Studie

Türken in Deutschland: Das schwere Erbe der ersten Generation

Es ist erst wenige Tage her, dass der Brandbrief der Schulleiter aus Mitte Diskussionen um die Krise an Schulen mit hohem Migrantenanteil neu anfachte. Von einem "bildungspolitischen Aus" an Schulen mit einem Anteil von 90 Prozent ausländischen Schülern war darin die Rede, und von erschreckenden Kriminalitätsraten.

- Um fehlendes Geld, aber auch um fehlende Integration ging es. Wie sehr sie oftmals fehlt, zeigt nun eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur "Lage der Integration in Deutschland".

Die Studie vergleicht erstmals systematisch die Integrationserfolge einzelner Migrantengruppen, darunter auch Einwanderer mit deutschem Pass, und bewertet die Bundesländer nach deren Integrationserfolgen. Eines ihrer Ergebnisse: Ein bedeutender Teil der Migranten in Deutschland verweigert sich schlicht und einfach der Integration. Das gilt vor allem für die Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afrika und besonders aus der Türkei.

32 Prozent der Türken wurden Deutsche

Obwohl die meisten Türkischstämmigen seit langem hier leben und knapp die Hälfte von ihnen hier geboren wurde, zeigen laut Studie viele kaum die Bereitschaft, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Türken seien im Durchschnitt schlechter gebildet, schlechter bezahlt und häufiger arbeitslos. 32 Prozent von ihnen hätten bisher die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Das ist nicht verwunderlich: Als die ersten türkischen Gastarbeiter vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, wollten sie nicht lange bleiben, sondern schnell Geld verdienen und dann in die Heimat zurückkehren. Dazu ist es allerdings meist nicht gekommen. Mittlerweile bilden die Türken mit 2,81Millionen nach den Aussiedlern aus den ehemaligen Ostblock-Staaten die zweitgrößte Einwanderergruppe.

Bis heute wirkt sich die Herkunft der türkischen Einwanderer - die meisten stammen aus wenig entwickelten Gebieten im Osten des Landes - negativ auf die Integration aus. Denn nicht nur kam die erste Generation, billige Arbeitskräfte, häufig ohne jeden Schul- oder Berufsabschluss - auch ihre Kinder und Enkel lassen oft nur wenig Bildungsmotivation erkennen. Immer noch haben 30 Prozent der Türkischstämmigen keinen Schulabschluss. Nur 14 Prozent haben das Abitur, womit dieser Anteil nicht einmal halb so groß ist wie in der deutschen Bevölkerung und auch deutlich geringer als bei anderen Zuwanderern. Bildung ist jedoch der Schlüssel zur Integration.

Laut Heinz Buschkowsky, SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln, beginnt die Bildungsmisere in den Familien. "Viele Migrantenfamilien sind nach unseren Beobachtungen überfordert mit der Individualerziehung." In den dörflichen Welten, aus denen viele von ihnen kämen, sei es weder üblich noch nötig, sich intensiver um Kleinkinder zu kümmern. "Dass dies aber in der deutschen Wissensgesellschaft erforderlich ist, begreifen die Eltern nicht, schon deshalb, weil sie selbst nur wenig Kontakt zu dieser Wissensgesellschaft haben", sagte Buschkowsky der Berliner Morgenpost. Da türkische Migranten besonders schlecht ausgebildet sind, tun sie sich auch auf dem Arbeitsmarkt schwer, woran sich in der zweiten und dritten Generation wenig ändert. Viele sind arbeitslos, die Hausfrauenquote ist extrem hoch, ein großer Teil ist abhängig von Sozialleistungen.

Erklärungen finden sich vor allem in der ersten Generation. Sie hat ihren Wunsch, in die Türkei zurückzukehren, nie aufgegeben. Die integrationspolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Bilkay Öney, sagt: "Viele Türken leben mit dem Körper hier, mit dem Kopf und dem Herzen jedoch in der Türkei."

Tatsächlich belegt die aktuelle Studie des Berlin-Instituts, dass türkische Einwanderer sich oft isolieren. Zu einer Vermischung mit der Mehrheitsgesellschaft, die in anderen Zuwanderergruppen stetig voranschreitet, kommt bei den Türken kaum voran. Beleg dafür ist der geringe Anteil bikultureller Ehen: Er liegt nur bei fünf Prozent. Ein Grund dafür dürfte wie bei vielen Menschen aus dem Nahen Osten der muslimische Glaube sein. Auch in der zweiten Generation steigt der Anteil der Ehen mit Deutschen bei türkischstämmigen Migranten nur minimal. Parallelgesellschaften, die einer Angleichung der Lebensverhältnisse im Wege stehen, sind die Folge.

Migranten: Sonderfall Berlin

Allerdings: Gerade im Vergleich mit den anderen Bundesländern ist Berlin ein Sonderfall. Zwar gehört Berlin zu den Ländern mit dem höchsten Migrantenanteil (23 Prozent), und nirgendwo sonst leben so viele gering qualifizierte Migranten. Andererseits gibt es aber auch eine ausländische Bildungselite.

