Migration

Mangelnde Integration: Studie über Türken alarmiert Politiker

Die Bundesregierung will das Bildungsniveau türkischer Migrantenkinder bis 2012 auf das ihrer deutschen Altersgenossen heben. Dieses Ziel bekräftigte gestern die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer.

- "Wir müssen die Anstrengungen verdoppeln, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten", so die CDU-Politikerin. Sie reagierte auf eine Studie des Berlin-Instituts, der zufolge Türken aufgrund mangelhafter Bildung von allen Migrantengruppen am schlechtesten in Deutschland integriert sind. Allein rund 30 Prozent in dieser Gruppe haben keinen Bildungsabschluss. Aussiedlern stellte die Untersuchung dagegen ein gutes Zeugnis aus.

Politiker, Soziologen und Migrantenvertreter ringen nun um die Deutungshoheit. Noch zeichnet die Debatte eine ungewohnte Qualität aus: Die Ergebnisse der Studie werden zwar bedauert, doch weitgehend akzeptiert. Reflexartige Zurückweisungen sind die Ausnahme. "Die Befunde sind nicht schön, aber so ist offenbar die Realität", sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Morgenpost. Den Vorwurf, Türken schotteten sich bewusst ab, will Kolat aber nicht gelten lassen. Es sei noch immer traurige Realität, dass es Türken etwa auf dem Arbeitsmarkt schwerer hätten. "Wenn sich ein deutscher und ein türkischstämmiger Jugendlicher mit gleichen Qualifikationen um einen Ausbildungsplatz bewerben, dann bekommt in der Regel der deutsche den Job." Solche Erfahrungen behinderten Integration, so Kolat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte gestern Verbesserungen in Aussicht. Auf einem Symposium zur Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt nannte sie dies "eine der Zukunftsfragen" für die Bundesrepublik. "Deutschland kann das Potenzial, das in den Zuwanderern liegt, auf gar keinen Fall brachliegen lassen", sagte Merkel. Die Studie sieht die Kanzlerin als Ansporn, die bestehenden Probleme anzugehen. Die SPD-Integrationsexpertin und Islambeauftragte Lale Akgün appellierte dabei auch an die Migranten selbst, sich stärker in die Pflicht nehmen zu lassen. "Es kann nicht sein, dass Migranten immer erwarten, dass Deutschland etwas für sie tut, und sie selbst tun gar nichts, außer dazusitzen und zu jammern, wie schlimm es ihnen geht", sagte sie der Morgenpost.

Ob die Anstrengungen letztlich dazu führen werden, dass mehr Zuwanderer beruflich aufsteigen und sich damit besser integrieren, daran zweifeln Experten wie der Islamwissenschaftler Peter Heine von der Berliner Humboldt-Universität. Vor allem in den Großstädten wie Berlin sei der Integrationsdruck viel zu gering, weil die Infrastruktur sich auf die Bedürfnisse der Türkisch sprechenden Klientel eingestellt habe. "In manchen Stadtteilen braucht man kein Wort Deutsch zu sprechen, um das Leben zu meistern", so Heine. Der Wissenschaftler hält es für sinnvoll, gezielt auf eine höhere Zahl von Migranten in bestimmten Berufen hinzuwirken: "Man könnte sich in attraktiven Berufen auch die Schaffung einer Quote für Ausländer vorstellen."

Er warnt die Politik vor übertriebenen Erwartungen an die muslimischen Mitbürger. Massenhafte Eheschließungen von Deutschen und Türken werde es auch künftig nicht geben. Die Studie nahm die geringe Quote von fünf Prozent Ehen zwischen Deutschen und Türken als Indikator für mangelhafte Integration. Der Islam wendet sich aber gegen Ehen zwischen muslimischen Frauen und Andersgläubigen - eine Erklärung für die niedrige Zahl an Mischehen. Seite 14

"Man könnte sich in attraktiven Berufen auch die Schaffung einer Quote für Ausländer vorstellen" Peter Heine, Islamwissenschaftler