Ein "Khon Dee" - ein guter Mann

Auf der thailändischen Insel Phuket nennen sie ihn liebevoll "Khon Dee", einen guten Mann. Der Münchener Arzt Gerhard Melcher bot einer Klinik in Patong kostenlos seine Hilfe an - operierte Tag und Nacht, vier Tage lang.

Patong - Der Arzt Gerhard Melcher, 39, ist gerade auf dem Weg ins Fitneßstudio, als ihn der Tsunami per Telefon erreicht: "Ich sollte schnell in die Klinik von Patong kommen. Ein Freund von mir sei verletzt." Auf dem Weg sieht Melcher viele Menschen auf den Straßen. Er wundert sich, denkt sich aber noch nichts. Erst im Krankenhaus erfährt er von dem Unglück. Sein Freund Rudi Sülzer, seit Jahren infolge eines Motorradunfalls querschnittsgelähmt, hatte im Rollstuhl am Strand der Touristenhochburg gesessen. Als die erste Welle kommt, denkt er, jetzt ist es aus. Die Welle überspült ihn nur, die zweite reißt ihn aufs Meer hinaus. Dort kann er sich an einer Holzbank festhalten. Die dritte Welle treibt ihn auf eine Palme zu, an der er sich festhalten kann. Während Gerhard Melcher ihm eine klaffende Platzwunde am Kopf näht, erzählt Rudi seine Geschichte. Dann treffen immer mehr Opfer ein. Und für Gerhard Melcher beginnt der längste Einsatz seines Lebens.

"Ich konnte überhaupt nicht nachdenken, sondern arbeitete sofort in der Notaufnahme mit." Herzdruckmassagen, Sauerstoffversorgung, Adrenalininjektionen. "Besonders schlimm war, daß so viele Kinder mit offenen Wunden versorgt werden mußten. Die kann man schlecht betäuben. Das Krankenhaus in Patong auf der Ferieninsel Phuket ist zwar gut ausgestattet, hat aber nur einen OP und einen Intensivraum. Also mußten wir die Patienten auch in den Gängen behandeln." Rund zwei Drittel Touristen, ein Drittel Einheimische.

16 Stunden dauert die erste Notversorgung von Tsunami-Opfern im Krankenhaus von Patong. Melcher versorgt Wunden: reinigt, näht, verbindet. Dann setzt er sich auf sein Moped und rast über die Insel ins Vachira Phuket Hospital, wo er seit Juni einen Teil seiner Facharztausbildung zum orthopädischen Unfallchirurgen absolviert. Das mit 1000 Betten größte Krankenhaus im Umkreis von 400 Kilometern, füllt sich unaufhörlich. Immer wieder fahren Pick-ups vor, auf deren Ladeflächen Verletzte liegen. Es herrscht Chaos.

Gerhard Melcher, 39, kann man zwischen den eher klein gewachsenen Thais nicht übersehen: 1,83 Meter groß, 83 Kilogramm schwer, breite Brust, starke Nacken- und Armmuskulatur. Ein athletischer Typ mit markanten Gesichtszügen. Auf dem rasierten Schädel trägt der Mann ein grünes Kopftuch. Er strahlt Ruhe aus. In den sechs Monaten auf der Insel hat der Mann schon gut Thai gelernt. Und das ist gut so, denn die Schwestern sprechen selten Englisch, auch viele der Thai-Ärzte sprechen nur gebrochen Englisch. Bald sind die Zimmer im Vachira Phuket Hospital schon um mehr als das Doppelte belegt. Leichter Verletzte sitzen in den Gängen. "Was mich sehr gewundert hat: Viele Thais wurden auf Matratzen auf den Boden gelegt. Ich habe das bei keinem Ausländer gesehen." Er berichtet von einem sehr dicken deutschen Patienten, der auf zwei Matratzen gebettet worden ist. "Der Thai neben ihm lag auf dem Holzrost - ohne Matratze." Gegen Montagmittag kommt die Organisation der Hilfsstellen voran. Übersetzer bieten sich an, erste Telefone werden installiert. Wasser und gespendete Kleidung werden verteilt. Gerhard Melcher hat seit Sonntagmorgen noch keine Minute geschlafen.

