicht um jemanden abzustechen?'"

Zwischen diesen Gesprächen über das Töten hat es aber auch Phasen des Schweigens gegeben, in denen Tim K. etwa seine Magazine mit Patronen auffüllte, mit den Kugeln in seiner Jackentasche spielte. Und er hat sich eine Clementine genommen, die Wolf zwischen Fahrer- und Beifahrersitz liegen hatte. Ohne zu fragen.

Die Flucht

Es war auf der Bundestrasse 313, als Igor Wolf seine Chance sah. Ein Streifenwagen stand am Straßenrand. Wolf fuhr eine lang gezogene Kurve und riss bei 60 Stundenkilometern das Steuer herum. Gleichzeitig sprang er aus dem Auto. "Ich bin im Zickzack weggelaufen, damit er mich schwerer treffen konnte." Wolf rannte weiter. "Das Letzte, was ich von ihm gesehen habe, ist, dass er hinten am Wagen stand." Schließlich erreichte er die Polizisten. "Als ich bei denen ankam, konnte ich kaum reden, ich hatte wohl auch einen Schock, habe kaum Luft bekommen. Waiblingen, habe ich erst gesagt, dann: Winnenden." Mühsam gelang es Wolf, seine Geschichte zu erzählen. Drei Polizeiautos waren inzwischen da. Tim K. jedoch war schon wieder auf der Flucht. Er lief in Richtung eines Industriegebietes nahe der Unfallstelle, tötete zwei Menschen in einem Autohaus, verletzte noch zwei Polizisten schwer, bis er sich schließlich selbst ein Ende setzte.

Die Zeit danach

"Nein, ich halte mich nicht für einen Helden", sagt Wolf. "Als ich dann am Abend meine Kinder wiederhatte, sie im Arm hatte, das war schwer", fügt er hinzu. "Weil ich in diesem Moment an all die toten Kinder von Winnenden denken musste."