Mahmud Abbas tritt aus Jassir Arafats Schatten

Ramallah - In der galiläischen Stadt Safed erinnern sich noch die älteren Einwohner an einen Dreikäsehoch. Mit zwölf Jahren brachte er auf einem Esel den berühmten Safed-Käse aus der kleinen Molkerei seines Vaters zu den Kunden. Auch Geld kassieren konnte er schon. Der kleine Mahmud kannte die Preise und konnte handeln. Zuverlässig, vertrauenswürdig und geschickt war er im Umgang mit seinen Partnern: So charakterisieren auch heute noch viele seiner Freunde Mahmud Abbas. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem verstorbenen Jassir Arafat, wurden bei Abbas diese Charaktermerkmale niemals angezweifelt.

Im Gegensatz zu Arafat kennt der neue Präsident der palästinensischen Autonomie das Flüchtlingstrauma aus persönlicher Erfahrung. 1948 flüchtete die Familie Abbas nach Syrien. Mahmud wuchs in Syrien auf, wo er Jura studierte. Als Verwaltungsdirektor machte er am Golf Karriere und Geld. Schon Ende der fünfziger Jahre versuchte er, Kontakt zu Bewegungen zu knüpfen, die sich für eine Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge einsetzten. 1965 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Al Fatah-Partei um Arafat.

Schon damals galt er als fleißig, aber grau und uncharismatisch. Ein Theoretiker, ein Finanzexperte, immer etwas abseits vom Hauptstrom. Als die palästinensische Führung in Beirut saß, lebte Abbas in Damaskus. Niemand erinnert sich daran, ihn je mit einer Waffe in der Hand gesehen zu haben.

Als Student der Geschichte in Moskau machte er den Zionismus zu seinem Thema und sah ihn als ausschließlich militärische Bewegung, sozusagen als Spiegelbild zur eigenen Fatah, die sich damals ebenfalls als militärische Kraft sah. In Israel wird ihm vor allem ein Kapitel seiner Abschlußarbeit zum Vorwurf gemacht, das der zionistischen Bewegung gezielte Unterstützung des Nationalsozialismus nachsagt. In den neunziger Jahren distanzierte sich Abbas von dieser Darstellung, doch seine Gegner in Israel erinnern bis heute daran.

Später korrigierte Abbas seine Ansichten über Israel. Er war einer der Ersten, der den Kontakt zu israelischen Unterhändlern suchte. Schon Ende der siebziger Jahre traf er mit Mati Peled zusammen, Chef des militärischen Geheimdienstes im Sechs-Tage-Krieg und Friedensaktivist im Ruhestand. 1977 legten die beiden erste Grundsätze für einen Friedensschluß vor.

Unverbindliche Gespräche unter Vermittlung durch gemeinsame ausländische Bekannte führten ab 1989 auch zur Osloer Grundsatzerklärung. Er sei ein zuverlässiger und geschickter Unterhändler, so bestätigen es seine Gesprächspartner dem Pragmatiker Abbas. Einigen der israelischen Unterhändler entging dabei nicht, daß der Theoretiker Abbas im Friedensprozeß eine Möglichkeit erkannt hatte, die zionistische Bewegung zu spalten.

Sein Aufstieg in der Fatah und in der PLO kam aus dem Hintergrund. Wann immer jemand aus der ersten Führungsreihe um Arafat ausschied - meist durch Attentate des israelischen Geheimdienstes - rückte Abbas nach. Seine Zuverlässigkeit hatte auch in dieser Periode Bestand, so daß er sich letztlich als Nummer Zwei der Palästinenser hinter Arafat positionierte.

So war es, als er mit Arafat 1995 die palästinensische Autonomieverwaltung errichtete. Obwohl oder gerade weil er als Nachfolger Arafats galt, hielt dieser ihn von wirklichen Schlüsselpositionen fern. Unter anderem wurde er 1996 Chef des Wahlaufsichtsbüros. Er legte damals die Grundlagen, die zum reibungslosen Ablauf der eigenen Wahl am Sonntag führten.

Arafat redete immer laut und pathetisch von Todesbereitschaft. Abbas ist kein Mann der großen Worte. Und große Taten werden unter den jetzigen Umständen noch lange auf sich warten lassen. Eine Politik der kleinen Schritte wird viel Geduld erfordern, aber auch sie kann zum Erfolg führen. Vor allem aber braucht sie Hilfe aus aller Welt. Auch aus Israel.