Nahost

Vorbereitungen auf eine neue Gaza-Offensive – Israel hat keine Alternative

Schimon zieht die Rollläden seines "Café Orient" hoch. Zu Hause bleiben oder im Geschäft stehen? "In Sderot ist das Risiko überall dasselbe", sagt der fast 70-Jährige. "Bald nicht mehr, das Risiko trägt jetzt Gaza", ruft die Nachbarin vom Kiosk nebenan. Schimon bleibt nachdenklich: "Solche Rauchsäulen über Gaza habe ich schon so oft gesehen. Aber die Raketen schlugen auch danach noch bei uns ein."

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Wie Schimon ist die Mehrheit der Grenzanrainer gestern wieder zur Arbeit gegangen. Trotz der ständigen Raketenalarme und obwohl an die 80 Betriebe vorsorglich die Tore geschlossen halten. Aber die Zahl der Alarme ist mit Beginn der israelischen Luftangriffe ja etwas zurückgegangen. Der Straßenfeger zwei Straßen weiter hat genau gezählt: "In den letzten 24 Stunden schlugen nur zwölf Kassams ein." Nur. Das ist die alte Sderot-Zählung.

Raketen schlagen in israelischen Orten ein

In Aschdod, 25 Kilometer weiter nördlich, schlugen gestern Morgen drei Bodenraketen russischer Bauart ein. Die haben spürbar mehr Schlagkraft als die Kassam-Raketen und Granaten, die seit Jahren auf die Grenzorte am Gazastreifen abgeschossen werden. Und sie haben eine Reichweite von 40 Kilometern. Damit können sie schon den Süden des Großraums Tel Aviv treffen. In Aschdod sind die Einwohner nicht daran gewöhnt, mehrmals täglich in die Schutzräume zu rennen. "Papa ist noch schnell gelaufen und hat die Haustür zugemacht", erzählt Orel Alschech, "dann hat es ganz laut gekracht. Da hab ich geweint, aber jetzt schon nicht mehr." Eine Stunde nach dem Treffer "im Ort unweit Aschdod" (genauere Angaben lässt der Militärzensor nicht zu) hat sich der Siebenjährige schon wieder etwas beruhigt. Die Bombe schlug dicht am Haus ein. Überall haben die Splitter Spuren hinterlassen, kein Fenster blieb ganz. Nur Sachschaden. Nur. Das ist die neue Aschdod-Zählung. Mehr als eine Million Israelis müssen jetzt jeden Tag rund um die Uhr mit solchen Einschlägen rechnen. Auch in der Nacht.

Auf der Grenzstraße zum Gazastreifen fahren zurzeit nur wenige Privatautos. Niemand soll sich in Sichtweite zur Grenze bewegen. Hier drohen Scharfschützen. Die Soldaten neben ihren Panzern unweit der Schnellstraße tragen schusssichere Westen. Militärlastwagen sind auf der Straße ständig zu sehen. Der Nachschub rollt und auch Verstärkung. 6500 Reservesoldaten wurden gestern mobilisiert. Die Frage ist schon nicht mehr, ob die Armee in den Gazastreifen einrückt. Damit wird stündlich gerechnet. Die Frage lautet vielmehr: Wie tief rücken sie ein? Wie lange?

Erinnerungen an den Libanonkrieg

Mit den Planungen für eine Gaza-Offensive werden auch Erinnerungen an den Libanonkrieg im Sommer 2006 wach, in dem die israelische Armee planlos vor- und ohne Erfolge wieder abrückte. Deshalb stellt Amos Malka Forderungen. "Die Ziele müssen genau festgelegt sein. Sind die erreicht, steht auch fest, wann es wieder herausgeht", sagt der ehemalige Chef des militärischen Geheimdienstes. Er ist gegen eine Rückeroberung des Gazastreifens, wie sie von manchen gefordert wird. "Die Gründe, die 2005 zu unserem Abzug aus Gaza führten, gelten auch heute noch." Auch als die Armee noch in Gaza stand, wurden Raketen auf Sderot gefeuert. Auch danach.

Jaakov Amidror war der Stellvertreter Malkas im Geheimdienst. Er sieht die Lage gegensätzlich: "Es hilft nichts. Letztlich muss die Armee im Gazastreifen bleiben. Auch in der modernen Kriegsführung gibt es keinen Ersatz für die Eroberung von Boden zur Absicherung vor neuen Angriffen", sagt Amidror.

An der Grenze zum Gazastreifen ist die Lage angespannt. Doch für einige Minuten unterbrechen die Soldaten dort die Wartung der Panzer und lauschen den Nachrichten aus einem Radiogerät. Im israelischen Radio und auf Hebräisch wird Nachel Chalil vom Schifa-Hospital in Gaza interviewt. "Wir haben keine Medizin mehr, keine Betten", erzählt der Arzt, "vielleicht kommt ja heute neuer Nachschub. Olmert hat doch angekündigt, dass die Zivilbevölkerung weiter Grundversorgung erhält." Bislang sei aber noch nichts angekommen.

Einer der Soldaten wird wütend. "Wenn sie Medizin brauchen, rufen sie nach Olmert. Wieso denn nicht nach der Hamas? Wer sich so einen Raketenvorrat anlegen kann, soll doch auch mal für Medizin sorgen!" Kriegsbegeisterung ist unter den Soldaten allerdings nicht spürbar. Für die meisten ist es nicht die erste Aktion im Gazastreifen. Und wie Schimon im "Café Orient" wissen sie, dass der Raketenbeschuss der Hamas nach jedem Einmarsch immer wieder losging.