Zehn Jahre Attac

Der Feind heißt Globalisierung

Schon der Name suggeriert Krawall und Protest - und das ist auch so gewollt. Attac vereint Kritiker der Globalisierung in aller Welt. Das Netzwerk organisiert Kampagnen, Aktionen und Demonstrationen. Im Juni 1998 hatte sich die Bewegung in Frankreich konstituiert.

Heute vor genau zehn Jahren trafen sich 120 Attac-Sympathisanten in Frankfurt zur Gründung einer deutschen Sektion. "Wir hatten ein Unwohlsein mit der Globalisierung", erinnert sich Attac-Mitbegründer Peter Wahl.

Rund 22 500 Mitglieder sind heute bundesweit in 200 Ortsgruppen organisiert. 240 Organisationen von Ver.di bis zu Pax Christi sind Mitglied bei Attac. Das ebenso breite wie unübersichtliche Bündnis hat die "neoliberale Globalisierung" zum Feindbild erkoren. Die Attacies, wie sie sich selbst nennen, eint vor allem die Hoffnung, eine bessere Welt schaffen zu können. Attac war aber zumindest in den ersten Jahren auch ein Sammelbecken für Linksextremisten. Der Verfassungsschutz warnte noch im Jahr 2006, die Attac-Bewegung werde von trotzkistischen Zellen unterwandert.

Wieder mehr Lärm machen

Heute kokettiert der ehemalige CDU-Generalssekretär Heiner Geißler damit, Mitglied bei Attac zu sein, und fordert wieder "mehr Propaganda" und "mehr Lärm". Attac-Mitbegründer Sven Giegold dagegen hat der Bewegung den Rücken gekehrt und sitzt jetzt für die Grünen im Europaparlament. Die ehemalige Attac-Geschäftsführerin Sabine Leidig ist für die Linkspartei in den Bundestag eingezogen. Attac kann allenfalls Themen setzen, aber keine Politik gestalten.

Mit den Protesten auf dem G-8-Gipfel in Genua hatte Attac im Juni 2001 erstmals lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Der G-8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm war die bislang letzte medienwirksame Aktion, die Attac maßgeblich mitorganisiert hatte. Seither ist es stiller geworden. Morgen feiern die Mitglieder den Geburtstag in Frankfurt. Für April lädt Attac zu einem "Bankentribunal" nach Berlin ein, um die "systemischen Ursachen der Finanzkrise" und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.

Vor zehn Jahren war es noch eine Provokation, als Attac die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, eine sogenannte Tobin Tax, forderte. Heute mahnt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Regeln für die internationalen Finanzmärkte an. "Merkel redet, als wäre sie bei Attac eingetreten", sagt Detlef von Larcher, Mitglied im Attac-Koordinierungskreis und ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter. Er nimmt für Attac in Anspruch, "die politische Landschaft verändert zu haben".

Doch es ist vor allem die Finanzkrise, die ein Umdenken in der Politik bewirkt hat. Die Entwicklung hat Attac zwar recht gegeben - aber der Bewegung zugleich den rebellischen Wind aus den Segeln genommen. "Es ist gut, dass Attac die Finger in die Wunde hält", sagt Carl-Ludwig Thiele, Fraktionsvize der FDP im Bundestag. Es müssten aber auch die Chancen der Globalisierung herausgestellt werden.

Zehn Jahre nach der Gründung ist Attac in Deutschland auf der Suche nach einem neuen, einem schärferen Profil. Da geht es den Globalisierungskritikern ähnlich wie den Grünen, denen 30 Jahre nach ihrer Gründung ihr Alleinstellungsmerkmal abhandengekommen ist. Ökologie ist nicht mehr nur ein Thema der Grünen, inzwischen sorgen sich fast alle Parteien um die Umwelt. Und so gehört auch die Attac-Forderung nach einer Regulierung der Finanzmärkte inzwischen zum Mainstream.

Kritik an der "neoliberalen Globalisierung" bleibe trotzdem notwendiger denn je, sagt Franziska Drohsel, Juso-Chefin und Attac-Mitglied. Die Bewegung müsse sich weiterhin kritisch in das gesellschaftliche Geschehen auch in Deutschland einmischen - so wie Attac in den vergangenen Jahren auch gegen den Irak-Krieg demonstriert und die Sozialproteste gegen die Arbeitsmarktreform Hartz IV unterstützt hat. In Jena zum Beispiel hat die Attac-Ortsgruppe ein Bürgerbegehren gegen die Privatisierung der Stadtwerke organisiert.

Die Bereitschaft, sich in seinem lokalen Umfeld zu engagieren, führt der Magdeburger Sozialwissenschaftler Roland Roth auch auf die Tradition der Bürgerinitiativen in Deutschland zurück. Als Gegenbewegung zur überpolitisierten Studentenbewegung der 60er-Jahre wollten viele Menschen unabhängig von politischen Lagern konkret etwas tun. Davon profitiert heute letztlich auch Attac.

Diskussionen sind erwünscht

Wirtschaftsverbände halten sich bis heute mit Kritik an Attac eher zurück - weil sie fürchten, die Bewegung damit aufzuwerten. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), sieht dagegen in Attac einen wichtigen Diskussionspartner. Die Bewegung spiele eine "sehr wichtige Rolle", weil sie die Vorbehalte der Menschen gegen die Globalisierung formuliere. Nur in der Auseinandersetzung mit den Kritikern könnten Bedenken und Ängste ausgeräumt werden, sagt Straubhaar. Die Diskussion habe jedoch dort ihre Grenze, wo sie in Konfrontation ausarte.