Wenn er keine Wunden versorgt, steht er an der Aufnahme und übersetzt auf Englisch und Thai. Angehörigen von Opfern gibt er sein Handy, damit sie die Familien in Deutschland informieren können. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, aber eine, von der er weiß, daß er später ein Problem haben wird. Denn für seine Arbeit im Krankenhaus bekommt er kein Geld. Er lebt von Erspartem und das ist knapp kalkuliert. Bis August hätte das Geld gut gereicht. Eine Handy-Rechnung von einigen hundert Euro wird diese Zeit verkürzen.

Am Abend kommt der erste Schub Schwerverletzter aus Khao Lak im Vachira Phuket. Bis die Patienten versorgt sind, ist die Nacht vorbei, und immer wieder kommen die Pick-ups mit neuen Opfern. Das Krankenhaus hat nur acht Krankenwagen. "Hier war über Tage alles vollkommen ausgelastet. Was ich unbedingt betonen muß, ist die Leistung der Thais. Die haben getan, was sie konnten, und das mindestens auf dem Niveau von deutschen Kliniken." Konkret bedeutet das: Die medizinischen Standards sind auf hohem Niveau, Operationssäle modern. Die Zimmer aber sind gnadenlos überfüllt. Dicht an dicht stehen die Betten, leichter verletzte Patienten liegen teilweise auf Decken auf dem Boden: "Die Krankenzimmer sind sicher nicht so komfortabel wie in Deutschland, aber die ganze Situation war sowieso ein absoluter Notstand", sagt Melcher. "Sicher war das für viele Europäer zusätzlich belastend."

Am Donnerstag schließlich holen den Mann die Anstrengung und das Erlebte ein. Für eine Viertelstunde weicht die Energie aus dem trainierten Körper. Er weint, kann nicht mehr. Dann reißt er sich wieder zusammen und arbeitet weiter. Am Abend sucht er sich irgendwo im Krankenhaus eine freie Bahre und schläft vier Stunden. Warum Gerhard Melcher so lange konzentriert durchhalten konnte, kann er nach dieser übermenschlichen Kraftanstrengung nicht erklären. Etwa 30 Operationen, unzählige Notaufnahmen und Wundversorgungen hat er hinter sich. Wie viele Menschen er behandelt hat, kann er nicht sagen. Sicher ist, daß er als langjähriges Mitglied in der deutschen Nationalmannschaft der Ski-Kunstspringer eine überdurchschnittliche Konstitution hat. Als junger Mann hat er Triebwerksmechaniker gelernt, dann sein Abi nachgeholt und seinen Diplom-Ingenieur als Maschinenbauer gemacht. Das Medizinstudium absolvierte er in München, wo er aufgewachsen ist. Hier macht er auch seinen Doktor. Jessada Chungpoibulpatana, Direktor des Vachira Phuket Hospital, hält große Stücke auf seinen Kollegen: "Er ist ein Khon Dee, ein guter Mann." Er sei beeindruckt von der Leistung des Deutschen. Am Freitag sagt Melcher: "Für jetzt ist es erst mal vorbei". Zum ersten Mal seit vier langen Tagen macht er sich auf den Weg nach Hause. Rund 96 Stunden war er im Einsatz.

