Krieg

Vorbereitungen auf eine neue Gaza-Offensive – Israel hat keine Alternative (2)

"Für die moderne Kriegsführung ist Clausewitz unentbehrlich", erklärte mir vor 30 Jahren Yitzhak Rabin. Israels ehemaliger Ministerpräsident wusste, wovon er sprach. "Krieg ist die Fortsetzung des politischen Verkehrs mit anderen Mitteln", bestimmte der preußische General und Philosoph in seinem Werk "Vom Kriege".

- Der Militär hatte gründlich den Krieg und seinen Ursprung erforscht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Politik selbst im Krieg stets Priorität genießt und der Strategie lediglich die Aufgabe zukommt, die Vorgaben der Politik gewaltsam umzusetzen. Der Krieg besitze, so Clausewitz "eine eigene Grammatik, aber keine eigene Logik".

Rabin war ein erfolgreicher Feldherr

Dieses theoretische Wissen machte Rabin zum erfolgreichsten Feldherrn Israels. Im Sechs-Tage-Krieg des Jahres 1967 errang Zions Streitmacht ihren strahlendsten Triumph. Innerhalb weniger Tage eroberten Rabins Truppen die Sinai-Halbinsel samt Gazastreife sowie das Westjordanland und die Golanhöhen. Doch die Israelis verstanden es nicht, ihren militärischen Sieg in politische Münze umzuwechseln. Lediglich Ministerpräsident Menachem Begin gelang 1979 ein Friedensabkommen mit Ägypten. Doch dieser Friede blieb bis heute eiskalt.

Der Gazastreifen nördlich Ägyptens ist palästinensisches Gebiet. Hier hat die islamistische Hamas ihre militanten Anhänger. Von Gaza aus griffen ihre Izz al Din al Kassam-Brigaden immer wieder die umliegenden israelischen Ortschaften an. Oberstes politisches Ziel der Hamas ist die "Befreiung ganz Palästinas". In ihrem Verständnis also die Vernichtung Israels und die Errichtung eines sunnitischen Gottesstaates. Die Hamas-Führung weiß, dass sie Israel mit dessen moderner Armee kurzfristig nicht militärisch besiegen kann.

Um ihr politisches Ziel dennoch zu erreichen, hat Hamas eine mehrstufige Strategie entwickelt. Durch Selbstmordanschläge und Raketenangriffe soll Israel zermürbt werden. Der permanente Kampf "mit dem zionistischen Feind" soll darüber hinaus der palästinensischen Bevölkerung demonstrieren, dass Hamas die einzige Kraft ist, "die jüdischen Eroberer zu bekämpfen und schließlich zu schlagen."

Einen ersten Teilerfolg errang Hamas vor drei Jahren. Israels damaliger Ministerpräsident Sharon ließ die jüdischen Siedlungen im Gazastreifen räumen und zog die Streitkräfte aus dem Gebiet zurück. Dies wurde von der Hamas als Kapitulation Zions gefeiert. Durch die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit verschafften sich die Islamisten ein Pfand in der Auseinandersetzung mit Israel und bewiesen darüber hinaus den eigenen Landsleuten ihre militärische Schlagkraft.

Vor einem Jahr errang Hamas den nächsten Sieg. Ihre zahlenmäßig unterlegenen Kampfverbände rangen die Truppen des gemäßigten Palästinenserpräsidenten Abbas nieder und übernahmen die Regierung des Gazastreifens. Nun tat Hamas den dritten Schritt. Ihre Guerilleros intensivierten den Beschuss des israelischen Umlandes mit Kassam-Raketen. Dies war nur mit der aktiven Hilfe Irans und der stillschweigenden Duldung Ägyptens möglich. Teheran stattet Hamas großzügig mit Geld und Waffen aus, die via Ägypten durch Tunnel nach Gaza geschmuggelt werden.

Die Israelis beugten sich vor einem halben Jahr den Gegebenheiten und stimmten einer Waffenruhe mit der Hamas zu. Ziel Jerusalems war die Freilassung seines entführten Soldaten im Austausch gegen palästinensische Terroristen zu erreichen. Doch Hamas schraubte ihre Forderungen immer höher und desavouierte auf diese Weise die ägyptischen Vermittler. Von ihrem Ziel, Israel zu zerstören, wich Hamas überhaupt nicht ab.