Dramatische Werte gibt es vor allem bei den gering gebildeten Migranten: 18 Prozent verfügen weder über einen schulischen noch beruflichen Abschluss. Die Arbeitslosenquote ist mit 31 Prozent die zweithöchste in ganz Deutschland. Erklärungen finden sich auch hier in der Zuwanderungsgeschichte, genauer: mit der speziellen Berlins. Der Anteil türkischer Zuwanderer in mit 24 Prozent einer bundesweit höchsten, während der Aussiedleranteil mit 14 Prozent der niedrigste ist. Genannt werden zudem der noch nicht vollendete wirtschaftliche Strukturwandel und die schlechte wirtschaftliche Entwicklung der Stadt: Nach der Wende brachen hunderttausende vielfach subventionierte Industriearbeitsplätze weg, die viele türkische Gastarbeiter angezogen hatten. 26 Prozent aller Berliner Migranten hängen von öffentlichen Leistungen ab - allerdings tun das auch deutlich mehr Einheimische in Berlin als in anderen Bundesländern.

Es kommen jedoch auch einige hoffnungsvolle Zahlen aus Berlin: Neben den gering Qualifizierten zieht die Stadt auch die gut Ausgebildeten an, nicht nur, weil sie einer der wichtigsten Bildungs- und Forschungsstandorte ist. 43 Prozent der in Berlin lebenden Migranten haben Abitur, 39 Prozent verfügen über einen Hochschulabschluss - bei diesen Indikatoren belegt Berlin mit großem Abstand Rang eins. Auch der Anteil von Migranten in Vertrauensberufen und im öffentlichen Dienst ist mit elf Prozent vergleichsweise hoch.

Die hoffnungsvollsten Zahlen in ganz Deutschland kommen vor allem von einer der Gruppe: Im Durchschnitt am besten eingegliedert sind dagegen die rund zwei Millionen Menschen aus anderen EU-Staaten - freilich nicht die aus den südeuropäischen Ländern. Ebenfalls gute Integrationswerte weisen die Aussiedler auf, die mit knapp vier Millionen die größte aller Migrantengruppen bilden. Beide Gruppen haben nach Ansicht der Forscher kaum Probleme dabei, Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft zu finden und sich in die Gemeinschaft zu integrieren.

Über die Aussiedler war bisher wenig bekannt, weil sie sofort einen Anspruch auf einen deutschen Pass haben und statistisch schwer zu identifizieren sind. Sie werden in der aktuellen Studie erstmals als eigene Gruppe untersucht, weil in der Datenbasis, dem Mikrozensus 2005, auch die Herkunft der befragten Menschen berücksichtigt wurde. So vermag diese Studie ein sehr differenziertes Bild der insgesamt 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund zu zeichnen.

Die Studie gliedert sie in insgesamt acht Gruppen auf: Neben Aussiedlern aus Osteuropa, Türken, Südeuropäern und Menschen aus den anderen EU-Staaten sind dies Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Ostasien, Afrika und dem Nahen Osten, wozu der Libanon, die Palästinenser-Gebiete, der Iran und der Irak gehören. Insgesamt schlechte Ergebnisse gibt es bei den Afrikanern, Ex-Jugoslawen, den Menschen aus dem Nahen Osten und besonders den Türken.

Hingegen sind die lange als ebenfalls sehr gefährdet angesehenen Aussiedler die Gewinner in dieser Studie. Bei früheren Warnungen wurde oft übersehen, dass sie bereits mit einem relativ hohen Bildungsstand nach Deutschland gekommen waren. Deshalb fanden und finden sie sich gut auf dem Arbeitsmarkt zurecht. Doch hat sich bei ihnen die Generation der in Deutschland Geborenen gegenüber der ihrer Eltern in jeder Hinsicht noch deutlich verbessert. Nur drei Prozent von ihnen sind ohne Schulabschluss, 28 Prozent der Aussiedler haben die Hochschulreife, und auch beim Geschlechterverhältnis haben sie sich der deutschen Gesellschaft mittlerweile angepasst.

Schäuble: Deutsch lernen unverzichtbar

Auffällig ist, dass mehr Mädchen als Jungen das Gymnasium besuchen und mehr Frauen als Männer die Schule mit dem Abitur abschließen. Außerdem gibt es unter den Frauen in dieser Gruppe genauso viele Akademiker wie bei unter Männern. Wie bei den Einheimischen liegt die Hausfrauenquote bei nur knapp 20 Prozent. Zudem setzen die Aussiedler im Gegensatz zu den Türkischstämmigen auch in Herzensdingen auf Integration. So hatten zwar in der ersten Generation nur 17 Prozent der Verheirateten einen hiesigen Partner, denn viele Aussiedler waren im Familienverband gekommen. Doch in der zweiten Generation hat sich der Anteil der Ehen mit einheimischen Deutschen auf 67 Prozent vervierfacht.

In einer ersten Reaktion auf die Studie hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) bereits an türkische Eltern in Deutschland appelliert, ihre Kinder Deutsch lernen zu lassen. Wenn die Kinder mit unzureichenden Deutsch-Kenntnissen in die Schule kämen, sei das "nicht hinnehmbar", sagte der Minister dem "Spiegel". Er verwies auf eine Vereinbarung der Länder, dass bis spätestens 2010 flächendeckend die Sprachkenntnisse der Kinder vor der Einschulung getestet und bis 2012 eine Sprachförderung sichergestellt werden solle. "Multikulti ist keine Lösung".