Vorbei ist sein Einsatz aber noch lange nicht. In den nächsten Tagen kommen immer wieder neue Verletzte in die Klinik. Überwiegend Thais. Denn bevorzugt hat man die Farrangs, die Farrangs zuerst gerettet. Gerhard Melcher hat einige Thai-Freunde und weiß, warum das so ist: "Hier gibt es starkes Hierarchiedenken. Ganz oben steht der König, dann kommen die Mönche, dann Geschäftsleute und etwa auf dieser Stufe stehen auch die Ausländer. Sie sind weiß, haben eine große Nase und gelten als reich." Und Gerhard Melcher weiß, daß diese Menschen Hilfe brauchen. So wie andere, die sich hier im Land zu Hause fühlen, engagiert er sich jetzt für die praktische Hilfe vor Ort. Für den Wiederaufbau. Denn viele Thais haben ihre Lebensgrundlage verloren.

Auch wenn Mai pen rai, was so viel heißt wie, "das macht nichts, es wird schon gehen", ein geflügeltes Wort ist und die Lebenseinstellung der Thais gut beschreibt, wissen viele nicht, wie es weitergehen soll. Gerade war Melcher auf einer Insel, die in der Nähe des völlig zerstörten Khao Lak liegt: "Die Menschen dort wurden ganz hart getroffen. 70 Tote haben sie gefunden, 400 Menschen gelten als vermißt." Viele kamen aus dem Issan, an der nordöstlichen Grenze von Thailand zu Laos. "Der Dorfälteste vermutet, daß viele ,Gastarbeiter' nach der Katastrophe aus Angst dorthin zurückgekehrt sind, wissen tut es aber niemand." Und dann erzählt er weiter: Zwölf Boote hatten die Fischer. Der Tsunami halt alle versenkt. Die Häuser sind weg. Die etwa 40 Menschen dieses Fischerdorfes haben nichts mehr. Eines der wegen des langen Auslegermotors genannten Longtail-Boote kostet etwa eintausend Euro. Das ist sehr viel Geld für diese Menschen. "Wir wollen versuchen, diesen Menschen mit Spenden schnell und unbürokratisch zu helfen", sagt Gerhard Melcher. "Wir" meint, daß Freunde hier und in Deutschland helfen Geld einzusammeln und vor Ort an die weitergeben, die es brauchen. "Geld, das über große Töpfe läuft, kommt vielleicht nicht an." Korruption ist ein großes Thema in Thailand. Und wie überall auf der Welt kommen zuerst die zum Zug, die gut organisiert sind. Dazu gehören sicher nicht die armen und einfachen Menschen auf Phuket.

Wie schwierig die Hilfe aufgrund der Eigenarten des Landes sein kann, auch das weiß Gerhard Melcher: "Sicherlich sind viele der Hilfskräfte, die aus Deutschland gekommen sind, für ihre Arbeit gut qualifiziert. Wer aber in kurzen Hosen und T-Shirt in ein Krankenhaus kommt, wird nicht ernst genommen. Die Thais denken dann: "Kann der sich keine lange Hose leisten?" Wie fast alle Asiaten ist der "Gesichtsverlust" besonders schlimm. "Wenn ein Thai zum Beispiel nur wenig Englisch spricht und merkt, daß der andere das viel besser kann, wird er gar nicht reden, um nicht sein Gesicht zu verlieren." Das bedeutet das Aus für jegliche Kommunikation, denn kaum ein Ausländer spricht Thai. Melcher schon: "Ich dachte am Anfang, daß mich gewisse Ärztekollegen nicht leiden können. Die hatten einfach Angst, mit mir zu reden, weil sie sich nicht blamieren wollten. Je besser ich Thai sprechen gelernt habe, desto weniger gibt es dieses Problem. Jetzt reden alle mit mir."

Wenn er genug Spenden sammeln kann, will Gerhard Melcher nach der Soforthilfe auch langfristig helfen. Zur Zeit versucht er heraus zu bekommen, wie viele Kinder Waisen geworden sind und wo diese sich befinden: "Waisenhäuser gibt es nicht. Die Kinder kommen bei Familien und Freunden unter. Sind diese arm, werden die Kinder früh zum Arbeiten geschickt. Sie aber sind die Zukunft. Und sie brauchen eine gute Ausbildung. Das würde ich gern ein paar von Ihnen ermöglichen."