Am Vorabend des Weihnachtsfestes beendete die Hamas einseitig die Waffenruhe. Sie beschoss die umliegenden israelischen Dörfer und die Stadt Sderot mit Hunderten Kassam-Raketen und Granaten. Gleichzeitig brachten ihre Izz al Din-Verbände Grat-Raketen in Stellung. Damit, so ließen Hamas durchblicken, werde sie demnächst die israelischen Hafenstädte Asheklon und Ashdod angreifen.

Mit dieser Drohung wollte Hamas Jerusalem unter Druck setzen, folgende Forderungen zu erfüllen: die Freilassung aller palästinensischen Gefangenen, Räumung aller israelischen Siedlungen im Westjordanland, Aufhebung aller Blockaden. Hamas rechnete damit, dass Jerusalem auf diese Forderungen eingehen würde, "da die Juden im Gegensatz zu uns nicht zu Opfern bereit sind", so ein islamistischer Funktionär.

Damit war, so Israels Außenministerin Livni, "die rote Linie überschritten". Die Hamas-Bedingungen zu akzeptieren, hätte für Israel eine doppelte Kapitulation bedeutet. Zum einen wäre das Prestige der Hamas so weit gestiegen, dass die Stellung des gemäßigten Palästinenserpräsidenten Abbas unhaltbar geworden wäre. Israel hätte seinen potenziellen Friedenspartner verloren, den Islamisten wäre die Herrschaft über die Palästinenser wie ein reifer Apfel in den Schoß gefallen. Darüber hinaus hätte ein Einknicken Jerusalems die Moral des Staates und damit seine Überlebensfähigkeit erschüttert.

Verteidigungsminister demonstriert Stärke

Israels gegenwärtiger Feldzug trägt die Handschrift von Verteidigungsminister Ehud Barak. Der ehemalige General war Rabins Meisterschüler. "Wir leben in einer erbarmungslosen Erdregion. Nachgiebigkeit wird hier als Schwäche ausgelegt und konsequent bestraft", erklärte mir Barak bereits vor Jahren. Entsprechend zielt Baraks Strategie darauf ab, Israels Stärke zu demonstrieren. Dies ist nötig, da Jerusalem durch seinen dilettantischen Libanon-Feldzug vor anderthalb Jahren einen Teil seiner Abschreckungsmacht eingebüßt hat.

Mit dem Schockangriff der Luftwaffe gegen die gesamte Infrastruktur der Hamas sowie ihrer Polizei bewies Barak den Islamisten, den Bewohnern des Gazastreifens, aber auch den Palästinensern im Westjordanland, dass Israel wieder die Initiative an sich gerissen hat. Diese Demonstration zielt zunächst darauf ab, die Position von Präsident Abbas zu stärken. Der palästinensische Politiker warnte Hamas in den vergangenen Tagen wiederholt, dass sie durch Angriffe gegen israelische Zivilisten der palästinensischen Sache Schaden zufüge. Das harte Zuschlagen der Israelis unterstreicht die Worte von Abbas und zeigt, dass sich seine Verständigungspolitik im Gegensatz zum Terrorismus der Islamisten auszahlt.

Die Offensive der Israelis soll auch Iran als Paten der Hamas vor Augen führen, dass Jerusalem nicht gewillt ist, eine Bedrohung seiner Existenz auf Dauer hinzunehmen. Dies zielt vor allem auf die nukleare Aufrüstung Teherans. Israels Angriff ist eine letzte Warnung an das Mullah-Regime. Auch Syriens Präsident Assad wird zur Kenntnis nehmen, dass Israel dessen Unterstützung der terroristischen Hizbollah nicht tolerieren wird. Schließlich stehen in Israel Wahlen bevor. Barak ist Vorsitzender der Arbeitspartei. Sein entschlossenes Vorgehen soll die Wähler beeindrucken.

Barak und die israelische Regierung wissen, dass der Ausgang dieses Krieges unwägbar ist. Hamas kann militärisch nur entscheidend geschwächt werden, wenn Israel auch Bodentruppen einsetzt. Dies bedeutet trotz der überlegenen Bewaffnung Zions eine Gefährdung der eigenen Soldaten. Krieg ist "ein Akt der Gewalt", wie Clausewitz wusste. Er kann nur entschieden werden, wenn auch die israelische Bevölkerung, die wie jede westliche Wohlstandsgesellschaft Opfer scheut, bereit ist, Staat und Gesellschaft mit dem Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen. Die Israelis wissen, dass sie keine Alternative besitzen.

Morgenpost-Autor Rafael Seligmann ist zurzeit in Tel Aviv. Er kam 1957 im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern von Israel nach Deutschland. Rafael Seligmann hat sich als Publizist und Zeithistoriker international einen Namen gemacht.